Kurzgeschichten-Stories
Autor
Schreib, wie du willst!
Startseite - Registrieren - Login - Kontakt - Impressum
Menu anzeigenMenu anzeigen
3xhab ich gern gelesen
geschrieben 2018 von Dirk Hoffmann.
Veröffentlicht: 19.03.2021. Rubrik: Persönliches


Ba(h)nal-Verkehr

Manchmal muss man halt woanders sein als zuhause und das ist ja prinzipiell eine feine Sache. Es bringt ein wenig Abwechslung in das triste Dasein. Dummerweise muss man woanders erst mal ankommen, sprich unterwegs sein. Auch dagegen ist grundsätzlich nichts zu sagen, aber leider geht das vielen anderen Leuten halt genauso. Unterwegs ist man nie allein...
Ein weiteres Problem beim Unterwegssein ist auch das Wetter. Ich bevorzuge gewöhnlich ein Fahrrad und so gerne ich Mitmenschen, die Gespräche im Februar mit „Ist das kalt, ne?“ einleiten auch auf die Fresse hauen möchte, rein faktisch haben sie ja recht.

So, wo war ich? Ach ja, zu Gunsten wohltemperierter Testikel lasse ich mein Fahrrad momentan oft stehen und nutze die Straßenbahn. Schön ist das nicht, soviel ist mal klar.
Es passt halt auch so gar nicht zusammen, dass man gerade in der Grippe-Hochsaison mit Massen von anderen Menschen zusammengepfercht durch die Gegend fährt. Ein einziges Husten, Niesen und Hinternkratzen ist das. Keim-Sharing und Siff-Community nennt man das wahrscheinlich. Vielleicht auch Krätze-Cloud, keine Ahnung. So manch Mitreisenden möchte man gern darauf hinweisen, dass, egal was die Werbung auch behauptet, ein Deo niemals – wirklich niemals – achtundvierzig Stunden lang hält.
Man kann einige Bahnlinien aber auch als gesellschaftlichen Schaukasten betrachten. Ein Kumpel von mir hat einem neu Zugezogenem mal geraten:
„Wenn du diese Stadt kennenlernen willst nimm die 107 von einem Ende zum anderen. Danach hast du eine Ahnung davon, was der Bergriff soziales Gefälle bedeutet.“
Stimmt, es ist wirklich interessant, wie sich die Fahrgäste verändern. Verabschiedet man sich im ersten Drittel noch mit „Gehaben sie sich wohl, gnädige Frau und vergessen sie bloß ihr schickes Gucci-Täschchen nicht“, geht die Verabschiedung in der Mitte zum gewöhnlichen „Schönen Tag noch“ über. Gegen Ende der Fahrt wünscht man nur noch, betroffen und mit leiser Stimme „Gute Besserung“, allerdings ohne große Hoffnung.
Noch steige ich im mittleren Drittel der Strecke zu, aber wer weiß schon in welche Richtung die ganz persönliche Lebenslinie so fährt und welche Haltestellen die Zukunft noch bringt.

Alles in allem ist Bahnfahren ein absoluter Sozial-Gau, soviel steht mal fest. Ständig trifft man jemanden, den man zwar kennt, aber am liebsten schon längst wieder vergessen hätte. Schlimmer noch, man bekommt tiefe Einblicke in das Privatleben wildfremder Menschen, die ihre persönlichen Miseren laut und für alle vernehmbar in ihr Telefon tröten.
Das ist zwar unangenehm, aber ich will dieses unfreiwillige Spitzeltum nicht schlechtreden, denn man erhält wertvolle Tipps zum Umgang mit Gesprächspartnern und kann echt etwas lernen.
Falsch:
„Hallo Schatz... ja, Schatz... mache ich nicht mehr wieder... tut mir leid... ich weiß, kommt nicht mehr vor... hab dich lieb.“ Legt auf . Zu sich selbst: „Oje, warum mache ich sowas bloß?.“
(mittelalter Herr)
Richtig:
„Was willst du?... interessiert mich nicht... weil ich keine Lust dazu hatte... heul mal nicht... mache ich nächstes Mal wieder so... ist mir egal.“ Legt auf. Zu sich selbst: „Ja,ja, fick dich doch.“
(junge Frau)

Diese Bahnfahrerei geht nicht nur auf den Sack, sondern auch ganz schön ins Geld, allerdings sind die Anbieter des öffentlichen Nahverkehrs sehr großzügig. Oft darf man viel länger an der Haltestelle herumstehen, als einem für den gezahlten Preis überhaupt zustehen würde. Der beste Beweis ist jawohl dieser Text hier, der erst heute, bei strahlendem Sonnenschein und Körperwarmer Luft fertig wurde. Mit Faulheit hatte das absolut nichts zu tun, so wahr ich gerne Bahn fahre, das versichere ich ihnen.

Alles ziemlich banal und wenig spannend, meinen Sie? Da haben Sie völlig recht und wissen Sie was? Das ist mir scheißegal! Es muss ja gar nicht originell, innovativ, geschweige denn aufregend und kreativ sein. Wozu sollte man sich solche Mühe machen? Schauen sie sich beispielsweise die Top-Gelisteten Youtubevideos an. Da sitzt dann ein unspektakulärer Typ mit Übergewicht, knibbelt an seinen Zehennägeln herum und erzählt, wie großartig er die letzte Gutscheinaktion einer internationalen Imbisskette fand. Dabei futtert er ein Leberwurstbrot. So geht geil!

Klar, ich könnte auch darüber berichten, dass ich, um mich täglich von meiner intakten geistigen Gesundheit zu überzeugen, einen Rorschachtest mit dem von mir benutzten Toilettenpapier durchführe, aber ein bisschen Privatsphäre muss ja auch noch sein, oder?

3xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

Einen Kommentar schreiben

geschrieben von Susi56 am 19.03.2021:

Fluffig geschrieben, das ist mal klar... 👍🏻😀

Weitere Kurzgeschichten von diesem Autor:

Full Mental Jackett
Frikadellen
Ganz oben auf dem Stapel
Weihnachten mit Pastor Schröder
Die Erfindung des Happy-Ends (also... fast jedenfalls)