Veröffentlicht: 23.01.2026. Rubrik: Märchenhaftes
Die Muschel am Strand
Eine Muschel hatte jahrhundertelang im Meer gelegen.
Eines Tages wurde sie an den Strand gespült.
Von Weitem sah es aus, als wäre sie gerade erst herausgespült worden.
Sie glitzerte und funkelte in der Sonne.
Lange Zeit lag die Muschel dort.
Manchmal, wenn jemand vorbeikam, hob man sie hoch und hielt sie sich ans Ohr –
doch nichts.
Kein Meeresrauschen drang aus ihr.
Mit einem Schulterzucken legte man die Muschel wieder hin.
Sie war groß und weiß, mit samtartig durchzogenen Streifenfäden.
Länglich und zugleich rundlich, mit leichten Muschelzacken, die zu leuchten schienen.
***
Eine Wanderratte war unterwegs zum Meer.
Sein Säckchen hing an einem Stock über der Schulter, hinter seinem Rücken.
Er wollte das Meer unbedingt sehen und ging den Kiesstrand entlang.
Da entdeckte er etwas Funkelndes – die Muschel.
Ratte Rautus hob sie hoch und hielt sie an sein Ohr.
Seltsam – nichts.
Kein Wellenrauschen war zu hören.
Etwas in seinem Inneren wollte die Muschel mitnehmen.
Sie war ziemlich groß, fast so groß wie er selbst.
Rautus stellte sein Säckchen ab, nahm die Muschel noch einmal auf – und siehe da:
Sie schmiegte sich an seinen Rücken.
Er ging hinunter zum Strand und steckte seine Füße ins Wasser. Ach, wie herrlich, dachte sich Rautus. So schön kühl – und wie das Meer nach Salz roch.
Noch in Gedanken versunken, stieg er den Kiesstrand wieder hinauf und folgte einem schmalen Weg unter den Felsklippen.
Dahinter entdeckte er eine Felshöhle, gerade so hoch wie er selbst.
Als er sie betrat, leuchtete die Muschel hell, und Rautus folgte dem Schein. Der Weg schien endlos. Müde erkannte er schließlich ein stecknadelkopfgroßes Licht.
Glühwürmchen.
Langsam schlich Rautus hindurch. Dicht vor der Höhle schwebten sie wie Lichtkegel, als wären sie Wächter.
Große, leuchtende Augen blickten auf ihn herab –
eine Eule.
Ratte Rautus lief zum nächsten Baum, flitzte noch ein Stück weiter, bis er einen großen Eichenbaum erreichte.
Dort fand er ein Baumloch und schlief übermüdet ein.
***
Am nächsten Morgen zwitscherten die Vögel.
Rautus machte sich mit der Muschel auf dem Rücken daran, Walnüsse, Haselnüsse und Eicheln zu sammeln.
Er kam sich vor wie im Schlaraffenland.
Während er die Nüsse einsammelte, flitzte ein Eichhörnchen vom Baum herab, stellte eine Pfote auf eine Walnuss und grinste ihn freundlich an.
Das Eichhörnchen plauderte los:
„Wohin des Weges, Wanderer? Komm mit mir!“
Es schnappte sich einige der Walnüsse, bis sie ihm fast bis zur Nase reichten, flitzte die Bäume hinauf und tauchte kurz darauf ohne Nüsse wieder auf.
Dann hüpfte es voraus.
Ratte Rautus folgte ihm.
Bald erreichten sie ein kleines Lagerfeuer.
Dort saß ein Zwerg.
Als Rautus auf ihn zuging, begrüßte der Zwerg ihn freundlich.
Er lud ihn zum Abendessen ein – es gab eine leckere Suppe.
Während der Zwerg umrührte, versammelten sich auch seine Freunde am Feuer:
der Specht, das Eichhörnchen, sein alter Freund der Tausendfüßler und Zwerg Wolle, der hinter dem Wald in einem Zwergendorf lebte.
Alle saßen um das Lagerfeuer.
Ratte Rautus hatte inzwischen die Muschel abgenommen und erzählte, wie er sie gefunden hatte.
Am nächsten Tag halfen ihm der Zwerg, der Specht und das Eichhörnchen, eine Behausung zu finden.
Nicht weit entfernt wurden sie fündig: bei einer mächtigen Eiche, hinter einer Wurzelhöhle.
Dort zog Ratte Rautus ein.
Der Zwerg baute ihm ein handgemachtes Bett.
Rautus hatte sich inzwischen selbst einige Möbel gemacht – unter anderem einen Stuhl und einen hohen, runden Blumentisch, auf dem seine Muschel lag.
Rautus staunte nicht schlecht über das Bett.
Dabei fanden sie heraus, dass sie beide Schreiner waren.
Am Abend sollte der Einzug gefeiert werden.
Zwerg Wolle, der Specht, das Eichhörnchen, der Tausendfüßler und Ratte Rautus saßen wieder am Lagerfeuer.
Der Zwerg kochte erneut eine leckere Suppe.
Als sie so beisammensaßen und Rautus die Muschel weiterreichte, horchten sie neugierig daran.
Doch sie stellten fest:
nichts – nur Stille.
Da hielt Rautus die Muschel fest.
Zwerg Wolle bemerkte:
„Diese Muschel scheint mehr zu sein als nur eine Muschel …“
Der Zwerg nickte ergänzend.
„Genau. Sie ist ein Musikinstrument.“
Neugierig nahm Ratte Rautus die Muschel, legte die schmale Seite an den Mund, sodass die längliche Öffnung nach oben zeigte und die bauchige, leicht gezackte Seite nach unten.
Dann blies er hinein.
Die Töne waren tief und rund, sie klangen wie eine Tuba.
Es war ein Muschelhorn.
Alle waren still vor Erstaunen.
Rautus horchte noch einmal hinein – da erklang ein vermischtes Meeres- und Blätterrauschen.
Wie wunderbar!
Er reichte die Muschel weiter.
Begeistert nickten sie ihm zu.
Dann nahm Rautus die Muschel wieder an sich und blies erneut hinein.
Diesmal holte der Zwerg seine Flöte hervor, der Specht klopfte den Takt,
Zwerg Wolle raschelte mit seinen Eichelrasseln, der Tausendfüßler summte, und das Eichhörnchen klapperte mit Walnussschalen.
Sie musizierten die ganze Nacht.
Ein Echo trug die Klänge weit hinaus, und noch lange hörte man die wunderbare Musik.
Und so endete die Geschichte von der Wanderratte Rautus und der Muschel, die Musik in sich trug.
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Diese Geschichte ist Rautus gewidmet –
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