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6xhab ich gern gelesen
geschrieben 2018 von Dirk Hoffmann.
Veröffentlicht: 22.03.2021. Rubrik: Persönliches


Selbstwortgedanken

Wussten Sie eigentlich, dass vor einiger Zeit ein Musiker aus dem Landkreis Detmold wegen Raubes und gefährlicher Körperverletzung verurteilt wurde und inzwischen wieder erfolgreich Platten macht? Oder, dass der Mai in diesem Jahr beunruhigend heiß war? Ersteres ist vollkommen uninteressant und die zweite Sensation hatten mir bereits meine fleißig ackernden Schweißdrüsen und fies stinkenden Hemden mitgeteilt. Schon drei Wochen, bevor es in einer Zeitschrift geschrieben stand, die ich in einem Wartezimmer gelesen habe.

Die Erfindung des Schreibens wird gerne als ein großer kultureller Schritt dargestellt und das ist auch richtig... aber geplant war das sicher anders, als es Historiker gerne darstellen. Ich meine, der erste Höhlenmensch, der festgestellt hat, dass man mit einem Stock etwas in den Dreck kratzen kann, wird sich nicht gedacht haben:“Super, jetzt kann ich endlich ein Drama in sieben Akten verfassen, in dem die gesamte Misere der modernen Gesellschaft, sowie die Schwächen und das Elend der menschlichen Existenz an sich, in allen Facetten behandelt werden.“ Nein, ganz ehrlich, er wird wahrscheinlich einen riesengroßen Pimmel in der Mitte des Dorfplatzes hinterlassen haben. Warum? Weil er es witzig fand und damit hatte er auch völlig recht. Worte schriftlich zu fixieren war auch lange Zeit schlichtweg nicht nötig, weil es damals nur eine recht kleine Anzahl von Menschen gab. Da war schlichtes sprechen natürlich die praktikabelste Methode der Kommunikation. Aber die Menschen vermehrten sich immer ungebremster und das viele Gerede wurde mit den Jahrhunderten vermutlich immer unerträglicher. Letztlich diente die Erfindung der Schrift wahrscheinlich vor allem dem Zweck, einige Leute dazu zu bringen einfach mal ihre Fresse zu halten.

Mit der Zeit wurde das Schreiben immer wichtiger und schon bald behaupteten viele gebildete Menschen, die Feder sei mächtiger als das Schwert. Ich denke aber beide sind gleichberechtigte Partner in einer sehr gelungenen Kooperation. Das geschriebene Wort legitimiert zwar die Vorgehensweise, aber die gute alte Gewalt bleibt hinterher trotzdem unverzichtbare, solide Handarbeit. Speziell sehr religiöse Menschen wollen vorher schwarz auf weiß sehen, wen sie denn nun hassen und umlegen dürfen und wen nicht.

Schreiben hat sich zu einer derart wichtigen kulturellen Errungenschaft entwickelt, dass selbst verzweifelte Menschen, die absolut nichts mehr zu verlieren haben, oft darauf zurückgreifen. Da liegt das Schreiben sogar noch weit vor der Malerei. Von Abschiedsbriefen hört man häufig, von Abschiedsgemälden dagegen eher selten.

Geschriebenes ist allgegenwärtig. Ich rede gar nicht von so herrlich praktischen Dingen wie Kochrezepten, Gebrauchsanleitungen, Eheverträgen und einstweiligen Verfügungen, sondern eher von den unterhaltsamen Texten, in denen lediglich Geschichten erzählt werden.
Durch eine große Buchhandlung zu spazieren ist für mich immer sehr tröstlich. Es gibt so unfassbar viele Bücher, dass ich mir gar nicht mehr wie ein Versager vorkomme, weil keines von mir dabei ist. Ich bin gar nicht zu unbegabt oder bequem, sondern hatte schlicht und ergreifend gegen diese Übermacht niemals auch nur die kleinste Chance. Es ist also nicht meine Schuld, ich bin hier das Opfer.

Nach welchen Kriterien suchen sich Autoren ihre Themen aus? Sind Leute, die Gedichte schreiben einfach süchtig nach Harmonie und wollen, dass endlich mal ein Teil zum anderen passt? Fast so realitätsfern wie lustige Geschichten. Deren Autoren können scheinbar dermaßen schlecht mit der harten Wirklichkeit leben, dass sie sich in absurd komische Fantasien flüchten müssen, um den Verstand nicht zu verlieren. Horror mag ich zwar sehr gern, aber erklären kann ich mir das nicht so recht. Grauenhafte Geschichten will man ja schließlich lieber vergessen, als sie zu verbreiten. Andererseits, so eine Zombie-Apokalypse erlaubt es einem natürlich auf seine Nachbarn zu schießen und die halbe Verwandtschaft einzuäschern. Wer will das nicht? Bei erotischen Geschichten habe ich immer den Verdacht, dass sie von Steuerfachgehilfinnen verfasst werden, die am Stand von Lloret de Mar einfach zu viel Zeit hatten um sich Gedanken zu machen, bevor sie abends dann den einen oder anderen angesoffenen Kegelbruder, oder auch den kompletten Verein samt Kegeln, abgeschleppt haben.

Also ich persönlich schreibe, weil...
Verdammt, jetzt habe ich gerade zum dritten Mal den kompletten Absatz gelöscht denn, wenn ich mal ehrlich zu mir selber bin, war das alles Schwachsinn. Das Löschen ist ohnehin eine tolle Sache beim schreiben, ich wünschte beim reden gäbe das auch.
Etwas erzählen wollen, Erfahrungen teilen, in ungekannte Welten entführen, sich künstlerisch verwirklichen und kreativ komplexe Handlungen konstruieren... blablabla. Es ist okay, wenn Leute aus diesen Gründen schreiben, aber ich tue das wohl nicht.
Will man beim Schreiben etwas aus dem eigenen Kopf heraus lassen, oder etwas in einen fremden Kopf hineinbringen? Wahrscheinlich beides und das ist ja auch okay so, denn wenn es gut läuft haben beide was davon.

Vielleicht habe ich einfach schon so oft die falschen Worte gesagt, dass es mich glücklich macht, richtige Worte wenigstens schreiben zu können. Im Leben passieren Dinge. Beim schreiben habe ich die Sicherheit, dass nur die passieren, mit denen ich einverstanden bin und mit denen ich umgehen kann. Ist es mal nicht so mache ich es ungeschehen und ändere sie so lange, bis ich es endlich für gut halte. Ich muss nicht hilflos daneben stehen, wenn etwas aus dem Ruder läuft, weil es einzig und allein in meiner Hand liegt. Bei einer Geschichte, die ich mir ausdenke, bestimme ich das Ende selbst und muss mich nicht mit irgendeiner belastenden Scheiße abfinden. Ich beeinflusse die Vergangenheit, habe die Gegenwart selbst unter Kontrolle und gestalte die Zukunft nach meinen Wünschen. Es ist einfach tröstlich sich in einer Leere nicht verloren zu fühlen, sondern sie zur Abwechselung mal sinnvoll ausfüllen zu können. Es tut auch ganz gut nicht über Konsequenzen nachdenken zu müssen, wenn man einfach macht, was man gerade für das beste hält. Wenn ich nicht weiterkomme, kann ich alles hinschmeißen und muss es niemandem erklären. Bei einem Text muss ich auf niemanden Rücksicht nehmen, am wenigsten auf mich selbst.

Klar, manche Leute werden schulterzuckend behaupten, das sei alles ziemlich neurotisch und verkorkst, aber - das gebe ich gerne ganz offen zu - wäre ich ein Höhlenmensch, wüsste ich ganz genau, was ich auf dem Dorfplatz dieser Menschen in den Boden kratzen würde.

6xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Susi56 am 23.03.2021:
Wie recht du hast! Sehr unterhaltsam beschrieben. Vergessen hast du, dass du als Schreiber nach Lust und Laune morden kannst, ohne dass du dich je dafür zur Rechenschaft ziehen lassen müsstest... Wenn das mal nicht ein guter Grund zum Schreiben ist! 😂




geschrieben von Komo Melani am 04.04.2021:
...das ist alles ziemlich neurotisch und verkorkst, aber - hat Spaß gemacht zu lesen! :)

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