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2xhab ich gern gelesen
geschrieben 2021 von Christine Todsen.
Veröffentlicht: 30.09.2021. Rubrik: Unsortiert


Das Genie von Wiesenberg

Bei der Lektüre seiner Tageszeitung überflog Anton meist lediglich die Überschriften. Nur wenn eine davon sein Interesse weckte, vertiefte sich der Endfünfziger in den Artikel.

Heute war dies wieder einmal der Fall. „Das Genie von Wiesenberg“ stand dort. War mit Wiesenberg wirklich jenes Dorf gemeint, in dem er vor neunundzwanzig Jahren zum letzten Mal gewesen war? Ja, zweifellos. Bevor er weiterlesen konnte, holten ihn die Erinnerungen ein.

Als Kind war er öfters in Wiesenberg gewesen, weil dort eine seiner Großtanten wohnte. Nach ihrem Tod hatte er die Verbindung zu dem Ort verloren. Nur an jenem Tag hatte er nochmals dort hinfahren müssen, um etwas wegen des Hauses zu klären, das er von der Großtante geerbt und danach verkauft hatte.

Wiesenberg war zwar nur ein kleines Dorf, doch es hatte einen berühmten Einwohner: den international bekannten Krebsforscher Klaus Jäger. Anton hatte ihn nie persönlich kennengelernt, kannte sein Gesicht jedoch aus den Medien.

Nachdem er alles bezüglich des Hauses geregelt hatte, ging Anton die Straße entlang zu seinem geparkten Auto außerhalb des Dorfes zurück. Die Sonne war schon untergegangen. Auf der anderen Straßenseite kam ihm eine Gruppe von vier Personen entgegen, die einen Zebrastreifen überqueren wollte. Als die vier sich mitten auf der Straße befanden, geschah es.

Ein Auto fuhr mit rasender Geschwindigkeit mitten in die Gruppe hinein und raste dann weiter. Anton war noch so geistesgegenwärtig, dass er versuchte, das Kennzeichen des Wagens zu erspähen, aber es gelang ihm nicht.

Alle vier Menschen lagen auf der Straße. Zuerst setzte Anton mit seinem Handy einen Notruf ab. Dann schaute er, wo er bereits selber helfen konnte. Zwei jüngere Männer schienen weniger schwer verletzt zu sein. In Lebensgefahr dagegen waren offenbar eine junge Frau und ein älterer Mann. Letzteren erkannte er als den Krebsforscher Jäger!

Anton war allein. Von den Rettungskräften war noch nichts zu sehen. Wenn überhaupt, konnte er nur einer Person helfen. Instinktiv befand er, dass das Weiterleben des Forschers für die Allgemeinheit am wichtigsten war.

Als er sich über Klaus Jäger beugte, sagte dieser mit klarer Stimme und in einem Ton, der keine Widerrede duldete: „Retten Sie die Frau!“

Es blieb Anton nichts anderes übrig. Er kümmerte sich um die Frau und stellte bald fest, dass sie doch nicht so schwer verletzt war, wie er gedacht hatte. Sofort wollte er sich wieder Klaus Jäger zuwenden. Doch dieser war bereits verstorben.

Neunundzwanzig Jahre war dies nun her. Anton setzte seine Lektüre fort. Aufgrund der Überschrift „Das Genie von Wiesenberg“ hatte er einen Artikel über Klaus Jäger vermutet. Tatsächlich wurde dieser im Text erwähnt, jedoch nicht als Hauptperson.

Vielmehr war mit dem „Genie von Wiesenberg“ ein junger Wissenschaftler gemeint, der ebenfalls in dem Dörfchen wohnte und trotz seiner erst siebenundzwanzig Lebensjahre schon Bahnbrechendes in der Krebsforschung geleistet hatte. Den Reportern hatte er gesagt: „Meine Mutter glaubt, dass ich eine Reinkarnation von Klaus Jäger bin. Zwei Jahre vor meiner Geburt hat ein Autofahrer sie und drei weitere Personen, darunter Jäger, schwer verletzt. Jäger starb, nachdem er den einzigen Ersthelfer gebeten hatte, lieber meine Mutter zu retten…“

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Susi56 am 01.10.2021:
Kommentar gern gelesen.
Ja so kann es gehen. Des Schicksals Pfade...




geschrieben von Christine Todsen am 01.10.2021:

Danke für Deinen Kommentar, Susi!

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