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1xhab ich gern gelesen
geschrieben von Butterblume.
Veröffentlicht: 09.01.2026. Rubrik: Unsortiert


Wer schreibt, der bleibt

Wer schreibt, der bleibt

„Darf ich das lesen?“
Na klar, liebste Freundin Doris, dafür sind doch Bücher da, sage ich seelenruhig.“
Mit einem längst vergessen geglaubten Buch, welches in einem dunkelroten Ledereinband steckt, steht Doris eine meiner Freundinnen im Türrahmen dieser Bodenkammer.

Geplant war, vom Speicher die Kiste mit den alten Jugendbildern zu holen.
Heute ist der langersehnte jährliche Damenklatschabend, Themenparty mit Schnittchen und Sekt. Erinnerungen an unsere Kindheit und Jugend, die 1980 Jahre stehen im Brennpunkt.

Unsere Männer haben zu diesem Zeitpunkt eine Alpenüberquerung mit den Bikes geplant. Im nächsten Jahr fahren wir bestimmt mit.

Doris setzt sich langsam in den zerschlissenen hellgrünen Sessel, welcher offensichtlich in dieser Bodenkammer vergessen wurde. Erwartungsvoll durchblättert sie das Buch ihrer Wahl, dabei schiebt sie ihre grüne Lesebrille auf den Nasenflügel.
Sie atmet tief ein und aus, leise beginnt sie es zu bewerten.
„Wow dies ist ein Tagebuch, aus dem Jahr 1989 sicherlich von den Vormietern zurückgelassen, vergessen, ich kann zum jetzigen Zeitpunkt keinen Namen verorten.
Die Schrift ist vergilbt, etwas krakelig und so mancher Rechtschreib- sowie Grammatikfehler erkennbar.

„Doris spielt dies für uns überhaupt eine Rolle; es sind persönliche Memoiren aus dem Leben von Menschen, welche wir nicht kennen.“

„Ulrike setz dich doch bitte zu mir, in den zitronengelben Schalensessel, ich glaube es ist ein Modell aus dem Jahr 1950, der Designer hieß Arne Jacobsen dies habe ich in einer Home Story mal gelesen.
Die Bilderkiste kannst du eventuell auf der schwarzen Musikbox neben mir abstellen.“

Humorvoll singe ich „jawohl sehr gern, Madame.“

Doris blättert eine Seite, eine weitere Seite, abrupt hält sie bei der dritten Seite inne, sichtlich berührt schließt sie für einen kurzen Moment ihre Augen.
„Ulrike dürfen wir das überhaupt; diese privaten, ungefilterten herzzerreißenden Zeilen lesen?“

Geschätzte Freundin, der Schreiber wollte sicherlich im Moment verweilen, Frust und Belastendes loswerden, sich mitteilen, es für die Nachkommen aufbewahren. Ich habe keine Antwort.

Doris setzt sich gerade hin, bedacht beginnt sie die ersten Sätze, langsam vorzulesen.

Wer schreibt, der bleibt.
März 1989

Mein Schokoladenosterhase hat keine Ohren mehr, Nervennahrung für die Seele.

Liebes Tagebuch

Es ist ein ungewöhnlich warmer Ostersonntag.
Das Thermometer klettert auf 24 Grad Celsius.
Die Menschen um uns herum sind ausgelassen und fröhlich.
Eltern und Großeltern verstecken Osternester für ihre Kinder im Park, unter Büschen, Narzissen und Tulpen. So gerne würden wir diese Lebensfreude mit ihnen teilen.

Mein Schatz nimmt mich in den Arm, „Liebling sei nicht traurig, nächstes Jahr zur selben Zeit können wir zusammen das Osterfest feiern“. Dabei gibt er mir einen Kuss und haucht, „Versprochen.“

Ein letzter Spaziergang Hand in Hand durch die Straßen unserer Stadt, wir vermeiden einen längeren Blickkontakt. Mit dem Wissen, das es nur noch wenige Stunden bis zum Abschied sind, macht es mir unmöglich die Tränen laufen zu lassen. Der Kloß im Hals fängt an zu schmerzen, mir ist schwindlig.

Mein Schatz läuft immer langsamer, die Tasche wird schwerer. Unsere Gespräche sind einsilbig. Keiner möchte etwas Tiefgründigeres erfragen. Wozu auch, wir können nichts planen. Das nächste Wiedersehen ist offen.

Darüber bestimmen die Behörden. Manche dürfen aller vier Wochen in Heimaturlaub, andere nach sechs Wochen, oder von heute auf morgen. Alles ist möglich. Leider ist eine kurzfristige Urlaubsankündigung in meinem derzeitigen Job unmöglich. Ein Telefon haben wir nicht und Briefe kommen zu spät an.
Bis zum Bahnhof brauchen wir etwa eine Stunde.

„Liebling warum können wir die Zeit nicht einfach anhalten; so ein Mist, noch etwa ein Jahr Grundwehrdienst.“
„Bitte leiser, mein Liebster, hinter uns laufen Leute.“ Wir dürfen leider in der Öffentlichkeit nur hinter vorgehaltener Hand sagen, was wir wirklich denken.

Auf dem Bahnsteig warten noch weitere Paare, man kennt sich. Dies macht den Abschied etwas leichter.
Eine letzte Umarmung, ein flüchtiger Blickkontakt, ein langer Kuss für mehrere Wochen. Das Atmen fällt mir schwer.

Der Schaffner ruft, einsteigen, einsteigen, hebt seine Kelle und pfeift auf der schwarzen Trillerpfeife.
Die Türen sind verschlossen, schnaufend setzt sich der Zug in Bewegung.

Benommen stehe ich noch wenige Minuten am Bahnsteig winke und rufe, „bis bald“ dem Zug hinterher. Niemand antwortet mir.

Wie von einem Blitz getroffen renne ich nach Hause, in unser Zuhause.
Völlig erschöpft schmeiße ich mich aufs Bett.
Etwas stößt mich, ganz sanft in meinem Bauch. Behutsam lege ich meine Hände auf unser noch ungeborenes Kind.
„Ja ich beschütze dich, dein Papa kommt bald wieder. Alles wird gut, Versprochen.“
Nun lasse ich die Tränen kullern.
Jetzt bin ich und mein ungeborenes Kind müde.
Gute Nacht liebes Tagebuch.


Doris nimmt ihre Brille ab, die Augen sind mit Tränen gefüllt.
Hüstelt beginnt sie zu sprechen, „was wohl aus dieser Familie geworden ist?“

„Komm lass uns zu unseren Freundinnen gehen, auf das Leben anstoßen den Augenblick genießen,“ flüstere ich.

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