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geschrieben von Amneris, P.A. Sandor (Amneris).
Veröffentlicht: 02.07.2019. Rubrik: Unsortiert


Die Entführung

Die Dunkelheit der Nacht schluckte das schwere Tropfen des Regens wie ein hungriges Tier. Nur hier und da erleuchtete eine Laterne den Gehweg, der sich schwarz um die Häuser schlingerte. Niemand war unterwegs. In jener Nacht suchte jede Seele eine Bleibe.
Alle, außer mir. Gefangen in meinen Gedanken lief ich durch die Straßen der Stadt, tiefgefroren, unfähig den Weg nach Hause zu finden.
Ich musste schon eine Weile gelaufen sein, denn meine Kleider hingen nass und schwer an meinem Körper herunter, meine Schuhe quietschen bei jedem Schritt mit und die Kälte hatte sich in mir verbreitet, wie auch die gähnende Leere in meinem Herzen.
Das Messer in meiner Hand sah man nicht sofort. Doch er war da. Genau so präsent wie das Gefühl der Wertlosigkeit, das sich in meine Seele fraß. Man hatte mich weggeschmissen.
Wieder einmal. Auf dem Weg zum Himmel streifte ich noch einmal die Hölle.
Die Umrisse des städtischen Parks zeichneten sich blass und einladend vor meinem inneren Auge. Ich wusste jetzt, wo ich mein Zuhause fand. Mit zielstrebigen Schritt und dem Messer fest umklammert, lief ich schaudernd meinem Tod entgegen.

*****

Der Park war bei Tag wunderschön anzusehen. Majestätisch gewachsene Bäume spendeten erholsamen Schatten, während sich bunte Blumen spielerisch abwechselten.
Die regnerische Nacht verlieh ihm aber einen Hauch von Geheimnisvollem. Genau die gleichen Bäume, die am Tag so wunderschön waren, machten die Nacht zu einer Gefahr. Lange Schatten erstreckten sich undurchdringlich über die gesamte Parkfläche, starr doch irgendwie beweglich. Ich fühlte ein Zittern durch meinen Körper, das aber nicht von der Kälte kam. Ich lächelte unwillkürlich. Da war ich, verschmäht und verraten, verkauft und weggeschmissen, bereit zu sterben, und hatte Angst.
"Du bist mir schon eine", flüsterte ich mir zur Aufmunterung leise. "Wenn es nicht so ernst wäre, dann würde ich lachen."
"Lachen Sie doch. Was hält Sie davon ab?"
Ein Schatten löste sich aus einer dunklen Ecke und kam mir entgegen. Meine Hand schloss sich fester um das Messer. Schweiß trieb aus all meinen Poren und vermischte sich auf meinem Gesicht mit dem Regenwasser. Nasse Haare hingen mir wirr im Gesicht.
"Ich weiß noch nicht ganz, ob ich Sie oder Sie mich fürchten sollen", sagte der Schatten und ein perlendes Lachen begleitete die Aussage.
"Bleiben Sie stehen!", sagte ich und konnte den hysterischen Ton aus meiner Stimme nicht unterdrücken.
"... sonst???" Mit jedem Wort kam mir der Schatten näher. "Ach, die Dame hat ein Messer – Ups - ich sollte Angst zeigen."
"Bleiben Sie einfach wo Sie sind, dann passiert Ihnen nichts."
Das perlende Lachen schwoll an.
Verwirrt schaute ich zu wie der Schatten Form bekam. Ein Mann stand vor mir.
Eine Pracht von einem Mann. Ich schluckte schwer.
"Ist Madame jetzt gewillt, das Messer fallen zu lassen?", fragte der Mann und seine Augen blitzten spöttisch.
"Das Messer geht Sie nichts an", fauchte ich ihn an.
"Ach, Madame hat Biss". Weiße Zähne blitzten hell in der Nacht. "Ich würde Madame gerne zeigen, dass mich das Messer sehr wohl was angeht."
Mit einer einzelnen raschen Bewegung packte er meine Hand und drückte sie so fest, dass mir das Messer wie ferngesteuert wegflog. Dann ließ er mich sofort los.
Tränen der Enttäuschung liefen über meine Wangen. Ich wollte doch sterben.
Jetzt, ohne das Messer, musste ich mich vielleicht von einer Brücke runter werfen, oder so. Verdammt, was wollte dieser Fremde von mir.
"Es wird auch mit der Brücke nichts", sagte der Mann und kam mir noch ein Schritt näher. Ich konnte seine Wärme durch die nassen Kleider spüren.
Trotzig hob ich den Kopf, um ihm in die Augen zu sehen.
"Lassen Sie mich zufrieden", zischte ich und hob mein Knie, um an einer besonderen, empfindlichen Stelle zu treten. Mit einer Hand hielt mich der Unbekannte von sich weg, so dass meine Tritte nur die Luft streiften. Meine Wut kannte keine Grenzen.
"Wir zwei werden eine Zeit zusammen verbringen!", sagte der Mann, während ich von mir her strampelte.
"Zusammen? Ha ... Was glauben Sie, wer Sie sind?"
"Madame habe Geduld. Alles zu seiner Zeit."
In eiserner Umklammerung zog mich der Unbekannte hinter sich her, während ich ein Zeug fluchte und schimpfte, dass kein menschliches Ohr jemals gehört hatte.

*****

Das war gut, ich war ein Opfer. Juhu... Man hatte mich entführt und mit ein wenig Glück, brachte man mich vielleicht auch noch um. Diese erleuchtende Erkenntnis lies mich ein wenig folgsamer werden. Dem Unbekannten entging das nicht und er beäugte mich misstrauisch.
"Madame zeigt sich kooperativ. Nun, das gibt mir zu denken."
"Was reden Sie denn so geschwollen, Mann?", fragte ich frech zurück und hoffte durch meine Frechheit den Unbekannten zu reizen. An das Verhalten eines Esels angrenzend, ließ ich mich von dem Mann ziehen. Nicht, dass es ihm an Kraft fehlte. Mühelos zog er mich hinterher.
"Gefallen Madame meine Manieren nicht? Oh, das tut mir aber leid."
Er blieb abrupt stehen, so dass ich direkt in seinen Armen stolperte. Das Gesicht ganz Nah an meinem gedruckt, schaute mich der Unbekannte an.
"Sie sollen Ihre freche Zunge im Zaun halten, Madame."
"..... sonst.…", äffte ich ihn nach.
Kalt blickte er mich an. Ich machte einen Schritt zurück und lehnte an einer kalten Mauer.
Komm, bringe mich endlich um, bettelte ich stumm und schaute genau so kalt zurück.
"Wir werden uns nun zivilisiert verhalten, nicht wahr Madame?"
Der Unbekannte packte sanft meinen Arm und wir liefen wie zwei Vertrauten in die Nacht hinein. Es regnete immer noch, doch die Dunkelheit wich ein wenig, durch das Licht einer Wohngegend. Meine Hoffnung sank. Hier würde der Unbekannte mich nicht umbringen können. Verflucht. Ich war müde und wollte erstmal schlafen. Meine nasse Kleidung ausziehen, mich aufwärmen und nur noch schlafen. Sterben kann ich morgen, dachte ich mir bei und verfluchte leise meine menschlichen Bedürfnisse.
"Ich werde jetzt Madame eine Augenbinde aufsetzen". Die Stimme des Fremden holte mich aus meinen Träumen zurück. Ich holte tief Luft ein, um protestieren zu können, doch der Unbekannte fuhr fort, ohne mich zu beachten.
"Falls Madame nicht aufgefallen sein sollte, es geht hier um eine Entführung. Ich bin das Böse und Madame ist das Opfer. Alles klar soweit?"
Die Frage gab mir die Möglichkeit loszulegen.
"Lassen Sie mich zufrieden, ich bin kein Opfer, ich werde tot sein. Was wollen Sie den von mir? Sie, Sie...!!!"
"Madame hat anscheinend noch nicht den Ernst der Sache verstanden. Nun, dann muss ich wohl ein wenig nachhelfen."
Starke Arme umfassten meinen Körper wie einen Schraubenstock, etwas Schwarzes legte sich auf meinen Augen und ich war mit einem Schlag blind.
Ich riss gerade den Mund auf, um ein Schrei los zu lassen, als ich den Geschmack von Textilien in meinem Mund wahrnahm. Wütend stampfte ich mit den Füßen auf den Boden. Ich war innerhalb von Sekunden auf offener Straße geknebelt und entführt worden.
Ich wollte aber nicht geknebelt und entführt werden, ich wollte sterben. Der Unbekannte stieß mich schonungslos weiter.
Ich hörte das Öffnen einer Tür und fühlte den Stoß, der mich in das Innere eines Etwas hinein katapultierte. Unsanft und in einer unbequemen Position landete ich zwischen den Sitzen. Es war ein Auto. Der Unbekannte fluchte leise, stieg ein und fuhr fort. Der Regen prasselte munter auf dem Autodach.
Gefangen in der Dunkelheit fragte ich mich, was das alles zu bedeuten hatte.
*****

Der Duft von Kaffee streichelte meine Nase. Ich öffnete vorsichtig die Augen und schaute mich um. Das Zimmer war von Licht durchflutet, hell und luftig.
Spärliches Möbel machte es gerade noch bewohnbar. Es war eindeutig der Stempel eines Mannes als Innenarchitekten zu erkennen, eine Frau würde in so einem Zimmer niemals leben. Mir fehlten die Erinnerungen, wie ich dazu kam in diesem Zimmer, auf diesem Bett zu liegen. Allerdings war ich nicht mehr geknebelt. An das könnte ich mich noch erinnern. Und an das ich sterben wollte. Aus einem angegrenzten Zimmer kam Geklapper von Tassen und Tellern begleitet von leisem Schimpfen zu mir rüber. Ich wollte mich gerade aufrichten, als die Tür aufging und der Unbekannte hereinkam. In den Händen trug er ein Tablett.
"Guten Morgen Madame, war Ihr Schlaf von süßen Träumen begleitet?"
Missmutig blickte ich ihn an. Er hatte anscheinend nichts von seinem böswilligen Charme eingebüßt. Stumm wartete ich, dass er weitersprach.
"Oh, kommen Sie ja nicht auf den Gedanken dankbar zu sein, Madame. Und ein Guten Morgen würde sicherlich Ihren guten Manieren im Wege stehen."
"Wo befindet sich hier das Badezimmer? Ich möchte mich frisch machen und dann verschwinden."
"Madame wird erst den Kaffee trinken, den ich ihr zu Ehre gekocht habe. Dann wird sich Madame anhören müssen, warum sie hier ist, denn sollte sie es vergessen haben, Madame wurde entführt."
Er war eine attraktive Erscheinung. Irgendwie anders als was ich ansonsten an Männer kannte. Groß gewachsen, mit stahlblauen Augen und ein Mund, der wie geschaffen war, um zu spotten. Dunkle Haare machten ihn ein wenig verwegen, doch ich erfreute mich an seinem Anblick. Meine Augen funkelten, ein Zeichen, das er missverstand.
"Oh nein, nicht schon wieder dieses Störrische, Madame. Sie könnten einem Esel problemlos Konkurrenz machen. Hier bitte, Ihr Kaffee."
Resigniert lehnte ich mich zurück, griff nach der Kaffeetasse und trank ein Schluck. Meine Geschmacksnerven sagten mir, dass es bei meinem Entführer mit dem Kochen nicht weit her war. Ich grinste hämisch und holte zum Angriff auf.
"So, mein Herr, bis jetzt habe ich alles gemacht, was Sie von mir verlangten. Jetzt reicht es! Falls Sie nicht vorhaben mich zu vergiften, dann trinken Sie den Kaffee selbst. Ich für mich muss jetzt gehen."
"Sie werden nirgendwo gehen! Sie, Madame, wollten sich gestern Nacht umbringen. Obwohl, wenn ich Sie so anschaue, nicht mehr ganz daran glaube."
Während des Redens setzte sich der Unbekannte auf dem Bett und blickte auf mich runter. Ich machte mich noch kleiner, als ich schon war.
"Ich ... nun, ich suche eine Frau."
Mir fiel der Kinnladen herunter. Ich war bestimmt in einem falschen Film.
Dieses Bild von einem Mann SUCHTE eine Frau!!!! Und was tut er dafür? Mein Gesicht lief rot an, ich war kurz davon zu explodieren.
"Unterstehen Sie sich, mich auszulachen, Madame." Wütend schaute er mich an, seine Hände zu Fäusten geballt.
"Ich habe Ihnen das Leben gerettet, Sie sind mir jetzt verpflichtet."
"Ein Teufel bin ich! Habe ich Sie darum gebeten? Was glauben Sie denn, was Sie hier tun? Das ich nicht lache! Sie entführen sich eine Frau! Mann, was denken Sie, wo wir hier leben? Sollte es Ihnen noch nicht aufgefallen sein, wir sind nicht mehr im Mittelalter. Ganz im Gegenteil."
Meine Bewegung mich aufzurichten, wurde prompt unterbrochen, als der Unbekannte mich zurück in den Kissen zwang.
"Ruhig bleiben, Madame. Mir ist nicht verborgen geblieben, dass wir uns in Ihrer technisierten Welt befinden. Und auch nicht, dass ich ohne eine Frau besser dran wäre, als mit Ihnen. Sie sind nicht der Innbegriff der Weiblichkeit."
Wieder lief mein Gesicht rot an. Dass ich klein und keine Schönheit war, wusste ich. Auch dass niemand mich liebte, dass ich alleine auf dieser Welt war. Selbstmitleid überflutete mich plötzlich und der Gedanke mich umzubringen, nahm wieder Kontur an.
"Was haben Sie zu verlieren, Madame? Bin ich Ihnen so zuwider?"
Nein, das war er nicht, doch meine Angst wieder verletzt zu werden, war so groß, dass ich ihn gar nicht wahrnahm. Misstrauisch rollte ich mich zusammen, schloss meine Augen und hoffte, er würde verschwinden.
Er verschwand nicht. Zwei Monate lang lebten wir, wie Bruder und Schwester, in seinem Haus, das ich nie von außen sah. Er lernte mich Geschenke anzunehmen, an Worte zu glauben, Misstrauen abzulegen. Meine Wertlosigkeit verlor sich unter seinen liebevollen Blicken. Mit jedem Tag in seiner Nähe legte ich mein altes Ich aufs Eis und entwickelte mich als eine vollständige Person weiter, mit all die Bedürfnisse und Rechte, die eine solche hatte.
Das Leben war mir nicht mehr eine Last. Ich genoss es mit ihm zu streiten, seine geschwollen Art zu sprechen in die Luft zu zerreißen. Er war mir Vater, Freund und seelischer Geliebter. Ich lernte zu Geben, ohne Erwartungen zu hegen. Ich flog dem Himmel entgegen und war glücklich.

*****

"Zwei Monate? Ich lag zwei Monate in Koma? Das kann nicht sein, ich wurde entführt! Das ist passiert!"
Der Arzt schaute mich mitleidig an. Sanft streichelte er über meine Hand.
"Man hat Sie im Park gefunden. Es war ein Überfall. 36 Mal hat man auf Sie eingestochen. Es ist ein Wunder, dass Sie durchgekommen sind. Ehrlich gesagt, hier hat keiner mehr dran geglaubt, dass Sie es überleben. Irgendwie wollten Sie es nicht. Überleben, meine ich."
Ungläubig starrte ich den Arzt an. Was erzählte er da? Ein Blick auf meinem bandagierten Körper sagte mir, dass er die Wahrheit sprach. Wie ein Häufen Elend lag ich da, mein Herz und meine Gedanken weit weg, bei meinem Lehrer.
Nur ein Traum. Doch ich spürte die Stärke in mir, die Gabe des Lebens, die er mir vermacht hatte.
"Dass Sie es überlebt haben, hat Sie zu einer kleinen Attraktion gemacht," fuhr der Arzt fort "die Medien pirschen um das Krankenhaus, Zeitungen, Fernsehensteams, alles was Sie wollen. Und die Polizei wartet auch. Der Ermittler ist draußen auf dem Flur. Fühlen Sie sich stark genug, um mit ihm zu reden?"
"Sicherlich, obwohl ich mich an nichts erinnern kann."
Väterlich betatschte der Arzt meine Hand und verließ das Zimmer. Ich schloss die Augen und wartete auf den Ermittler.
"Bedarf Madame einer besonderen Behandlung, oder geht es auch so?"
Die Stimme in meinem Kopf ließ mich lächeln. Ihre Wärme füllte mein Herz aus und machte mich versonnen.
"Mein Name ist Lucien Emerith. Ich bin der leitende Ermittler in Ihrem Fall."
Die Stimme war nicht mehr in meinem Kopf. Sie war real und genau so hypnotisch, wie ich sie in Erinnerung hatte. Mit einem Ruck setzte ich mich aufrecht ins Bett, ohne auf meinem geschundenen Körper Rücksicht zu nehmen.
Dieser rächte sich sofort und die Schmerzen raubten mir für einen Moment den Atem.
Stahlblaue Augen schauten mich spöttisch an. Das Gesicht strahlte ein geheimnisvolles Lächeln aus und dunkles Haar ließ ihn ein wenig verwegen aussehen.
"Ich freue mich, Madame dienlich sein zu dürfen. Würde mir Madame Ihren Namen verraten?"

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