Veröffentlicht: 10.04.2026. Rubrik: Unsortiert
Termin beim Augenarzt
Beim Augenarzt
Hurra, ich habe nach mehreren Telefonaten einen Termin
bekommen, beim Augenarzt Dr. Schiele. Was für ein pas-
sender Name. Glück muss man haben, ich habe nur vier-
zehn Monate gewartet. Inzwischen habe ich durch meine
fehlende Sehkraft mehr Beulen am Kopf als erfrorene
Zehen im Winter. Dennoch bringt ein vermindertes Seh-
vermögen auch Vorteile.
So zum Beispiel, wer möchte folgende Dinge klar, kon-
kret, detailliert und deutlich erkennen? Eiterpickel kurz vor
dem Platzen, grüne Schleimpopel, Schnotter hängend an
der Nase, Orangenhaut, offene Beine und aufgeplatzte
Lippen?
Niemand! Außer, man wäre pervers.
Endlich war es so weit und ich betrat hoffnungsvoll die
Arztpraxis. Mit einem fröhlichen HALLO meldete ich mich
an der Rezeption. Dort saß eine ältere Dame mit einer
Hornbrille, deren Gläser eher aus Plexiglas gewonnen
waren. Wahrscheinlich ist sie entweder die Frau des
Augenarztes Dr. Schiele, die nichts mehr vom Leben er-
wartete oder sie war das Versuchsmodell für ungewöhnli-
che Augenkrankheiten.
Sie sah mich mit einem eiskalten Blick an, natürlich
schweigend. Nach gefühlten 20 Minuten kam mit lauter
Stimme die Frage an mich: „Was wollen sie?“
Meine prompte Antwort war: „Ich würde gern eine Tasse
Kaffee bestellen.“
Es war zu spät, um zu erkennen, dass diese Bemer-
kung undiplomatisch war. Ich zeigte nervös auf meine bei-
den Augen, die sich mit Pipi fühlten.
Mit ihrem verknöcherten Zeigefinger wies sie mich
schweigend auf einen Stuhl im Wartebereich. Im Warte-
raum schaute ich mich um. Mir gegenüber saß ein Mann
mit einer Augenklappe unter dem Plakat mit der Aufschrift
„mit dem Zweiten sieht man besser!“
Was mir Sorgen bereitete, dass sich zwischen ihm und
der Zimmerdecke ein Spinnengewebe entwickelte. Wie
lange er schon im Warteraum saß, traute ich mich nicht zu
fragen? Neben ihm saß eine Frau, deren beiden Augen
bunt gefärbt waren. Ich glaube, sie sollte eher zu einer
Eheberatungsstelle gehen.
Die Zeit verging nicht so zügig, wie erhofft, trotz meines
Termins. Da ich keine Zeitschrift lesen konnte, starrte ich
auf ein weiteres Plakat, auf dem in Farbe ein seziertes
Auge abgebildet war. Mir wurde schlecht.
Nach zwei Stunden ging ich mutig mit durchgestreck-
tem Rücken an den Tresen und frage nach meinem Aufruf
bei Dr. Schiele.
Die Antwort kam prompt: „Sie sind dran, wenn sie dran
sind! Und das ist eben bislang nicht der Fall!“
Rückwärts taumelnd ging ich zu meinem Stuhl und
stieß dabei eine drei Meter hohe Kunstpflanze um, die
verdächtig in Richtung Tresen kippte.
Zum Glück wurde in dem Moment mein Name aufgeru-
fen und ich floh in den Behandlungsraum zu Dr. Schiele.
Er saß auf einem Drehstuhl und hatte auf der Nase eine
Art Taucherbrille, seine wenigen Haare standen verdäch-
tig ab.
„Nehmse mal Platz auf dem Stuhl und warum sind sie
hier?“
Ich dachte, es reicht, ich antwortete mutig „habe
Rücken“.
„Oh, wir haben einen Komiker als Patient! Für sie ist
das Leben wohl ein Witz?
Soll ich ihnen mal etwas sagen, ich bin heute seit sechs
Uhr in der Praxis, habe in kalte und ausdruckslose Augen
schauen müssen, und habe noch gar nichts gegessen,
auch wenn mir meine sensible Frau schöne Brote ge-
schmiert hatte.“
Ich sagte etwas leiser, „bestimmt mit schlimmer Augen-
wurst“.
Zum Glück hatte er es nicht gehört und ich wollte ihn
auch nicht weiter provozieren. Bin doch nicht lebensmüde.
Dann begann endlich die Behandlung. Mein Kinn sollte
ich auf einen Absatz legen und durch das Gerät mit zwei
Löchern durchschauen.
Trotz großer Anstrengung schaute ich in die pure Dun-
kelheit. Plötzlich kam ein greller Lichtblitz und ich sah
einen Tunnel. So muss sich die erste Todeserfahrung an-
fühlen.
Nach stummen zehn Minuten fragte Dr. Schiele mich
laut und deutlich: „Sagen, sie mal, sind sie eingeschla-
fen? Was sehen sie?“
Mit zitternder Stimme antwortete ich ehrfürchtig und
voller Angst: „Nichts, gar nichts, bin ich jetzt völlig erblin-
det?“
„Das kann nicht sein, stellen sie sich nicht so an. Am
besten, sie machen gleich einen Termin beim Neurolo-
gen.“
Etwas leiser kam dann von ihm „Ach Gott, Verzeihung,
ich hatte vergessen, die Klappen an dem Gerät zu öffnen.
Na, ist doch kein Wunder, ich bin heute seit sechs Uhr in
der Praxis und habe in kalte, ausdruckslose Augen ge-
schaut und …
Ehrfürchtig unterbrach ich ihn und säuselte: „Nicht
schlimm, Hauptsache sie können mir helfen.“
„Wobei soll ich ihnen helfen?“
Wo bin ich hier gelandet?
Dr. Schiele stand ruckartig von seinem Stuhl auf und
schaute auf seine Uhr. „Die Sprechstunde ist zu Ende,
lassen sie sich einen neuen Termin von meiner lieben
Frau an der Rezeption geben.“
Er schob mich unsanft aus dem Behandlungsraum.
Durch den Warteraum stampfend, haute ich natürlich
nicht mit Absicht die Kunstpflanze in Richtung Tresen. „Ich
bin blind, ich bin blind. Was hat der Doktor mir für Tropfen
gegeben?“
Die restlichen Patienten flüchteten panisch in Rich-
tung Ausgang. Der netten Dame am Tresen zwinkerte ich
liebevoll zu. Der Beginn einer neuen Freundschaft war
geboren.
So verließ ich die Augenarztpraxis doch noch schwungvoll.
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