Veröffentlicht: 22.02.2026. Rubrik: Persönliches
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Und jetzt? Da saß sie nun, dem Sonnenuntergang entgegen guckend. Er brannte wie eine offene Wunde am Himmel, während das Motorrad neben ihr leise knisterte, als würde es ihre Gedanken hören. Das Fahren, ein Hobby, das sie nie aufgibt, und froh war, es wieder machen zu können. Sie war nicht ohne Grund da. Dieser Ort erzeugt eine innere Ruhe und sie dachte an eine Zeit, welche sie veränderte und die sie nie vergessen wird. Etwas, das vor fünf Jahren passiert ist und noch anhält. Die Erinnerung daran kommt wie immer auf. 2021, eine Zeit, die durch Corona alles auf den Kopf stellte, aber für sie war es nur das kleinste Problem. Sie war normal auf dem Weg nach Hause von ihrem Minijob, als sie merkte, dass irgendwas nicht stimmte. Zu Hause angekommen war sie völlig kaputt. Ihr Zustand wurde von Tag zu Tag schlechter, bis sie nur noch liegen konnte. Beim Aufstehen wurde ihr schwarz vor Augen, als würde jemand das Licht in ihrem Leben ausknipsen. Eine Nacht bekam sie hohes Fieber und ihre Mutter fuhr mit ihr zum Arzt. Bis auf Antibiotika zu verschreiben konnte dieser leider nichts tun, doch auf dem Weg nach draußen kollabierte das Mädchen fast. Die Situation verunsicherte den Arzt und sie wurde unmittelbar in ein Krankenhaus gebracht. Zahlreiche Tests wurden durchgeführt, um herauszufinden, was mit ihr ist. Alles fühlte sich wie eine Qual an. Sie erinnerte sich an diese Zeit, als wäre es gestern gewesen, aber irgendwie auch nicht. Erinnerung und Bilder verschwimmen ineinander. Ein paar Tage sind vergangen. Die Ärzte teilten ihr mit, dass sie in ein anderes Krankenhaus verlegt wird, wo man eine bessere Behandlung durchführen kann. Angekommen im neuen Krankenhaus kam die erschütternde Diagnose. Eine akute Erkrankung, die sich zwar behandeln lässt, ihr aber auch viel Zeit und Energie abverlangt. So fing es an. Jeden Tag Blutkontrollen, Chemotherapie, Medikamente, ihr Appetit verschwand, Muskeln bauten sich ab. Eine lange Zeit durchstand sie dieses Verfahren, welches funktionierte, aber auch Schäden anrichtete. Sie nahm ab, Laufen fiel ihr schwer, alleine ins Badezimmer zu gehen, war ein anstrengender Akt. Ihr körperlicher Zustand ging zu Grunde, zusätzliche Eingriffe schwächten sie extrem. Unter dieser langen Zeit litt aber nicht nur ihr Körper, sondern auch ihre Seele. Alles zu verarbeiten, verlangte ihr viel ab. Sie wollte nicht daran denken, wie es mit ihrem Leben weitergeht, sie wollte das alles nicht wahrhaben und aus ihrer Situation fliehen. Sie dachte an alles, aber gleichzeitig auch an nichts. Jeder kleinste Gedanke richtete ein inneres Chaos an. Eines Morgens kam die freudige Nachricht. Sie darf nach Hause, muss aber regelmäßig zur weiteren Therapie ins Krankenhaus. Jeden Abend vor diesem Tag kriegte sie Angst vor Schmerzen und Nebenwirkungen. Zu Hause war ihr Leben eintönig und langweilig. Im Bett liegen und Fernsehen waren nun normal, aber auch das ewige Unglücklichsein. So ging ihr Leben voran, ein Wechsel aus Krankenhaus und zu Hause. Dieser Teufelskreis zog sie in ein Loch, eins so tief, dass selbst die Hoffnung kein Echo hinterließ. Bald fühlte es sich im eigenen Zimmer komisch an, alles erinnerte sie an etwas Schlechtes. Ihre Mutter machte sich Sorgen und arrangierte einen Termin mit einem Therapeuten für ihre Tochter. Widerwillig ging sie dahin. Der Therapeut empfahl einen Tapetenwechsel. Die Eltern überlegten, was man tun kann, und entwickelten eine Idee. Im Elternhaus der Mutter befand sich eine leere Dachwohnung. Etwas Renovierung verwandelte den Ort in ein Heim für die Tochter, in dem sie sich wohlfühlte. Einige ihrer schlechten Erinnerungen wurden vergessen. Eine Weile später verkündeten die Ärzte ihre Heilung und dass sie jetzt gesund ist. Das zu glauben, fiel ihr jedoch schwer. Sie fühlte sich miserabel. Die Beine wackelig, der Kreislauf am Boden. Ein geheiltes Leben kann sich so nicht anfühlen. Die verkündete Heilung führte sie wieder in die Schule. Die Freude auf etwas Normalität im Leben war groß. Sie träumte von dieser Normalität, doch die Realität riss sie unsanft zurück in die Erschöpfung. Der verpasste Stoff holte sie ein. Es gab keine Ruhe zwischen Kontrollen im Krankenhaus und dem Aufholen des Unterrichts. Neben dem verschlechterten körperlichen Zustand wurde nun auch ihre schulische Leistung immer geringer. Während der innere Druck stieg, sank die seelische Ruhe. Ihr war klar, dass sich etwas ändern musste und sie entschloss sich dazu, die Klasse zu wiederholen. Eine im ersten Moment gute Idee. Ihre neuen Klassenkameraden waren freundlich und sie war zufrieden. In den Pausen war sie mit ihren alten Freunden zusammen, jedoch fühlte sich etwas falsch an. Der dauernde Wechsel sich bei ihren Freunden aufzuhalten, ihnen aber auch fern zu sein, löste etwas in ihr aus, eine Sache die sie selber nicht verstand. Es beschädigte sie so sehr, dass sie nicht mehr zur Schule gehen wollte. Kurze Zeit später lag sie wieder dauerhaft im Bett und sah fern. Sie hielt fest daran, dass sie im nächsten Schuljahr wieder normal zur Schule gehen kann, jedoch entschied ihr Vater dagegen. Nach ausgiebigen Gesprächen war ihr klar, dass ein Schulwechsel die beste Lösung ist. Es diente ihr wie ein Neuanfang. Nach den Sommerferien betrat sie die neue Schule, wie jemand der eine unbekannte Tür öffnet, obwohl die Hände noch zittern. Sie fühlte sich gut und war glücklich. Die fremden Leute entpuppten sich als nett und sie fand Freunde. Sie nutzte diesen Neuanfang, um aus ihrem tiefen Loch zu kommen. Es fing damit an, dass ihre Erkrankung akzeptierte, auch wenn sie es nicht wollte, aber ihr war bewusst, dass sie nichts dagegen tun kann. Auch wenn sie als gesund galt, fühlte sie sich nicht so. Ihr Kreislauf war immer noch am Boden und ihr Appetit ließ zu wünschen übrig. Schnell bemerkte sie, dass es gut tut mit Freunden zu reden, um nicht alleine zu sein. Zudem fing sie damit an sich auf Dinge zu konzentrieren, die ihr guttun und Spaß machen. Schwimmen zu gehen erfreute sie jedes Mal. Sie kam in Bewegung und fühlte sich wieder etwas normal. Ihr Leben wurde besser und sie war langsam wieder richtig glücklich. Sie wagte es einen neuen Minijob zu suchen, was sich als sehr produktiv herausstellte. Ihre Mitarbeiter waren freundlich und nahmen sie mit offenen Armen auf. Dazu erfüllte sie sich einen Traum, das Motorrad fahren, ein Stück Freiheit auf zwei Rädern, es war ihr innerer Beweis, dass sie sich noch bewegen kann, auch wenn das Leben oftmals stillstand. Zwischen weiterhin regelmäßigen Kontrollen im Krankenhaus, der Schule, der Arbeit und dem, was ihr Freude machte, durchstand sie ihr Leben besser als zuvor. All dies brauchte seine Zeit und passierte nicht über Nacht. Das war ihr klar, aber trotzdem wagte sie diese Schritte, um ihr Leben zu bessern, worüber sie sehr froh war. Es gab schwere Entscheidungen in dieser Zeit, umso mehr freute sie sich, dass ihr ihre Freunde und Familie zur Seite standen und ihr halfen. Nun ist ein Jahr vergangen, sie ist weiterhin glücklich. Das neue Schuljahr steht an und alles war gut. Doch dann geschah etwas, dass sie nicht glauben wollte. Sie wurde krank. Fieber und verschlechterte Werte trieben sie zum Arzt. Dann die Diagnose. Dieselbe Krankheit. Wieder. Ihr kamen die Tränen in die Augen, ihr war bewusst was auf sie zukommt. Ihr war aber auch klar was sie tun kann, um es diesmal besser zu durchstehen. Unmittelbar danach wurde sie im Krankenhaus aufgenommen. Monate vergingen. Ihr Leben bestand wieder aus Therapie, der Langeweile und dem unwohl sein. Diesmal aber tat sie etwas damit es nicht so schlimm war. Nach langen Tests wurde bekannt, dass nur Chemotherapie nicht helfen wird und, dass sie einen Stammzellenspender brauch. Es dauerte, doch man hatte einen passenden Spender gefunden. Jedoch verging noch eine ganze Weile bis zur Transplantation. In der Zeit gestaltete sie ihr Leben so gut wie möglich und hielt daran fest, dass zu tun, was ihr Spaß machte, übernommen hatte sie sich aber nicht. Das funktionierte, auch wenn sie geschwächt war ging es ihr gut. Nach einer Weile war es dann so weit. Sie musste ins Krankenhaus, etwa 6 Wochen. Die dort verabreichte Therapie verlangte ihr alles ab. Sie war noch geschwächter als zuvor und auch psychisch ging es ihr schlecht. Doch dann der erwartete Tag, ein Arzt kam mit der Spende in ihr Zimmer, es war wie ein Stückchen Hoffnung in einer durchsichtigen Tüte. Tränen kamen ihr in die Augen. Die Spende hatte sie gut vertragen und es entstand nur eine Frage, obwohl sie die Antwort schon kannte. Was jetzt?
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