Kurzgeschichten-Stories
Autor
Schreib, wie du willst!
Startseite - Registrieren - Login - Kontakt - Impressum
Menu anzeigenMenu anzeigen
6xhab ich gern gelesen
geschrieben 2026 von Phoberos (Phoberos).
Veröffentlicht: 02.02.2026. Rubrik: Nachdenkliches


Freiheit auf Zeit

Endlich sass sie.
Der Gurt schnappte ein.
Es roch wie immer. Vertraut.

Und doch kam sie, wie jedes Mal kurz vor dem Abheben:
diese leichte Nervosität.

Hatte sie etwas vergessen?

Alles stand noch.
Aber nichts fühlte sich ruhig an.
Ein Blick nach draussen.
Die Rollbahn. Der Boden.
Und plötzlich schien nichts mehr selbstverständlich.

Die Triebwerke liefen bereits im Standgas.
Dann wurden sie lauter.
Das Flugzeug rollte auf die Startbahn und kam zum Stillstand.
Ein kurzer Moment.

Die Triebwerke heulten auf.
Das Dröhnen wuchs, füllte den Raum, wurde beinahe zu viel.
Dann löste sich die Bremse.
Das Flugzeug setzte sich in Bewegung
und zog durch.

Die Geschwindigkeit nahm zu.
Der Druck kam zurück, härter diesmal.
Sie wurde in den Sitz gepresst, der Atem stockte für einen Moment.
Dann ein kurzes Holpern.
Und der Boden liess los.

Der Schub blieb. Das Steigen begann.
Sekunden später war alles grau.
Nichts als Bewegung nach oben.
Sie rief sich das Gehörte in Erinnerung.
Die Obergrenze lag noch über ihr.
Kaum war der Gedanke zu Ende, durchbrach das Flugzeug die Wolkendecke.

Das Grau blieb zurück.
Der Steigflug flachte ab.
Irgendwann ging die Bewegung ins Waagrechte über.
Ein besonderer Moment.

Die Triebwerke wurden leiser.
Nicht weg.
Nur fern.
Das Flugzeug schien zu gleiten.

Unter ihr zogen schneebedeckte Gipfel vorbei,
grüne Täler,
langsam.
Am Horizont eine glitzernde Fläche.
Über ihr nichts als Himmel.

Sie liebte diesen Moment.
Wenn die Welt klein wurde.
Wenn Probleme ihre Schwere verloren.
Ein warmes Gefühl von Freiheit durchströmte sie.

Und doch drängte sich ein anderer Gedanke hinein.
Erst leise.
Vertraut.
Sie hielt ihn auf Distanz, solange sie konnte.
Aber wie jedes Mal setzte er sich durch.

Fliegen ist Freiheit auf Zeit.

Wir alle müssen landen.

Und zurückgehen.
In unseren Alltag.

counter6xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

Einen Kommentar schreiben

Mehr von Phoberos (Phoberos):

Die Uhr ohne Sekunden - Schluss
Die Uhr ohne Sekunden - Nachtrag
Am Rand des Tages
Die Uhr ohne Sekunden - Fortsetzung
Die Uhr ohne Sekunden