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2xhab ich gern gelesen
geschrieben 2018 von Christine Todsen.
Veröffentlicht: 03.01.2018. Rubrik: Total Verrücktes


Der Verein der ungünstigen Geburtstage

Seit sie denken konnte, haderte Ronja mit ihrem Geburtsdatum. Sie war an einem 29. Februar zur Welt gekommen und konnte daher nur alle vier Jahre Geburtstag feiern. Zumindest im richtigen Sinne. Natürlich wurde ihr Wiegenfest auch in den übrigen Jahren nicht ignoriert, sondern fand dann am 1. März statt. Aber das war eben nicht ganz dasselbe.

Als sie bereits berufstätig war, sprach sie eines Tages mit ihrer Kollegin Melanie darüber. „Du hast es ja noch gut“, sagte diese, „du kannst wenigstens alle vier Jahre ausgiebig feiern. Ich dagegen wurde an einem 24. Dezember geboren. Mein Geburtstag wird IMMER von den Festlichkeiten zu Heiligabend und Weihnachten überlagert…“

„Ja, der 29. Februar und die Weihnachtstage sind wirklich denkbar ungünstig“, nickte Ronja. „Gibt’s noch weitere Tage dieser Art?“

Beide überlegten und beschlossen schließlich in einem Anfall von Übermut, einen „Verein der ungünstigen Geburtstage“ zu gründen. „Wir nehmen aber nur Leute auf, deren Geburtsdaten allgemein als ungünstig zu erkennen sind, so wie unsere. Leute, die sich nur deshalb ärgern, weil ihre Schwiegermutter am selben Tag Geburtstag hat, müssen draußen bleiben.“

Trotz dieser strengen Bestimmungen wuchs die Mitgliederzahl schnell an. Bundesweit entstanden Ortsvereine. Die meisten Geburtstagskinder hatten, wie die beiden Gründerinnen, entweder an einem 29. Februar oder in der Zeit vom 24. bis zum 26. Dezember das Licht der Welt erblickt. Für erstere organisierte der Verein ein Ersatzfest am 29. August (außer in Schaltjahren), für letztere am 25. Juni. An einem der beiden Ersatzfeste teilnehmen durften auch Mitglieder, die an einem anderen „ungünstigen“ Tag geboren waren. Zu diesen Geburtsdaten zählte zum Beispiel der 1. November, jedoch nur bei Wohnsitz in einem derjenigen Bundesländer, in denen Allerheiligen ein „stiller Feiertag“ ist.

Eines Tages erlebte Ronja eine Überraschung. Eine Frau klagte: „Ich wurde nach meiner englischen Großmutter June genannt. Hierzulande ist der Name ja ungewöhnlich. Das Schlimmste ist aber, dass ich überhaupt nicht im Juni geboren bin –“

„Sorry, da sind Sie hier falsch. Für ungünstige Namen sind wir nicht zuständig, nur für ungünstige Geburtstage.“

„Den habe ich aber auch! Es ist der 1. Juli, und jeder stellt deswegen dumme Fragen. Warum ich denn nicht July hieße und so weiter.“

Ronja hatte Verständnis für June, konnte aber nicht von ihren strengen Bestimmungen abweichen. Zum Glück kam ihr ein Geistesblitz zur Hilfe. Lachend schlug sie vor:

„Dumme Fragen verdienen dumme Antworten. Sagen Sie solchen Leuten einfach, Sie seien auf einem Schiff geboren worden, das über die Datumsgrenze fuhr. Eigentlich seien Sie am 30. Juni zur Welt gekommen, aber der fiel aus, sodass auf Ihrer Geburtsurkunde der 1. Juli steht.“

Betrübt schüttelte June den Kopf. „Das geht nicht. Ich wurde nicht auf einem Schiff geboren, sondern in Bielefeld.“

„Na, das passt doch prima! Wenn die Leute dann sagen, Sie kämen doch aus Bielefeld, sagen Sie: ‚Noch nie was von der Bielefeldverschwörung gehört? Diese Stadt gibt es gar nicht!‘“

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