Veröffentlicht: 24.04.2026. Rubrik: Unsortiert
Elfe und Black - mit Grüßen an Jo !
Ich war vier Jahre und spielte auf der Treppe im Stiegenhaus mit meiner Puppe. Bobby, der schwarze Scotchterrier unserer Nachbarn war dabei. Unvermittelt schnappte der Hund zu und erwischte meine rechte Wange. Man sah deutlich den Abdruck seiner Zähne. Die Narbe werde ich wohl mit ins Grab nehmen, ebenso die mir - einem vierjährigen Kind - ganz selbstverständlich zugesprochene Schuld an dem Vorfall. Man wollte es sich nicht mit den Nachbarn verderben, schließlich kümmerten die sich ab und zu um mich, es war ja sonst niemand mehr da.
Nun sollte man meinen, nach diesem Erlebnis hätte ich für alle Ewigkeit panische Angst vor Hunden gehabt – das Gegenteil war der Fall. Es war, als hätten alle Hunde, denen ich danach begegnete, mich dafür entschädigen wollen.
Mit einem Tier konnte ich jedoch nicht warm werden: Einer mageren, gelben Chihuahua-Hündin namens Daisy, welche zum benachbarte Bauernhof gehörte. Der Name passte wie die Faust aufs Auge: Nervös, falsch und mit hoher, sich überschlagender Stimme ständig kläffend. Niemand mochte sie, und sie wusste das, schnappte und knappte giftig um sich, so klein sie war. Aber sie tat mir nichts.
Dieselben Nachbarn hielten als Hofhund eine alte, schwarz-gelb gemusterte Schäferhündin namens Senta. Sie starb bald an einer schlimmen Entzündung ihrer Milchzitzen infolge ihres hohen Alters und vieler Geburten, hinterließ aber einen jungen Albino, der mein erster Spielkamerad auf dem Hof wurde. Den gab man jedoch ziemlich jung an einen anderen Bauern im Dorf, und obwohl das Dorf nicht groß war, sah ich ihn lange nicht wieder. Wie erstaunt war ich, als mich ungefähr drei Jahre später ein junger, weißer Rüde freudig begrüßte, an mir hochsprang, mich ableckte, dass sogar der dazugehörige Bauer erstaunt vom Bock seines Pferdefuhrwerkes herunterschaute. Es dauerte eine Weile, bis ich in dem kräftigen, hübschen Tier meinen einstigen kleinen Spielkameraden erkannte. Das war ein wunderbares Wiedersehen!
Aus demselben Wurf von Senta stammte der neue Hofhund, eine rabenschwarze Hündin, Elfe genannt. Und zu dieser Elfe entwickelte ich eine sehr starke Bindung. Ich lernte sie als Baby kennen, sie wuchs unter meinen Augen auf. Wir spielten zusammen, ich sprach mit ihr, versorgte sie mit Wasser, und jeder Kotelett- und Suppenknochen wurde sorgsam aufgehoben für meine Elfe. Sogar die Nachbarn bat ich, mir Knochen für den Hund aufzuheben. Wenn ich mich auf dem Hof bewegte oder sie unterwegs im Dorf irgendwo mit ihrem Herrn traf, wich sie mir nicht von den Fersen. Wehe, es kam mir einer zu nah, der wurde angeknurrt und in seine Schranken gewiesen. Dafür wurde sie von mir gekämmt, gestreichelt und beschmust. Ihr konnte ich alles erzählen, was mich freute oder bedrückte, sie sah aus, als würde sie es verstehen.
Und dann kam die Zeit, dass sie zum ersten Mal Mutter werden sollte. Fünf wunderschöne Kinder brachte sie zur Welt, und ich bewunderte sie aus respektvoller Entfernung, lobte die junge Mutter, stärkte sie mit Futter und füllte ihren Wassernapf. Nach kurzer Zeit krabbelten die neugierigen kleinen Wesen in alle Himmelsrichtungen auseinander, und ich half ihnen wieder zurück zur mütterlichen Brust. Was tat meine Elfe? Sie brachte sie alle fünf in ihrem Mund zu mir hin, versammelte sie richtiggehend um mich, und ich musste sie alle auf den Arm nehmen und begutachten.
Ich muss den beiden Bauersleuten zugutehalten, dass bei ihnen keine Jungtiere ertränkt wurden, und sie sorgten dafür, dass jedes von Elfes Kindern später ein gutes neues Zuhause fand. An meine liebe Spielkameradin denke ich heute noch so oft….
Der Hund „Black“, ein schwarzer Schäferhund-Rüde, gehörte anderen Nachbarn. Wie sollte es anders sein: Der Hund wurde sofort mein Spielkamerad. Gutmütig war er, machte mir zuliebe kleine Kunststückchen nach Hundeart und wurde von mir dafür mit manchem guten Bissen belohnt. Und doch hat auch Black hatte mich gebissen. Man stelle sich vor, Black – mein Spielkamerad seit Jahren! Es war jedoch meine eigene Schuld, denn ich spielte gerade mit ihm, als er wohl seine Leute hörte, die von irgendwoher Richtung Heimat trabten und von mir natürlich noch nicht wahrgenommen werden konnten. Prompt hörte er nicht mehr auf mich, wollte ihnen lieber entgegenlaufen. Als ich ihn vom Hoftor wegziehen wollte, knappte er kurz und warnend zu. Er hätte ohne weiteres beißen können, das tat er aber nicht, weil er mich ja mochte.
Viel war nicht passiert, aber ich hatte mich furchtbar erschreckt, war käseweiß und total verstört. So fand man mich vor. Und unser netter Doktor, der mir als Vierjährige den Hundebiss auf der Wange versorgt hatte, bekam wieder Arbeit. Jedes Mal, wenn ich wegen irgendwelcher Beschwerden in seine Sprechstunde kam, nahm er mein Kinn in die Hand, drehte meinen Kopf zur Seite und bewunderte sein Werk. Das tat er noch, als ich bereits eine junge Frau und er ein würdiger älterer Herr war. Er behauptete immer, die Narbe ließe mich so schön verrucht aussehen.
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