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4xhab ich gern gelesen
geschrieben 2020 von Dirk Hoffmann.
Veröffentlicht: 27.12.2020. Rubrik: Nachdenkliches


Ganz oben auf dem Stapel

Ganz oben auf dem Stapel

Junge, Junge, war das aufregend. Jetzt konnte es wirklich jeden Moment los gehen. Es hatte eine Weile gedauert, aber Papier war geduldig und jetzt lag es an erster Stelle, über allen anderen. Blütenweiß und glatt, ohne das kleinste Eselsohr. Halt ein Blatt von Format, aber eben auch noch so jung und unbeschrieben. Was wohl aus ihm werden würde? Würde es überhaupt etwas werden? Eine Identität erhalten, einen Sinn finden und, wer konnte das schon sagen, vielleicht sogar etwas in Bewegung setzen, Geschichte schreiben und ein Leben... leben?

Apropos Geschichte, das wäre doch schon mal etwas. Teil eines ganzen Romans, oder vielleicht nur ein paar schmissig hingerotzte Zeilen im Alleingang? Schwierige Entscheidung, aber auf jeden Fall etwas sehr künstlerisches sollte es sein, so richtig mit Niveau, Anspruch und dem ganzen Kram, das war jawohl klar.

Obwohl... die Kunst hatte ja auch durchaus ihre Tücken und man sollte es lieber seriös angehen, wie das Altpapier es so oft empfohlen hatte. Eine Steuererklärung, noch sicherer ging es ja wohl gar nicht mehr. Gut, das war nun wirklich sehr spießig und allzu viel Freude konnte man da von seinem Dasein wohl auch nicht erwarten. Ach, ja, die Romantik! Wäre das nicht schön? Vielleicht ein schüchterner Liebesbrief, den ein Gast einer charmanten Kellnerin zusteckte und dann...

Aber Liebe konnte auch schnell mal kompliziert werden und ein wenig mehr Leichtigkeit konnte einem Leben ja nicht schaden. So ein fröhliches Kinderbild, das wäre doch etwas Tolles. So, wie die echte Welt nur mit mehr Farben und viel Fantasie. Eine Zeichnung bestand doch auch nur aus festgehaltenen Gedanken. Im Prinzip war es genauso, wie bei einem von diesen herrlichen Gedichten.

Ja, die Poesie wäre natürlich auch eine Möglichkeit. Sorgsam ausgewählte Worte, die sanft und leicht die Seelen ihrer Leser kitzelten, oder tief in ihren Herzen... Moment mal, es dürfte selbstverständlich auch etwas richtig schön Neurotisches sein, na klar! Einfach mal den Bogen überspannen, das Blatt wenden und ganz neue "Seiten" aufziehen.

War das vielleicht zu egoistisch gedacht und sollte man sich nicht lieber wünschen, die Welt zu verbessern? Einfluss auf das Schicksal der Menschen nehmen? Vielleicht ja als Parteiprogramm. Obwohl, da konnte nun wirklich viel schiefgehen, denn bei vielen von ihnen wurde nur der rechte Rand bedruckt. Ein Friedensvertrag, das war doch die Idee! Mal für etwas mehr Ruhe auf der Welt sorgen, das wäre doch was. Aber wo es doch schon so schwer fiel, sich dafür zu entscheiden, was aus einem werden sollte, wie konnte man dann den Druck ertragen, der gewiss auf so einem Friedensvertrag lastete?

Schon der Gedanke allein erschöpfte einen und plötzlich wünschte man sich nur noch frei zu sein. Ein sorgsam gefalteter Papierflieger, zum Beispiel, der ganz sachte durch die Lüfte tanzte und allen Ansprüchen davon flog, bevor er irgendwo friedlich zur Ruhe kam und einfach nur er selbst war.

Eine Hand legte sich vorsichtig auf den Stapel, machte ihn mit einer sorgsamen Bewegung ein klein wenig flacher und es ging endlich los.

4xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von RudiRatlos am 27.12.2020:
is awwer kein Clopapier, oda ..?




geschrieben von Susi56 am 28.01.2021:
Schöne Idee und gut umgesetzt!

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