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4xhab ich gern gelesen
geschrieben 2021 von Christine Todsen.
Veröffentlicht: 16.10.2021. Rubrik: Grusel und Horror


Ungelesen zu vernichten

Nach dem Tod ihrer Großtante Thekla musste Birgitta deren Haushalt auflösen. Sie tat es ungern, denn Thekla war ein abgrundtief böser Mensch gewesen. Darin sah Birgitta auch den Grund dafür, dass die Großtante stets alleinstehend geblieben war. Zum Haupterben hatte sie einen dubiosen Verein bestimmt, dessen Weltanschauung sie offenbar teilte. Birgitta als einzige noch lebende Verwandte hatte lediglich ein paar Sachen aus der kleinen Wohnung sowie einen nicht sehr üppigen Geldbetrag geerbt mit dem Auftrag, nach Theklas Tod den Haushalt aufzulösen.

„Am wichtigsten ist mir“, hatte die Alte mit unheilvoll funkelnden Augen gesagt, „dass du den Inhalt meines Schreibtisches ungelesen vernichtest! Solange ich lebe, will ich die Schriftstücke und Bilder behalten. Danach sollen sie weg, ohne dass darin herumgeschnüffelt wird! Solltest du es doch tun, werde ich dich vom Jenseits aus mit einem Blitz erschlagen!“

Nun saß Birgitta vor den noch ungeöffneten Schreibtischschubladen, deren Inhalt ihr also den Tod bringen konnte, falls sie ihn las. Ihr Problem – das in anderen Situationen ein Vorteil war – bestand darin, dass sie Geschriebenes blitzschnell erfassen konnte, auch wenn sie das gar nicht wollte.

Schließlich beschloss sie, die Schriftstücke und Bilder, die sich im Schreibtisch befanden, sofort von dort aus in den Schredder zu tun und sich zu bemühen, sie gar nicht erst anzuschauen. „Wenn ich aus Versehen doch einmal ein paar Wörter lese“, sagte sie sich, „werde ich wohl nicht sterben, denn Thekla hat mich ja nur vorm Herumschnüffeln gewarnt.“

Die Großnichte begann mit der Arbeit. Als sie die erste Schublade schon fast ganz geleert hatte, geschah es. Ein Bogen fiel herunter, und als sie ihn aufheben wollte, las sie ungewollt:

…dass ich meine Nachbarin Elisabeth Bauer umgebracht habe…

Birgitta war starr vor Schreck. Dann überlegte sie fieberhaft, was sie nun tun sollte. Weiterlesen und den Tod riskieren? Oder schreddern und riskieren, dass ein Verbrechen unaufgeklärt blieb?

Endlich stand ihr Entschluss fest. „Ich werde es lesen! Dass die alte Hexe mich vom Jenseits aus töten kann, glaube ich nicht.“

Sie setzte sich auf einen Stuhl und las den gesamten Text. Am Ende war sie tief erschüttert, aber andererseits auch froh, dass sie es gewagt hatte, denn dort stand:

Ich freue mich, dass ich meine Nachbarin Elisabeth Bauer umgebracht habe und den Verdacht auf ihre Tochter Marie Bauer gelenkt habe, die heute tatsächlich wegen Mordes an ihrer Mutter zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Die beiden haben mich stets mit ihrer Frechheit, ihrer lauten Musik und dem Gebell ihrer Hunde geärgert. Ich bin froh, dass ich jetzt meine Ruhe habe!

Es folgte die Unterschrift Theklas mit Datum. Dieser Angabe zufolge waren die Zeilen vor dreizehn Jahren geschrieben worden. Birgitta erinnerte sich, dass sie zu jener Zeit im Ausland gelebt hatte. Deshalb hatte sie nichts von dem Fall Bauer mitbekommen. Vor ihrer Abreise, dies fiel ihr jedoch jetzt ein, hatte sie Mutter und Tochter kurz kennengelernt. Damals war Marie noch keine zwanzig gewesen.

Birgitta steckte den Bogen in ihre Handtasche und rannte zur nächsten Polizeidienststelle. Falls Marie noch immer im Gefängnis war, sollte sie keinen Tag länger dort bleiben müssen!

*

„Marie, wie freue ich mich, dass ich dich abholen darf! Es tut mir so unendlich leid, dass meine teuflische Tante euch das angetan hat!“

„Aber dafür kannst du doch nichts, Birgitta! Ich bin dir ja so dankbar, dass du zur Polizei gegangen bist. Und dass ich jetzt fürs erste bei dir wohnen darf!“

Die beiden stiegen in Birgittas Auto. Bis zu ihrer Wohnung waren es etwa zwanzig Kilometer. Als sie an einer blühenden Wiese vorbeifuhren, bat Marie: „Könnten wir hier mal halten und durch das Gras laufen?“

Birgitta kamen fast die Tränen, als ihr klar wurde, wie viel die unschuldige Frau neben ihr dreizehn Jahre lang hatte entbehren müssen. Schnell parkte sie, und beide genossen den hellen Sommertag.

Den kleinen dunklen Punkt am Himmel bemerkten sie zuerst nicht. Doch er wurde größer und größer…

„Guck mal, Birgitta, eine schwarze Gewitterwolke! Obwohl der Himmel drumherum blau ist! Was bedeutet das wohl?“

O Gott, dachte Birgitta. Jetzt ist es soweit. Die Hexe macht ihre Drohung wahr.

„Marie, es tut mir leid… Thekla hat gesagt, sie würde mich aus dem Jenseits mit einem Blitz erschlagen, wenn ich ihre Sachen nicht ungelesen vernichte!“

Vor Entsetzen konnte Marie nicht sprechen. Doch da erklang, während schon die ersten Regentropfen fielen, eine engelhafte Stimme:

„Habt keine Angst! Die Teufelin Thekla will euch alle beide mit einem Blitz erschlagen, aber ich werde den Blitz auf ihr Grab umleiten!“

„Das war Mamas Stimme!“, flüsterte Marie.

Ein ohrenbetäubender Donner ertönte, ohne dass jedoch zuvor ein Blitz gekommen wäre, und sofort danach verschwand die schwarze Wolke auch schon wieder.

Beide Frauen ließen sich ins Gras fallen und weinten vor Erleichterung. „Deine Mutter war unser Schutzengel!“, sagte Birgitta.

„Ja – was meinte sie wohl damit, dass sie den Blitz auf Theklas Grab umleiten würde? Ob er dort eingeschlagen ist? Könnten wir mal hinfahren, wenn wir uns von dem Schreck erholt haben?“

Als sie wieder im Auto saßen, steuerten sie tatsächlich zunächst den Friedhof an. Auf der Fahrt erläuterte Birgitta: „Die Teufelin wollte unbedingt eine Erdbestattung, keine Urne, und ein möglichst pompöses Grab, damit recht viel von ihr übrig blieb…“

Vor dem Tor zum Friedhof stand ein Polizeiwagen. „Sie können zurzeit leider nicht rein“, bedauerte ein Beamter. „Es hat eine Art Explosion gegeben. Die Grabstätte einer alten Dame, die erst vor kurzem beerdigt wurde, ist völlig zerstört. Der Sarg und der Leichnam darin sind verbrannt.“

4xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Weißehex am 02.11.2021:
Kommentar gern gelesen.
Die Geschichte habe ich doch tatsächlich bis jetzt übersehen. Gut, dass sie mir heute noch auffiel, schön gruselig!




geschrieben von Christine Todsen am 02.11.2021:

Danke, Weißehex! Kennst Du eigentlich auch schon die folgende Geschichte von mir: https://www.kurzgeschichten-stories.de/t_2926.aspx? "Kekezza und Kerensa in der Artusburg" - ebenfalls gruselig und dazu auch noch keltisch!




geschrieben von Weißehex am 04.11.2021:
Kommentar gern gelesen.
Hallo Christine, habe ich gelesen, ist sehr interessant! 🙂 LG Weißehex

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