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geschrieben 2021 von Bjarne Pfennig (BjarneP).
Veröffentlicht: 06.05.2021. Rubrik: Grusel und Horror


Inferno

Ich schob den letzten Stein beiseite. Meine Hände waren aufgeschlagen, blutend, zerkratzt und entzündet von Sand und Hitze. Ich starrte hinunter in ein dunkles Loch im Boden. Schwefel stieg auf, ein stickiger Schlag; es roch nach Sulfur! Ich konnte keinen Boden sehen – vielleicht gab es auch gar keinen –, aber das machte keinen Unterschied. Ich hielt den Atem an, und warf mich in die Tiefe hinab.

Ich war alleine, vollkommen allein, ohne irgendjemanden der mich kennt … … Und die Dunkelheit rief nach mir.
Ich öffnete die Augen. Es war finster, doch ich konnte sehen; funken schwirrten durch die Luft, brennende Asche, die Feuer, die nie erloschen würden, selbst wenn die Erde zu Eis erstarrt. Ich stand auf. Meine Lippen waren spröde, aufgeplatzt – die Luft war trocken, roch nach faulem Fleisch, metallisch von getrocknetem Blut.
Ich lief durch eine Höhle. Der Boden zog sich nach jedem meiner Schritte zusammen, erst fiel es mir nicht auf, doch mit der Zeit begann sich ein Gedanke in meinen Geist zu brennen:
Der Raum lebte, atmete, und er spürte, dass ich hier war; an diesem Ort an dem niemand sein sollte.
Ich lief weiter, gelangte zu einem Spalt in der fleischigen Wand. Ich zwang mich hinein – die Wände waren überzogen mit einer schleimigen Schicht aus Fett, welche sich an Gesicht und Kleidung festsetzte –, ich setzte einen Schritt vor den anderen, vorsichtig, um ›die Höhle‹ nicht zum Zittern zu bringen, das sie mich nicht mit ihren Muskeln zerquetschen würde, wie eine überreife Tomate. Es kam mir vor, als Würde sich ›der Tunnel‹ in die Ewigkeit ziehen, doch ich irrte mich …
Und dann stand ich vor dem Spalt. Es war noch immer eine Höhle, da war ich mir sicher; der Himmel war grau, trübe wie Teesatz. Doch die Wände, oder etwas, das man tatsächlich als eine Decke definieren konnte? Von so etwas keine Spur. Es war ein grauer ›Blob‹, nichts anderes als das. Tief in meinem Inneren spürte ich, wie mein Herz schwerer wurde. Ich seufzte. Meine Beine wurden weich, und allein der Gedanke einen weiteren Schritt zu machen, ließ mich aufstoßen. Es war ein unendlicher Raum gefüllt mit nichts anderem, als Sinnlosigkeit. Auch wenn ich mich nicht daran erinnerte, oder mich nicht erinnern wollte, wusste ich, was das für ein Ort war.
Man nannte es den ›Limbus‹. Es war der erste Zirkel, welchen die Hölle aufzubieten hatte, und es war wirklich nichts anderes, als tiefe Trauer, die sich durch meine Seele fraß, wie ein Wurm durch einen Apfel.
Doch außer mich gab es hier nichts und niemanden, denn dieser Ort war schon lange verlassen. Nur ein Turm stach aus der Ödnis heraus. Ich nahm all meine Kraft zusammen und ging zu ihm hinüber.
Die Tür öffnete sich, mit einem Knacken des Schlosses, schwang auf, ohne dass ich die Klinke ergriffen hatte; es war … als würde man mich erwarten. Ich sollte sicher sein, dachte ich. Wer sollte hier schon auf mich warten? Die Hölle spielte zwar nach ihren eigenen Regeln, doch der Limbus war kein Ort der körperlichen Folter. Ich lief weiter, die Wendeltreppe hinab. In der Ferne hörte ich das leise Klacken, als die Tür sich schloss – jetzt gab es nur noch den Weg tiefer hinab.

Als ich unten angekommen war, stand ich vor einer weiteren Tür. Ein zischender Lärm hallte von der anderen Seite her. Zwar hielt ich einen Moment inne, doch nicht für lange. Ich packte die Klinke und drückte; doch ich musste mein ganzes Gewicht hineinstemmen, bis sie tatsächlich aufsprang. Ein Sturm, tosender Wind zog durch meine Knochen.
Ich stapfte durch die Tür, drückte mich voran, der Sturm versuchte, mich zurückzuwerfen, doch ich kämpfte mich vor; der Wind warf die Tür in die Verankerung zurück. Er war stark, doch ich stand fest auf dem Boden. Er fasst mich nicht, nein, niemals! Ich hörte flehende schreie, hoch oben am Himmel, knirschende Knochen, doch der Wind tat gut darin, sie zu überdecken. Hier war es nicht leer, dachte ich, hier wurde den Seelen das angetan, was sie … nun, sie wurden bestraft. Die Dämonen foltern sie, und derjenige, der dafür verantwortlich ist … ist einzig und allein der Teufel selbst.
Ich seufzte. Das hier war nicht der Ort, nach dem ich gesucht hatte. Der Wind war vielleicht stark, doch mich konnte er nicht erfassen … ich gehörte hier nicht her und betrat einen weiteren Turm am Ende des Zirkels.

Ein weiterer Sturm zog vor der nächsten Tür, doch er war weitaus leiser. Ich öffnete, dieses Mal, ohne zu zögern. Mir wurde übel, übler, als es mir je zuvor war, als hätte man mir gewaltsam einen Eimer fauler Eier eingeflößt. Es roch nach verrotteten Fleisch, Schwefel und Fäkalien, der Gestank hing in der Luft, wie ein dichter gelbgrüner Nebel. Ich trat aus dem Türrahmen, meine Stiefel platschten im Schlamm, versanken einige Zentimeter und machten bei jedem auftauchen ein ›Plopp-Geräusch‹. Doch ich blieb nicht stehen. Ohne zu zögern, ging ich voran, es gab sicherlich schlimmeres, und je schneller ich lief, umso schneller würde ich auch wo anders sein – ob das nun im Fall der Hölle etwas Gutes war, darüber machte ich mir keine Gedanken. Überall im Schlamm lagen Gestalten, scheinbare Menschen, unbewegt und dösig – einige von ihnen hatte mehrere Köpfe, Arme und Beine –, sie sahen aus, wie aufgeblasene Beutel aus Fett. Ihre Mäuler standen weit geöffnet, und ihre Augen verfolgten mich. Ich griff in meine Brusttasche, umklammerte den Griff meines Revolvers; sie würden mich nicht angreifen; es sind auch nur Menschen … nur Menschen, auch wenn sie aussehen, wie Haufen aus Wackelpudding. Hier würde Sie nicht sein. Sicher nicht. Nicht Sie.
Aus dem Schlamm platschte es, eine Fontäne aus Matsch flog in die Höhe, landete und überzog mich mit einer Schicht aus der braunen Masse. Etwas bäumte sich aus der tiefe her auf, ein, zwei, drei … ich hörte auf zu zählen, zog den Revolver. Die Dinger schwirrten durch die Luft, wie ein Schwarm aus Mistkäfern; sie klapperten mit ihren Kneifzangen.
Ich drückte den Abzug, schoss. Eines der Dinger fiel zu Boden, ein weiteres daneben und … sie verschwanden, sie alle, flogen in die Höhe hinauf und verschwanden im Nebel. Vor mir lag der dritte Turm und ich machte mich an einen weiteren Abstieg.

Hinter der nächsten Tür hörte ich laute Stimmen. Nicht nur schreie, sondern auch … diskutiere. Ich ging hindurch. Vor mir lag ein Hügel – viel mehr eine Hügel-Kette, ein Wall, langgezogen, wie ein Baguette. Eine Schar an Gestalten war auf dem Wall versammelt. Sie waren angekettet, ihre Haut schien schuppig, wie die eines Fisches, und sie gab ein eigenartiges Glänzen von sich. Ihre Köpfe waren klein und besaßen nur ein einziges Auge, mitten auf ihrer Stirn, die Münder hingegen waren riesig und schienen nicht eine Sekunde ruhig bleiben zu wollen. Ich ging näher heran, stieg auf den Wall hinauf, auch auf der anderen Seite waren solche Gestalten angekettet. Beide Seiten versuchten, den Wall hinaufzukommen, wie blinde Ochsen zogen sie an den Ketten und brüllten sich gegenseitig an: zwei Oppositionen.
»Hey!« Rief ich und packte einen von ihnen an der Schulter.
»Was willst du?« Heischte er zurück, ohne sich umzudrehen, oder gar mit dem Gezeter zwischen sich und den anderen aufzuhören. »Ich habe ein wichtiges Gespräch zu führen, Mistkerl! Ich versuche diesem verschwenderischen Tunichtgut weismachen, wie man mit Geld umzugehen hat!«
»Hast du jemanden gesehen?« Fragte ich. »Eine Frau, eine wunderschöne Frau, mit karamellbraunem Haar und …«
»Verzieh dich!«
Ich fluchte leise und ging auf die andere Seite des Walles, tippte einen von ihnen an. Auch er beachtete mich kaum.
»Was?« Knurrte er.
»Eine Frau, eine schöne Frau, mit karamellbraunen Haaren, grünen Augen …« »Hau ab! Ich muss diesen idiotischen Geizkragen erklären, wofür Geld überhaupt da ist!«
Ich schüttelte mit dem Kopf. Es machte keinen Sinn, sie waren unverbesserlich, natürlich waren sie es … dafür war die Hölle schließlich da. Ich hatte keine Zeit zu verlieren, lief zum nächsten Turm hinüber. Egal was es mich kostete, ich würde Sie finden und … ich würde den Teufel alles heimzahlen, was er den Menschen angetan hat!

Ich ging durch die Tür, dieses Mal, ohne zu lauschen.
Es war wieder ein Sumpf, dachte ich – doch immerhin war der Gestank dieses Mal etwas erträglicher. Auf dem schlammigen Boden liefen Gestalten umher; sie kämpften miteinander, schlugen sich. Es waren Gestalten, die aussahen, wie Menschen, nun, zumindest, wie ein Mensch aus dem Medizinbuch: eine Darstellung ohne Haut. Ihre Muskeln glänzten rot, schleimig überzogen. Ihre Gesichter, wenn man es so nennen konnte, waren zu zornigen Fratzen verzogen. Ich versuchte gar nicht erst, mit einem von ihnen zu reden – Sie waren viel zu sehr damit beschäftigt, sich selbst die Existenz zu erschweren. Also ging ich weiter. In der Ferne dachte ich, dass ich den Turm sah, doch als ich näher kam, wurde er größer, immer größer, bis weitere Gebäude hinzukamen. Es war eine Stadt. Eine Stadt in den Tiefen der Verzweiflung. Das Tor stand weit offen, fast so, als hätte es nur auf mich gewartet. Ich ging hinein.
Die Straßen waren vollkommen leer, wirr ineinander verschlungen, wie bei einem Labyrinth, doch der Turm, der Turm inmitten der Stadt stach über alles hinaus. Wie ein Leuchtturm zog er mich an, ich musste tiefer, tiefer, tiefer hinab. Es war ruhig, ich war allein, allein mit meinen Gedanken. Wie tief musste ich, bis ich Sie endlich wiederhatte? Sie in meinen Armen halten konnte? … So wie es früher war.
Ich blieb stehen. Aus einer dunklen Seitengasse klang ein Klirren hervor, leises atmen. Nein, ich hatte keine Angst, für so etwas war es zu spät. Es war dunkel, doch ich ging weiter in die Gasse hinein, zog meinen Revolver.
»Hallo?« Rief ich »Ist da jemand? Bist du hier, Melany?«
Zwei rote Augen flammten aus den Schatten auf. ›Jemand‹ war hier, leises Keuchen und Kettengerassel.
»Wer bist du?« Rief ich, umklammerte meine Waffe, das kühle Metall stach in meine Hand.
»Dasselbe könnte ich dich fragen.« Antwortete eine summende Stimme. »Was macht jemand wie du in den Tiefen der Hölle? … Nein, ich kann es mir denken.« ´
»Du hast nicht einmal den Hauch einer Ahnung!«
»Nein?« Die Stimme lachte »Ich sehe einen Mann vor mir, der alles verloren hat. Du bist hier um …«
»Halt einfach die Schnauze, okay!«
»Wie freundlich. Hinreißend. Reizend.«
»Sag mir einfach, wo ich deinen Herren finden kann!«
»Ich bin mein eigener Herr. Ein verstoßener, so wie auch du.«
»Wo ist … der Teufel?« Fragte ich ihn.
»Der Satan höchstpersönlich? Ja, ja, da bist du nicht falsch, doch auch richtig bist du nicht. Er liegt tiefer, ganz am Grunde der Hölle!«
»W-wie gelange ich dorthin?«
»Das kann ich dir zeigen, wenn du …«
»Wenn ich was?«
»Es ist ein komplizierter Weg, schwer zu erklären. Doch ich könnte dich hinführen! Du müsstest mich einzig und allein befreien.« Er rasselte mit Ketten.
Ich neigte meinen Kopf. Es war dunkel, doch langsam begannen sich meine Augen auch daran zu gewöhnen. Er war eine hässliche Gestalt, mit hervorstehenden Zähnen. Sein Körper war groß – ragte mit Leichtigkeit über meinen Kopf – und war übersät mit Narben und Eiterblasen. Getrocknetes Blut bedeckte seinen ganzen Leib, platzte unter seinen Bewegungen auf und offenbarte das faule Fleisch darunter. Eine eiserne Fessel zierte seinen Hals, daran war eine Kette befestigt, welche hinein in die Dunkelheit über ihm reichte.
»Ich soll dich also befreien?« Rief ich »Sag mir vorerst: Wie ist Dein Name?«
Der Dämon stieß ein unterdrücktes Seufzen aus. »Man gab mir den Namen Beelzebub. Ein alter Name, aus alter Zeit.«
»Der Herr der Fliegen?«
»So werde ich genannt.«
»Warum sollte ich dich befreien? Wer sagt mir, dass du mich nicht täuschst? Erkläre mir den Weg, dann denke ich nach, ob ich deine Ketten löse!«
Der Dämon keuchte. »Nun, wer sagt mir wiederum, dass du mich nicht einfach hierlässt, wenn ich dir die sage was ich weiß?«
Ich seufzte, hielt meinen Revolver in die Höhe und drückte ab. Die Ketten zersprangen, und fielen mit einem Klirren zum Boden hinab. Er lachte schief. Seine Zähne waren scharf, aber auch schwarz und modrig – zwar hatte ich mir schon seit meiner Ankunft im Sumpf angewöhnt, ausschließlich durch den Mund zu atmen, doch der bloße Gedanke an den Gestank ließ mich bereits aufstoßen. »Bring mich nun endlich zu deinem Herren!« »Ich bin einzig und allein mein eigener Herr«, knurrte Beelzebub, »doch vorher … sag mir deinen Namen. Ich will wissen, wer so dumm ist, den Teufel aufzusuchen. Ich will wissen, was ich auf deinen Grabstein ritzen soll.«
Ich hielt einen Moment inne, dann antwortete ich: »Daniel Argus«

Wir stapften durch eine Höhle hindurch, eine ganz gewöhnliche Höhe, aus Felsen und Stein, fast schon zu gewöhnlich, wenn man von den fernen Schreien, und dem beißenden Schwefelgeruch absah. Der Dämon hatte es eine ›Abkürzung‹ genannt … was blieb mir anderes übrig, als ihm zu folgen? Am Ende der Höhle stand eine weitere Tür – sie war anders, als die Türen zuvor, größer, aus Chitin gefertigt und übersät mit verschlungenen Runen in alter Schrift. »Da wären wir«, zischte Beelzebub, »Der unterste Zirkel, am tiefsten Punkt der Hölle.« »Danke«, sagte ich. Ich wusste nicht, wieso ich einem von den abartigen Geschöpfen dankte, doch … ich tat es – es war einzig und allein die Schuld Satans. Wenn ein Dämon seinen Handel einhielt, war er ehrenhafter, als man es von vielen Menschen kannte. Aber sein Meister war ein Monster. Sein Meister … »Ab hier bist du wieder auf dich alleine gestellt,« keuchte der Dämon, »Ich habe nichts im Abgrund zu suchen, genauso wenig wie du. Verdammt, wenn ich dir den Rat geben könnte; drehe um!« »Es gibt keinen Rückweg mehr für mich.« Ich packte die Türklinke und der Raum um mich herum begann sich zu verformen, länger zu werden und zu verschwimmen. Felsen wurden zu Bergen aus Eis. Ferne schreie wurden zu stille. Und Beelzebub verschwand zu nichts als Staub und Asche. Ich war wieder allein.
Vor mir lag ein vereister See. Eine Kuppel aus Frost, wie ein Pickel, stand inmitten des gefrorenen Wassers. Mein Herzschlag beschleunigte, denn ich wusste, wo ich war; es war der See am Grunde der Hölle, und das bedeutete, dass ich meinem Ziel so nah war, wie ich es nie für möglich gehalten hatte. Der Dämon, Beelzebub, hatte tatsächlich die Wahrheit gesprochen … eigenartig. Ich setzte vorsichtig einen Fuß auf die Eisfläche, lief voran, zu auf die Kuppel, fort von allem, was irgendeine Logik und Beständigkeit besaß. Unter meinen Sohlen sah ich immer wieder Gestalten aufblitzen, Gesichter von fremden Männern und Frauen, verzehrt zu stummen Schreien; doch so schnell sie auftauchten, verschwanden sie auch wieder.
Ich zog meinen Revolver, hielt ihn auf die Kuppel, zögerte einen Augenblick und warf einen Blick in die Trommel … es war die letzte Kugel. Ich biss die Zähne zusammen, streckte meinen Arm nach vorne und schoss! Das Eis begann zu bersten, und eine Wolke aus kaltem Dampf stieg auf, zog sich durch meinen Körper und meine Seele. Die Wolke ließ mich zurückschlittern, drückte mich vor, wie der Wind auf einem Berg, raubte mir meine Sicht. Und als ich sie zurückerlangt hatte, war ich nicht mehr dort, wo ich vorher war. Ich stand in einer weißen Leere, weißer als Schnee oder Eis, es war durch und durch ein tiefes, vollkommenes Weiß. Es löste in mir den Gedanken aus, dass ich eigentlich frieren müsste, es aber aus irgendeinem Grund nicht tat.
Ein weiteres Mal ergriff mich der Zorn. »Wo bist du?« Schrie ich. »Komm und zeige dich, wenn du so mutig bist!«
»Ich bin hier.«
Die Stimme ließ augenblicklich das Gefühl von Kälte in meinen Körper einkehren, brennende, alles ausfüllende Kälte. Ich sackte auf den Boden. Vor mir auf dem weißen Grund standen zwei Schuhe, und in diesen Schuhen steckten zwei Füße, welche hinauf in Beinen, einem Körper und auch einem Kopf weiterliefen. Es war nur ein … Kind.
»Du hast nach mir gesucht?« Fragte der Junge.
Ich nickte.
»Das ist … bedauerlich.« Sagte er. »Denn was auch immer du von mir willst, ich werde dir nicht helfen können.«
»Du bist es, nach dem ich gesucht habe«, keuchte ich. »Du bist Satan, der Teufel in Fleisch und Blut. Der Herr der Hölle! Ich bin hier, um dich ein für alle Mal zu schlagen.«
Der Junge seufzte. Er trug ein sachtes Schmunzeln auf den Lippen. »Die Liebe ist ein eigenartiges Wesen«, flüsterte er. »Sie treibt einen an, zu vielen Dingen zu denen sonst nie jemand bereit wäre. Dich hat sie selbst dazu angetrieben, hinunter in die Hölle zu steigen … Aber warum? Was ist es, dass du dir erhofft hast?«
»Melany, ich … ich will sie zurück! Sie hat es nicht verdient, das alles hier hat sie einfach nicht verdient!«
»Mit Sicherheit hat sie das nicht.«
»Mistkerl!« Fluchte ich.
Der Junge schüttelte mit dem Kopf. »Du frierst. Und du wirst erfrieren, wenn du noch länger hierbleibst. Du solltest gehen.«
»Wenn dir soviel an meiner Gesundheit l-liegt, verflucht, d-dann lass es einfach aufhören!«
»Das kann ich nicht.« Er verschränkte die Arme hinter dem Rücken. »Ich habe nichts damit zu tun. Ich kann das hier nicht beenden, weil ich nicht von alledem beenden kann.«
»W-was?«
»Ich bin nicht der ›Regent der Hölle‹, wie du mich so triumphal genannt hast! Ich bin niemand anderes, als jeder von den Sündern, die für alle Ewigkeit geschändet und bestraft werden. Ich bin einfach nur eine weitere Kreatur, die hinab geworfen wurde.«
»A-a-aber …«
»Du denkst, das ich lüge? Oh, natürlich denkst du das! Warum sollte ich auch die Wahrheit sagen? Du kannst dir gerne einreden, dass du recht hast, dass ›ich‹ für jeden Fehler verantwortlich bin, den die Menschheit je begangen hat – und vielleicht hast du damit recht. Denn ich war derjenige, der den Menschen den Unterschied zwischen gut und böse gelehrt hat. Und dafür wurden wir verbannt. Ihr wurdet auf die Erde geworfen und ich … mich hat Vater mit aller Macht hinunter geschmettert, bis ich die Welt durchschlug und hier zu mir kam.« Er schmunzelte »Denke nicht, dass du der Einzige von uns bist, der die Kälte spürt. Die absolute Abwendung von dem, was sich als selbst als ›gut‹ bezeichnet. Doch warum, so frage ich, wollte er dann nicht, dass ihr Menschen den Unterschied zwischen gut und böse lernt? … Nun, genau genommen ist auch er nicht so perfekt, wie er sich immer gibt.«
»Halt die Klappe!«
»Nein«, er senkte seinen Kopf und blickte mir in die Augen. »Die Wahrheit tut weh, nicht wahr?«
Meine Hände waren taub vor Kälte, starr, doch es war mir egal. Ich hob meinen Revolver, mir war egal, ob er leer war, es war mir sowas von egal … einfach egal. Ich richtete die Waffe auf den Jungen, er schloss seine Augen, lächelte … Ich drückte ab.
Klack …
… Bumm

Es war still, still wie in einem Traum, ich sah auf; der Schnee war verschwunden.
Auf meinem Gesicht formte sich ein lächeln. Oh, Melany. Ich stand auf. Ihre karamellbraunen Haare, wundervollen grünen Augen, sie war so schön wie früher. Wie ein Engel; sie durchbrach die Finsternis und ich nahm sie in den Arm.

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