Veröffentlicht: 12.02.2026. Rubrik: Nachdenkliches
Bürokratie abschaffen – oder verstehen?
„Bürokratie muss weg.“ Kaum ein politischer Satz findet so viel Zustimmung.
Gleichzeitig erwarten wir, dass Entscheidungen fair sind, nachvollziehbar und für alle gleich gelten. Niemand soll bevorzugt, niemand benachteiligt werden. Beides zugleich zu wollen ist verständlich – und doch widersprüchlich.
Der Frust ist real. Formulare, Nachweise, Wartezeiten. Verfahren, die sich ausdehnen. Prozesse, die komplizierter wirken, als es der Anlass vermuten lässt. Das Gefühl, in Strukturen festzustecken, die niemand mehr überblickt.
Politik reagiert darauf mit einem vertrauten Versprechen: Bürokratieabbau. Vereinfachung. Beschleunigung. Doch dieses Versprechen scheitert erstaunlich regelmäßig. Nicht, weil der Wille fehlt, sondern weil die Logik moderner Gesellschaften eine andere ist.
Der Soziologe Niklas Luhmann brachte es auf den Punkt:
„Komplexität kann nur durch Komplexität reduziert werden.“
Moderne Demokratien sind hochgradig differenziert. Unterschiedliche Lebenslagen, Rechte und Risiken müssen berücksichtigt werden. Entscheidungen sollen überprüfbar, Macht begrenzt und Verantwortlichkeiten eindeutig zuordenbar sein. Genau das leisten Verfahren. Bürokratie ist kein Betriebsunfall der Demokratie, sondern ihr Organisationsprinzip.
Gleichbehandlung entsteht nicht durch Intuition oder guten Willen. Sie entsteht durch Regeln. Durch standardisierte Abläufe, dokumentierte Entscheidungen, festgelegte Zuständigkeiten. Bürokratie ersetzt persönliche Nähe durch formale Kriterien – und individuelle Gnade durch Anspruch. Das macht sie unpersönlich, aber gerechtigkeitsfähig.
Der Ruf nach dem schlanken Staat ignoriert diese Zusammenhänge. Wer Regeln streicht, ohne ihre Funktion zu prüfen, verschiebt Entscheidungsmacht. Weniger Verfahren bedeuten nicht automatisch mehr Freiheit. Sie können auch bedeuten: mehr Ermessensspielraum, weniger Kontrolle, neue Ungleichheiten.
Warum also versprechen Parteien immer wieder, Bürokratie abzubauen? Weil Vereinfachung politisch attraktiv ist. Sie signalisiert Handlungsfähigkeit. Doch jede gestrichene Regel erzeugt neue Abgrenzungsfragen: Wer entscheidet im Zweifel? Nach welchen Kriterien? Mit welcher Kontrolle? Je pluraler eine Gesellschaft, desto größer der Bedarf an legitimierenden Verfahren.
Bürokratie ist damit kein Gegner der Demokratie, sondern Ausdruck ihres Anspruchs auf Gleichheit und Transparenz. Wer sie pauschal bekämpft, richtet sich gegen die eigenen institutionellen Voraussetzungen.
Acht Jahre habe ich selbst in der Verwaltung gearbeitet – mit Menschen, innerhalb von Verfahren. Diese Erfahrung ist ambivalent. Man versucht, Strukturen menschlich zu gestalten, Erwartungen zu moderieren, Spielräume zu nutzen. Und stößt doch immer wieder an Grenzen. Was im Einzelfall sinnvoll erscheint, ist nicht immer regelkonform. Was regelkonform ist, wirkt nicht immer sinnvoll. Dieser Widerspruch ist kein Versagen Einzelner, sondern strukturell angelegt.
In der Debatte wird ein entscheidender Schritt meist übersprungen: die Frage nach der Funktion eines Verfahrens. Welche Schutzwirkung entfällt, wenn ein Schritt gestrichen wird? Welche Ungleichheit könnte entstehen? Welche Verantwortung wird verschoben? Bürokratische Regelungen sind häufig Reaktionen auf frühere Konflikte. Sie tragen eine Entstehungsgeschichte in sich.
Reform ist deshalb notwendig – aber anders, als sie oft angekündigt wird. Verschlankung heißt nicht Abschaffung. Sie heißt funktionale Prüfung. Wo gibt es Mehrfachprüfungen? Wo verselbständigen sich Dokumentationspflichten? Wo wird Absicherung wichtiger als Zweck? Transparenz, klare Zuständigkeiten und verständliche Verfahren sind keine Gegensätze zur Bürokratie, sondern ihre Weiterentwicklung.
Vielleicht brauchen wir keine Abschaffung, sondern Aufklärung. Eine ehrliche Debatte darüber, was Verfahren leisten – und was nicht.
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