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geschrieben von Marianne Lubos.
Veröffentlicht: 10.04.2026. Rubrik: Unsortiert


Pilze, Pusteln und Ponyhofträume

Pilze, Pusteln und Ponyhofträume

„Pilze schießen im Wald aus dem Boden!”, rief mein Liebster euphorisch.
„Willst du mitkommen, Pilze sammeln und dann gemeinsam mit mir ein köstliches Mahl genießen?”
Ich dachte kurz nach. Nein. Nein, eigentlich wollte ich beides nicht. Aber bevor ich protestieren konnte, setzte er nach:
„Dann schaffst du locker deine 10.000 Schritte!“
Zack, hatte er mich. Mein persönlicher Naturforscher. Ein Mann, der den Wald besser kennt als ich meine Handtasche. Kein Wunder: Seine Eltern sind Naturforscher. Als Familie durch den Wald zu gehen, war nie einfach ein Spaziergang – es war eine Expedition. Es wurde gerochen, geschmeckt, geflüstert, geguckt und gestolpert. Ab und zu brüllte sein Vater los:
„Da! Ein Reh! Oder ein seltener Vogel! Alle stehen bleiben, nicht reden, nicht bewegen, nicht atmen!“
„Wie lange nicht atmen?”, fragte ich flüsternd.
Die Antwort blieb aus, weil alle zu sehr mit Nichtatmen beschäftigt waren.
So ein Ausflug war immer eine Mischung aus Survivaltraining und Quizshow. Vor jeder Infotafel mit den einheimischen Pflanzen wurde ich abgefragt. Leider hatte ich noch nie zugehört, und das enttäuschte alle – außer mich. Ich dachte nur: Wann sind wir endlich im Restaurant, und gibt's da Rehbraten?
Kein Strauch wurde übersehen, keine Beere verschmäht. Alles wurde gesammelt: zum Essen, zum Trinken, zum Basteln oder einfach, weil es ging. Diese Familie hätte in der Steinzeit vermutlich Michelin-Sterne erkocht. Mein Liebster kennt jeden Strauch, jeden Baum, jede Beere, jeden Vogel – und natürlich jeden Pilz. Mein Vertrauen in ihn ist grenzenlos. Normale Spaziergänger meiden Pilze mit Lamellen.
Nicht er. „Die sind essbar.“
„Vielleicht nur einmal!”, murmele ich jedes Mal.
Natürlich erwähne ich auch, dass sich die Natur verändert. Früher gab's hier nur harmlose Mücken. Heute gibt’s afrikanische Supermücken, die Pusteln groß wie Eurostücke hinterlassen, und australische Spinnen in Tellergröße. Natürlich nicht hergelaufen, sondern per Bananenkiste eingereist. Warum also nicht auch mutierte Pilze?
Aber gut, zurück zur Pilzexpedition. Vier Stunden Autofahrt von Berlin. Ich wurde langsam nervös, denn ich hatte keine Taschenlampe dabei. Wenn's dunkel wird, war’s das für mich. Ausgerüstet mit Korb und Messer – letzteres hoffentlich nicht nur für Pilze, denn Wölfe gibt’s ja auch wieder. Wenigstens hab ich meine rote Mütze zu Hause gelassen.
Ich stapfe also durchs Dickicht, finde… nichts. Trotz Brille. Dafür laufe ich mehrfach in Spinnennetze und gebe irgendwann auf. Mein Mann ruft währenddessen alle paar Minuten euphorisch: „Das ist ja Wahnsinn!”
Ich hingegen bewaffne mich mit einem Stock und schlage mich durch wie Indiana Jones im Brandenburgischen Urwald. Fliegen, Käfer und Vögel fliegen inzwischen so tief, dass ich ernsthaft überlege, einen Helm zu tragen.
Nach gefühlten drei Stunden finde ich endlich einen Pilz. Und noch einen. Und noch einen! Ich bin im Sammelrausch. Warte, bis er meinen Korb sieht!
Der große Moment: Ich präsentiere meine Beute. Er schaut hinein, seufzt tief und sagt trocken:
„Die sind nicht giftig.“
„Na also!“
„…aber alle voller Maden.”
Ich blicke in den Korb. Tatsächlich, Maden-Party. Mittendrin ein Pilz mit roten Punkten. Fliegenpilz. Perfekt. Meine Laune? Im Keller.
„Willst du bunte Blätter sammeln, für einen schönen Herbststrauß?“, schlägt er tröstend vor.
Ich bin kurz davor, zu heulen, aber dann fällt Sonnenlicht durch die bunten Bäume. Es sieht wunderschön aus. Ich atme tief durch. Es ist nicht das Ziel, das zählt, sondern der Weg. Auf meinem Handy prangt stolz: 19.000 Schritte.
Zu Hause bekomme ich eine „Einweisung“ ins Pilze-putzen und darf eine gefühlte Tonne Pilze schrubben. Währenddessen hält er mir einen vierstündigen Vortrag über alle Pilzarten und ihre Lieblingswälder. Immerhin riecht es bald lecker: Pilze mit Zwiebeln und Speck in der Pfanne.
„Scheiße!”, ruft er plötzlich. „Ein Bitterling! Alles ruiniert!”
Am Ende gibt's Stampfkartoffeln mit Rührei. Auch nicht schlecht.
Mein Fazit des Tages:
Das Leben ist kein Ponyhof – aber dafür ein Pilzwald voller Maden.

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