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geschrieben 2026 von Lüdel (lüdel).
Veröffentlicht: 02.02.2026. Rubrik: Menschliches


Die ewige Sitzenbleiberin (Teil 1)

(Triggerwarnung) 1 von 3 Teilen


Manche Erinnerungen bleiben.
Diese gehört dazu.

Sie hat überlegt, diese Erinnerung zu schreiben, demnach, dass es so lange her ist, könnte sie es längst loslassen.

Sie lebte in ihrer Heimatstadt Erding.

Ihr Papa arbeitete in der dort ansässigen Molkerei als Maurer.

Nicht weit davon entfernt lebten sie in einem von der Molkerei eigenen Haus.

Es war viereckig gebaut.

In der unteren Wohnung wohnten zwei türkische Arbeiter, oben ihre Familie.

Zwischen dem Treppenaufgang befanden sich die Toiletten mit Zugleine.

Unten gab es ein schmales Zimmer mit Badewanne und Heizboiler.

Oben in der Wohnung gab es eine kleine Küche, ein Durchgangszimmer mit zwei Hochbetten, durch das man in das Schlafzimmer kam. Daneben war das Wohnzimmer.

Unten hielt sie sich gerne vor dem Haus auf, das auf einem großen geteerten Platz stand.

Sie flitzte gerne mit ihrem Kettcar um das Haus.

Sie war sechs Jahre alt und kam in die Schule, die nicht weit entfernt und zu Fuß erreichbar war.

Dort war sie nicht lange. Sie spielte und sprach mehr mit den Stiften, als dass sie im Unterricht aufpasste.

An jedem Schultag wurden die Schulranzen kontrolliert.

Die Lehrerin nahm ihren Schulranzen und behauptete, er sei unordentlich eingeräumt.
Sie schüttete ihn auf der Schulbank vor ihr aus.

Auf einmal stand ihre Mama in der Tür und bekam die Belehrung über ihr Kind mit.

Es kam zum Streitgespräch.

Ihre Mama sagte, das könne gar nicht sein, da sie am Abend zuvor mit ihrem Kind den Schulranzen gemeinsam eingeräumt hatte.

Ihre Mama war herbestellt worden.
Es hieß, sie solle zurückgestellt werden.

Ihre Mama zog sie am Arm, packte den inzwischen wieder eingeräumten Schulranzen und rief laut, dass sie sie nicht mehr sehen würden.

Einige Zeit später mussten sie ausziehen.
Das Haus wurde weggerissen.

Sie zogen nach Wartenberg.

Dort wohnten sie vorübergehend in einem sehr alten Bauernhaus, in dem auch der Bruder ihres Vaters lebte.

Es gab keine geeigneten Bademöglichkeiten, nur ein Plumsklo.
Oben gab es lediglich einen Dachbodenraum.
Dort stand eine kleine Küchenzeile, gekocht wurde jedoch unten an einem Holzofen.

Oben, in einem länglichen Raum, legte ihr Papa einen sehr langen Schaumstoff aus, nicht dicker als fünf Zentimeter.
Dort schliefen alle sechs Familienmitglieder nebeneinander.
Als Kind fand sie das schön.

Sie wurde neu eingeschult.
Der Weg zur Bushaltestelle war lang, bestimmt eineinhalb Kilometer.

Zuerst ging es durch ein Waldstück, dann einen Feldweg bergab, danach eine geteerte Straße bergab.
Hinunter war es kein Problem, doch der Rückweg musste mit dem Fahrrad hinaufgeschoben werden.

In der Schule wurde sie nicht akzeptiert.
Sie war sofort Außenseiterin.

Sie bleckten sie aus und hänselten sie.

Ihr Vorname war zu kurz, doch ihr Nachname wurde verspottet.

Sie war ein sehr schüchternes, ruhiges Kind.

Es gab keinen Anlass.

Sie verstand nicht, warum die anderen sie ausgrenzten.

Erste und zweite Klasse. Die Lehrerin war sehr streng.

Im Zeugnis hieß es:

Die stille, ruhige Schülerin könnte sich mehr melden.

Zu Hause wurde ihr von den Eltern eingetrichtert, sie solle sich mehr melden.
Was sie teilweise auch versuchte.

Zuerst saß sie in der zweiten Reihe, direkt hinter dem Lehrerpult.

Nicht lange. Dann behauptete die Lehrerin, sie sei zu lang und störe die anderen.

Sie setzte sie in die hintere Reihe, wo es ihr schwerfiel, mitzukommen.

Sie war nicht so auffällig wie manche Kinder, die beim Melden mit den Fingern schnippten oder die Arme wild umherfuchtelten.

Rufen war untersagt.

Manchmal meldete sie sich, nachdem sie lange überlegt hatte, ob sie es wirklich sicher wusste.

Sie wollte nicht ausgelacht werden.

Bis sie endlich drankam, wusste sie es oft nicht mehr und stotterte herum.
Oder es war bereits ein anderes Thema dran.
Sie versuchte, sich nach ihren Möglichkeiten zu melden.

Manchmal sah sie, wie die Lehrerin sie ansah, sie aber nicht aufrief.
Die Lehrerin wollte mit ihr nichts zu tun haben.

Sie war ein Störfaktor.

Wenn sie nicht mitkäme, sei sie dort hinten besser aufgehoben.

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