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3xhab ich gern gelesen
geschrieben 2021 von Dirk Hoffmann.
Veröffentlicht: 04.05.2021. Rubrik: Unsortiert


Ein Paket von anderswo

Vorsichtig blickte ich nochmal in den großen Karton und vergaß erneut zu atmen. Mit Spitzen Fingern schloss ich den Deckel wieder, sah dann lange aus dem schlierigen Fenster und dachte an sie.
Ich mochte Überraschungen nicht sonderlich, denn sie hatten mir selten Erfreuliches gebracht und darum griff ich auch nur sehr zögerlich nach dem Paket, als der Postbote vor wenigen Minuten an meiner Tür geklingelt hatte. Es wog fast nichts, aber dennoch zitterten meine Arme, als ich es in die schäbige Küche trug. Schon bevor ich den Namen lesen konnte, erkannte ich die Schrift der Absenderin. Diese kleinen, gezackten Buchstaben hatten mich zu lange umgeben, um sie so einfach wieder vergessen zu können.

Sie hat ständig geschrieben, überall auf der Station stolperte man über Zettel, Servietten und ausgerissene Seiten der abgegriffenen Zeitschriften, voll von ihren gekritzelten Buchstaben, Zahlen und Zeichen. Das Pflegepersonal hatte sie ziemlich nachdrücklich von jeglichem Papier fernzuhalten versucht, aber nachdem auch die dritte Wand einen neuen Anstrich brauchte, hatten sie ihre Bemühungen aufgegeben. Seltsam, hatte ich oft gedacht, vielleicht schreibt sie so viel, weil sie nicht spricht und trotzdem etwas erzählen möchte. Nur, wer hört ihr zu?

In einer dieser richtig langen Nächte, die sich freundlicherweise alle Zeit der Welt nehmen, damit man auch noch den letzten von allen beschissenen Gedanken bis zum bitteren Ende genießen kann, hockte ich mit angezogenen Knien in dem stinkenden Raucherraum. In diesen Stunden gab es keine Leichtigkeit mehr, weil sich eine bleischwere Leere über alles andere legte. Diese verdammte Leere schrie danach, gefüllt zu werden, deshalb war ich ja hier gelandet. Sie machte diesen Hund in meinem Inneren ganz verrückt und er zerrte wie besessen an seiner Kette. Ich wischte mir gerade zum hunderten Mal den klebrigen Schweiß aus dem Gesicht, als sie durch die Glastür schlüpfte. Irgendwie zaghaft, mit unruhigen Augen und immer leicht geduckt. Dann, leise zwar, aber ganz deutlich, füllte ihre Stimme kurz den Raum und meine Leere, beruhigend tätschelte sie den geifernden Köter.
„Wie heißt du?“ Ich sagte es ihr und sie verriet mir ihren Namen. Den kannte ich natürlich schon, aber sie sprach ihn aus, als wäre er nur geliehen. Ein Name, den sie nicht trug, sondern mühselig vor sich her schob. Dieses Gefühl, sich selber fremd zu sein hat uns in diesem Moment miteinander bekannt gemacht, denke ich. Nach einem langen Schweigen fragte ich, was sie denn immer schrieb.
„Ich suche den Ort mit den schönen Blumen“, flüsterte sie, ohne mich anzusehen, stand auf und verließ hastig das gelbe, stinkende Zimmer, aber in der Woche danach redeten wir noch oft miteinander. Auf die fremdartigen Worte und Zeichen, die sie angestrengt oder tief in Gedanken versunken notierte, sprach ich sie nicht mehr an.

Dann, bei meiner ersten „Belastungserprobung“, wie die Ärzte es nannten, riss sich der widerliche Hund los. Einmal nicht aufgepasst tollte er wild um sich beißend über die Trümmerfelder in meinem Kopf. Ich weiß nicht mehr, wie ich wieder dort hinkam, aber in den scherbenhaften Erinnerungen an die folgenden Tage, saß sie immer wieder an meinem Bett und hielt meine Hand, als die Seele so dunkel und der Schmerz so gleißend hell war.

Als sie letztlich einfach verschwand, konnte sich das niemand erklären, aber das Interesse hielt sich wohl auch in argen Grenzen. Sie war einfach eines Morgens nicht mehr da, niemand hatte sie ihr Zimmer verlassen sehen und der Duft schien auch von allen unbemerkt zu bleiben, aber er war da. Ganz sanft und leise, wie sie selbst, schwebte ein Hauch von Blumen in der Luft, da war ich ganz sicher. Schon nachmittags lag ein neuer Patient in ihrem Bett, als hätte sie die Realität einfach verlassen.

Meinen inneren Hund hatte ich inzwischen wieder ganz gut im Griff und einen Monat später kam die Entlassung. Oft sah ich sie vor mir und mehr als ein Mal habe ich suchend nach ihrer Hand getastet, wenn die medikamentös rundgeschliffenen Gefühle unaufhaltsam durch meinen Verstand kullerten.
Dann also, Monate später, dieses recht große Paket. Ich öffnete seinen Deckel erneut und blickte lange hinein. Ein Schacht führte darin in endlose Tiefen und verlor sich in unergründlicher Finsternis, bis ich den Karton auf die Seite legte. Federleicht, aber folgenschwer, dachte ich, als der Schacht so zu einem Tunnel wurde, an dessen Ende ein mattes Licht zu sehen war. Ein weit entfernter Blütenduft strich über mein Gesicht. Noch einmal blickte ich mich in der Wohnung und in meinem Leben um, konnte aber nichts sehen, was mich halten würde, also kroch ich auf allen Vieren dem Licht entgegen. Wohin auch immer.

3xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Susi56 am 04.05.2021:
Saustark! Ich mag, wie du den inneren Hund beschreibst und die damit verbundenen Gefühle. Und die Idee selbst ist toll! 👍🏻😀




geschrieben von Stephan Heider am 07.05.2021:
Feinst erlebbar formuliert, sofort tief gefühlt. Wirklich bärenstark.




geschrieben von Dirk Hoffmann am 07.05.2021:
Vielen Dank, euch!




geschrieben von - Felix Legat - am 12.05.2021:
Sehr, sehr tolle Formulierung!

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