geschrieben 2026 von Rautus Norvegicus (Rautus Norvegicus).
Veröffentlicht: 08.03.2026. Rubrik: Aktionen
Aktion März [Viel zu kompliziert - eine Short Short Story616] - Der Zombievogel
So um das Jahr neunzehnhundertfünfundachtzig wird es gewesen sein, zu dieser Zeit habe ich den schönen Beruf als Bauschreiner ausgeübt. Ich habe mehrere Handwerks-Lehren absolviert: Schreiner, Drucker, Reprograph bzw Druckvorlagen hersteller, weil mein Wissenshunger und Experimentiertrieb als Jugendlicher und junger Mann unwahrscheinlich hoch war!
Gemeinsam mit einer Kollegin fuhr ich zu einer Kundin, die wünschte sich eine recht exklusive Wandvertäflung aus
edelsten, gewachsten Palisander-Hölzern. Wandvertäflung inklusive Kassettendecke, das machte eine aufwendige Unterkonstruktion aus Dachlatten nötig. Schließlich kann das Holz nicht einfach an die Wand genagelt werden, sondern erfordert ein Material, an dem die schlussendlich sichtbare
Hauptkonstruktion verschraubt werden kann.
Die Kollegin hatte vor nur zwei Wochen die Aufmaße gemacht und das benötigte Holz war in der Werkstatt von unseren Möbeltischlern zugeschnitten, geschliffen und gewachst worden. Dort hatte ich, im Wechsel mit meiner Funktion als Bauschreiner in dieser Firma, selber auch eine Zeitlang gearbeitet.
Ich genoss den Geruch von Holz, Lack und Leim, das Kreischen der Kreissäge und das , je nach Drehzahl zwischen sechzehn- und dreißigtausend Umdrehungen pro Minute, niederfrequente Brummen bis schrille Heulen der Holzfräse, die sich durch das Holz fraß, als wäre es Butter. Unseren Auftrag zur Montage führten wir in einem schmucken Einfamilienhaus in Haltern am See aus.
Meine Kollegin Dunia und ich begannen gut gelaunt mit unserer Arbeit. Dunia war sehr hübsch, stand über mir auf der Leiter und erwartungsfroh richtete ich meinen Blick nach oben. Allerdings trug sie ja kein Schreiner-Röckchen, sondern eine ganz normale Schreiner-Latzhose, wie ich. Sie war gerade dabei, geschickt die letzte Holzkassette einzupassen, um den Hohlraum hinter der wertvollen Holzkonstruktion zu
verschließen. Da ertönte ein sehr leises, aber in rasend schneller Frequenz flatterartiges Geräusch!
Irgendein kleines, gelbes Objekt raste von hinten an mir vorbei und verschwand zwischen Dunias Kopf und Arm, mit dem sie gerade die letzte Holzblende einfügen wollte, um den Hintergrund abzudecken. „Rautus, hast du das gesehen, was war denn das?“, keuchte sie aufgeregt.
Ein Hammer fiel ihr vor Schrecken aus der Hand und zischte auf seinem Weg zum Boden, ein Zentimeter an meinem Kopf vorbei! „Das war der gelbe Kanarien-Vogel aus der Voliere, die unten in der Diele steht. Die Tür davon steht offen, hast du das nicht gesehen, als wir gekommen sind? Da ist er raus, um frische Luft zu schnappen und etwas Bewegung zu haben,“ vermutete ich amüsiert. „Wo ist er denn geblieben? Wir müssen ihn retten!“ Sie klang besorgt. „Irgendwo hinter unserer schönen Wand- und Deckenverschalung. Der ist weg, den finden wir nie wieder. Ich reiß doch nicht wieder alles ab!“ „Aber Rautus, der kleine Vogel, er hat bestimmt Angst“. Ich schüttelte meinen Kopf. „Dunia, wir haben Feierabend, heute ist Freitag, das Wochenende ruft. Ab nach Hause, wir sind hier fertig! Den Vogel dahinter wieder raus zu holen, ist viel zu kompliziert!“
Als wir zurück zur Werkstatt fuhren, bemerkte ich aus den Augenwinkeln, dass Dunia weinte. Wir verabschiedeten uns. Normalerweise nahm sie mich in die Arme und gab mir ein kollegiales Küsschen fürs Wochenende auf die Wange, diesmal nicht. Am nächsten Tag war ich doch noch einmal dort gewesen, in Haltern am See, warum weiß ich selber nicht so richtig. Ich hatte ein komisches Gefühl, das mich dorthin führte, vielleicht waren es auch die Tränen von Dunia.
Ich trat in das Häuschen ein, der gelbe Kanarienvogel saß in der Diele in seinem Käfig und ich hatte das Gefühl, er durchbohrte mich mit seinen empörten Blicken. Weiß der Geier, wo der sich rumgetrieben hatte. Unverständlich ist mir
auch bis heute, wie er die Käfig-Tür auf- und zumachen konnte! Aber ich war doch froh, ihn lebendig in seinem Käfig und nicht tot hinter der Wand gefunden zu haben! Als ich Dunia davon berichtete, gab sie mir endlich mal einen Kuss auf den Mund!
----------------------------Ende-----------------------------------
--------------------------Ende------------------------------------
6x




