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geschrieben 2026 von Lüdel (lüdel).
Veröffentlicht: 03.02.2026. Rubrik: Menschliches


Die ewige Sitzenbleiberin (Teil 2)

Es kamen die Ferien.

Onkel und Tante waren in Italien im Urlaub gewesen und besuchten danach die Verwandtschaft.

Auch bei ihnen kamen sie vorbei.

Nach einiger Zeit hieß es, der Onkel liege im Krankenhaus.

Diagnose: TBC.

Alle Verwandten, bei denen er sich aufgehalten hatte, mussten untersucht werden.

Nur eine war angesteckt.

Sie.

Geschlossene TBC, hieß es. Sie kam ins Kinderkrankenhaus. Dort lag sie in einem geschlossenen Zimmer. Nur ein kleines Beobachtungsfenster in der Tür.

Ihre Eltern durften sie nicht besuchen.
Ansteckungsgefahr.

Wie viel Zeit dort verging, weiß sie nicht mehr.
Sie war erst acht Jahre alt.

Nach langer Zeit durfte sie Besuch bekommen. Ihre Taufpatin mit Lebensgefährten und ihre Eltern kamen. Die Taufpatin hatte ein halbes Hähnchen mitgebracht. Doch sie hatte kein Interesse daran.

Sie wollte nur dort raus.

Als das nicht so ging, wie sie es wollte, hüpfte sie wild in die Höhe, so sehr, dass alle wieder weggeschickt wurden.

Nach einer gefühlten Ewigkeit durfte sie auf die Kinderstation.

Insgesamt war sie ein halbes Jahr im Kinderkrankenhaus, bis sie endlich wieder nach Hause durfte.

Die zweite Klasse musste sie dadurch wiederholen.

Automatisch war sie die Sitzenbleiberin.
Sie konnte sich nicht wehren.

Das Einzige Gute: Es gab eine neue Lehrerin. Sie war sehr nett und bemühte sich, dass sie mitkam. Sie setzte sie sogar nach vorne.

Obwohl die Lehrerin erklärte, dass sie die Klasse wegen Krankheit wiederholte, blieb sie die Sitzenbleiberin.

Bis sie den Lehrstoff verstanden hatte, war man schon wieder beim nächsten Thema.

So blieben ihre Noten schlecht.
Sie schaffte es gerade noch in die nächste Klasse.

Wie bereits erwähnt, wohnten sie zu dieser Zeit vorübergehend bei ihrem Onkel, dem Bruder ihres Vaters.

Ihre Mutter nahm sie mit zur Gemeinde, um nach einer Wohnmöglichkeit zu fragen.

Bevor sie hineingingen, sagte ihre Mutter zu ihr, sie solle besonders traurig schauen.

Anscheinend schaute sie tatsächlich sehr traurig, denn der Bürgermeister blickte ihr in das kleine Kindergesicht und wies ihnen ein Gemeindehaus zu, in dem sie wohnen konnten.

Es war ein ehemaliges Gästehaus.
Es gab nur Zimmer, kein Bad. Oben befand sich eine einzige Toilette.

Unten waren große Räume mit Kieselsteinen als Boden.

An ein Zimmer erinnerte sie sich besonders. Es war groß und voller dicker Spinnweben.

Ihr Papa machte die Räume nach der Arbeit bewohnbar. Er war Maurer. Er verlegte Wasserleitungen, machte ein Badezimmer und einen Wasseranschluss für das Waschbecken.

Im Winter musste ihr Papa die Toilette oben abstellen, damit die Leitungen nicht platzten. Nachts musste man dann über die Treppe nach unten gehen, um das Bad zu benutzen.

Durch den Umzug kam sie in die dritte Klasse, gemeinsam mit ihrer Schwester.

Auch dort war sie sofort wieder die Sitzenbleiberin.

Sie saß immer neben ihrer Schwester.

Sie hatten Plastik-Trinkflaschen mit Tee dabei, weil man sich fertige Getränkepackungen nicht leisten konnte.

Die anderen lachten sie aus und riefen:„Babyflasche! Babyflasche!“

In der vierten Klasse hatte ihre Schwester Freundinnen. Sie lief einfach mit ihnen mit, doch die wollten sie gar nicht dabeihaben. Sie war Störfaktor.

Dann kam sie in die fünfte Klasse.
Sie kämpfte sich durch den Unterrichtsstoff.

Beim Sportunterricht war sie die Beste, bekam sogar frei bei Schulfesten und gewann oft.

Die Fächer wurden später aufgeteilt: Englisch, Hauswirtschaft und Handarbeit.

Sie und ihre Schwester kamen dadurch in unterschiedliche Gruppen.

In Englisch war sie gut – doch in Deutsch und Mathematik tat sie sich weiterhin schwer.

Ihr Papa setzte sich abends nach seiner Arbeit zu ihr und versuchte, ihr die Mathematikrechnung zu erklären.

Als sie sie endlich verstand, akzeptierte der Lehrer den Rechenweg nicht – er sei altmodisch.

Ihr Papa ärgerte sich darüber und sagte, sie solle die Aufgaben so machen, wie er sie ihr erklärt hatte.

Das tat sie auch.

Doch der Lehrer erkannte diesen Rechenweg nicht an und vergab ihr die schlechteste Note.

Einmal machte der Hauptlehrer eine Gesprächsrunde.

Einer der Jungen machte sie schlecht, obwohl er sie gar nicht kannte – sie war erst in der dritten Klasse zu ihnen gekommen.

Er erinnerte die anderen daran, dass sie doch eine „Sitzenbleiberin“ sei.

Das wollte sie sich nicht auf sich sitzen lassen.

Sie verlangte eine Entschuldigung.

Der Lehrer hörte jedoch kaum zu, war abwesend und wusste nicht genau, worum es ging.

Am Ende musste der Junge seinen Kopf schämig gesenkt und mit leiser Stimme vor der ganzen Klasse um Entschuldigung bitten.

Doch das Gefühl, immer die „ewige Sitzenbleiberin“ zu sein, blieb.

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