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geschrieben 2021 von Bjarne Pfennig (BjarneP).
Veröffentlicht: 04.05.2021. Rubrik: Lustiges


Die verlorene Stadt

Raschelnd entfaltete Er die Karte, sah hinauf, die verschnörkelten Linien zeigten Strukturen, alte Tempelanlagen, Gräben durch welche Wasser floss, und ganz gewöhnliche Wohnanlagen – zumindest hoben sie sich nicht sonderlich von anderen ihrer Art ab, und natürlich zeigte die Karte all das auch nur aus der Vogelperspektive.
Er senkte die Karte, blickte auf das Tal hinab. Könnte es hier sein? Wenn seine Berechnungen stimmten, dann war er hier exakt am richtigen Ort!
Er seufzte … wieso hatte er sich nicht noch eine Woche zurückgehalten – kaum hatte er irgendetwas von Bestand, war er losgesprungen, zum Flughafen gehechtet … und nun stand er mitten im Urwald.
Aus seiner Brusttasche zog er ein Taschentuch, wischte sich den Schweiß von der Stirn. Wenn er nicht richtig war, dann würde er als Idiot nach London zurückkehren. Als fanatischer Sonderling, der einen Haufen Bäume mit einer verlorenen Stadt verwechselte. Nun, vielleicht würde er ja berühmt werden, aber sicherlich nicht auf die Art, auf die er es aushatte.
… Aber vielleicht war ja doch noch nicht alles verloren!
Er lief den Steilhang hinunter, der sandige Untergrund erleichterte das Laufen ein wenig – einerseits hatte er durch das leichte Absinken eine kleinere Gefahr, einfach hinabzustürzen, andererseits war er auch kein allzu großer Bewunderer von Sand in den Schuhen. Er kam unten an; die Bäume warfen einen langen Schatten. Vielleicht sollte er … er zog sein Gewehr – mit Sicherheit wollte er keinem wilden Tier als Mahlzeit enden: Das wäre bei weitem schlimmer als Sand im Schuh! Er ging weiter, fand einen Stein, in den ›irgendwelche‹ Symbole eingeritzt waren – er warf ihn rasch beiseite (er war schließlich Entdecker und kein … Paläograf?).
Er kniff die Augen zusammen. Wenn eine verlorene Stadt so einfach zu finden wäre, dann müsste man sie definitiv umbenennen, tja, aber sie könnte einem doch ruhig einmal einen Tipp geben, oder etwa nicht? Kein Wunder, das die Mayas ausgestorben sind; wahrscheinlich haben sie ihre eigenen Häuser einfach nicht mehr wiedergefunden und mussten sich irgendwo anders niederlassen (er hatte auch nicht sonderlich viel mit einem Historiker am Hut).
Nein, es machte alles keinen Sinn. Er war auf dem Holzweg! Und wenn er diese Stadt nicht fand, dann musste sie eben jemand anderes finden! … Er hörte schon das Gejohle seine Kollegen, und es lief ihn kalt den Rücken herunter. Wenn er ein Idiot war, dann war er eben ein Idiot, so dachte Er, aber wer hatte schon etwas davon, dass sich irgendwelche Spinner mit Cowboyhüten über ihn Schlapplachten?
Er schmunzelte.

Und nur zwei Monate später stand das hier in der Londoner Sonntagsausgabe:

Der nun weltrenommierte Entdecker, Er Erickson, hat den
Fund des Jahrhunderts gemacht.
Am 21.03.1918 fand Er die verloren gegangene Stadt Atlantis in
den Tiefen des brasilianischen Urwaldes. Er selbst berichtete,
dass ein weiterer Besuch der Stadt unmöglich sei, da kurz nach
seinem dortigen auftauchen, eine Schar futuristischer Weltraum-
Untertassen die Stadt mit sich in die Höhe gerissen haben. Das
einzige Überbleibsel der vermeintlich versunkenen Stadt, ist ein
einzelner Stein, welchen Er mit sich zurück nach London brachte;
die erste Ausstellung des Jahrhundertfundes findet am
kommenden Sonntag im ›British Museum‹ von London statt,

»Wer hätte damit gerechnet, dass sich Atlantis in Brasilien
befand«, erzählte uns der Experte für historische Historik, Wir
Wilbert
. »Da hätten wir das Meer ja noch lange absuchen
können. Ich für meinen Teil gehe stark davon aus, dass der
Auslöser für den Ortswechsel mit der Plattentektonik im
Zusammenhang steht. Wie genau die … Außerirdischen ins Bild
passen, muss wohl noch weiter erforscht werden!«

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