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geschrieben 2021 von Tim von Röschibach (Tim von Röschibach).
Veröffentlicht: 05.09.2022. Rubrik: Fantastisches


Der Nekromant

Marco hasste den Dienst in der Akademie der weissen Künste. Es lag wohl an der Magie selbst, dass alle Praktizierenden komische Käuze waren. Das waren sie alle ausnahmslos! Die angehenden Magier waren allesamt arrogant und ihre Lehrer ständig abwesend. Doch nichts hasste er mehr als herunter in die Katakomben zu steigen. Nicht nur, dass die Magier hier untern besonders merkwürdig waren, hierher wurden auch alle Toten gebracht. Hier wurden sie für die Bestattung vorbereitet. Ständig lagen hier mehrere aufgebahrte Leichen mit Münzen über ihren Augen. Der Schatten unter diesen Münzen gab Marco stets das Gefühl, sie würden ihn beobachten.

Zum Glück war er schon wieder auf dem Weg nach oben. Die Gläser auf dem Tablett klirrten leise, als er mit zitternden Händen die Leichenhalle durchquerte. Plötzlich hörte er ein Geräusch aus dem Gang vor sich. Ein Schlurfen und ein Klopfen drang an seine Ohren. Schnell versteckte er sich hinter einer der Bahren. Er versuchte nicht daran zu denken, was da über ihm lag.

Das Geräusch kam näher. Ein Licht begleitete die schlurfenden Schritte, wie er nun erkannte. Aus dem Gang trat Meister Wilgefurt, der älteste aller Magier der Akademie. Er soll schon über 100 Jahre alt sein. Marco grämte sich für seine Ängstlichkeit und wollte bereits aufstehen, als die Stimme Wilgefurt ihn verharren liess.

«Narren und Taugenichtse! Allesamt! Sie feiern ihre Feste, die gekrönten Häupter! Doch noch keiner konnte seine Titel und Reichtümer in die Anderswelt mitnehmen!»

Irgendetwas in der Stimme des Magiers liess Marco innehalten.

«Die Zeit! Sie rinnt mir wie Sand durch die Finger. Humbug! Magie der weissen Künste! Pah!» Marco hört den Magier geräuschvoll rausrotzen und überspitzt weiterfahren:

«Gratuliere werter Kollege zum beeindruckenden Feuerball, leider habe ich noch nie vernommen, dass ein Magier sich in den Gefilden der Anderswelt seiner Kunst hätte bedienen können! Unwissende Nachthemdträger!»

Marco wollte dem Gebrabbel dieses senilen Magiers ein Ende bereiten, doch irgendetwas tief in ihm, ein Urinstinkt, liess ihn erstarrt in der Hocke verweilen. Die Stimme des Magiers troff nun vor Gift als er fortfuhr:

«Und dann diese elenden Spitzohren! Feiglinge allesamt! Sie mögen Jahrhunderte leben, doch am Ende müssen auch sie die Waage der Götter erdulden. Doch wie verbringen sie ihre kostbare Zeit? Mit Architektur und Gedichte! Pfui Teufel! Unsterblichkeit! Das ist es! Das einzige Ziel! Wie vielen Gerüchten muss ich noch nachgehen, bis ich das Geheimnis ewigen Lebens mein nennen kann?»

Marco schauderte. Hatte er richtig gehört? Für diese Worte alleine verdiente der Meister das Läuterfeuer. Die Stimme des Magiers schwand indessen fast zu einem Flüstern als er weiter sprach:

«Vielleicht finde ich ja doch im Untot die Lösung?»

Alle Farbe wich aus Marcos Gesicht. Was redete der alte Mann da? Er fand nun doch den Mut, um die Ecke seines Versteckes zu spähen. Meister Wilgefurt stand an einer der Bahren und breitete seine Arme über die darauf liegende Leiche aus. In der rechten Hand hielt er seinen Stab über den Kopf der Leiche und die linke Hand schwebte offen über dem Bauch. Es schloss seine Augen und murmelte etwas Unverständliches mit tiefer Stimme. Marco fühlte eine unnatürliche Kälte in seine Knochen dringen. Ein widernatürlich, fahles grünes Leuchten senkte sich aus der Hand und dem Stab des Magiers und floss wie zäher Nebel über die Leiche und auf den Boden. Von dort verteilte sich das Leuchten im ganzen Gewölbe.

Ein mehrstimmiges, metallisches Klimpern liess Marco zusammenzucken. Da er die Ursache nicht finden konnte, schweifte sein Blick zurück zum Magier. Dieser schien wie zu einer Statue erstarrt. Marcos Blick folgte einer letzten grünen Schwade aus dem Stab des Magiers und schaute ihr zu, wie sie sich langsam auf die Leiche senkte. Ein erstickter Laut entwich Marcos Kehle. Der Kopf der Leiche war in seine Richtung gedreht. Die Augen waren offen und in ihnen leuchtete dasselbe kränkliche Grün, das den ganzen Raum zu erfüllen schien. Die Hand der Leiche begann sich langsam zu bewegen.

Marco hatte genug gesehen. Nekromantie! Die dunkle Gabe! Er musste dem Zirkel melden, was er gesehen hat. Noch besser sollte er direkt zum Tempel der Götter gehen! Er wollte sich gerade erheben, als eine Hand seine Schulter berührte. Als wäre er im Winter ins Hafenbecken gefallen, schnappte er nach Luft und drehte sich langsam um. Die Hand gehörte zu einem Arm, welcher über den Rand der Bahre über ihm ragte. Als er seinen Kopf in den Nacken legte, starrten ihn unheilvolle grüne Augen über den Rand der Liege an.

«Weisst du, mein junger Freund, im Alter mögen die Sinne schwinden, ein Magier weiss sich jedoch stets zu helfen.»

Die Stimme des Magiers schnitt durch die Kälte wie ein Wurfmesser auf dem Jahrmarkt. Marco sprang hoch und drehte sich zu dem alten Mann herum. Dieser stand noch am gleichen Ort und stützte sich schwer atmend auf seinen Stab. Schweiss ran über sein Gesicht und eben löste sich ein Schweisstropfen von der Nasenspitze und fiel auf die nun leere Bahre vor ihm. Noch bevor es Marco richtig dämmern wollte, fuhr der Magier fort:

«Meine Augen mögen leblose Objekte nicht mehr wahrnehmen. Ein Zauber erlaubt es mir jedoch lebende Materie so klar zu sehen wie ein Adler seine Beute. So stosse ich mir zwar jeden Morgen meinen Zeh am Bett, deine Lebenskraft jedoch, leuchtet für mich wie tausend Sonnen! So jung und kräftig!»

Marco lief ein Schauer über den Rücken. Er wollte sich umdrehen und wegrennen. Doch hinter ihm standen vier der Leichen und versperrten ihm den Weg. Still standen sie da, nackt und mit leuchtenden grünen Augen starrten sie Marco atemlos an. Hinter ihm fuhr der Meister mit ruhiger Stimme fort:

«Du hast noch kaum etwas gesehen vom Leben, nicht war mein Lieber? Ich habe Jahrzehnte gesehen und ich bin noch nicht bereit etwas zu vergessen! Ich brauche diese Lebensenergie, deine Energie! Fürchte dich nicht! Es heisst, unschuldigen Seelen sei ein Platz bei den Göttern gewiss.»

Ein irres Lachen entfuhr dem Magier und als Marco sich umdrehte, streckte der Magier gerade die Hand nach ihm aus. Eine schwarze Wolke bildete sich an seinen Fingerspitzen und bewegte sich schnell auf Marco zu. Wie tausend gierige Hände griff die Wolke nach Marco. Sie zerrte an ihm und liess ihn gelähmt zurück. Das Zerren wurde stärker. Doch zog es nicht an seinem physischen Körper. Etwas tief in ihm wurde aus seinem Körper herausgezogen. Mit Schreck geweiteten Augen starrte Marco auf seine Hand, die langsam faltig und knochig wurde. Altersflecken erschienen auf seiner Hand, als er vom Gewicht des plötzlichen hohen Alters auf die Knie gezwungen wurde.

Das Letzte, was Marco sah, bevor sein Augenlicht schwand, war ein nun jugendlicher Wilgefurt der irre lachend die Wolke an sich zog. Das Letzte, was Marco hörte, bevor seine Ohren taub wurden, war die sich überschlagende Stimme eines jungen Mannes:

«Ja genau! Exakt dieses Leben gilt es zu erschaffen! Leben! Ewiges Leben!»

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Onivido kurt am 06.09.2022:

Gruselig. Das haette ich als Kind nicht lesen duerfen.




geschrieben von Nordlicht am 06.09.2022:

Ja, gruselig, aber sehr gut geschrieben.




geschrieben von Christelle am 06.09.2022:

Gern gelesen, obwohl an Gruseligkeit nicht zu übertreffen!




geschrieben von Christelle am 06.09.2022:

Ich habe mal bei Wikipedia nachgeschaut. Dort findet man jede Menge über die Nekromantie. Will euch aber nur die reine Wortbedeutung mitteilen: Nekros (Altgriechisch Leiche) Mantis (Weissagung)




geschrieben von Metti am 10.09.2022:
Kommentar gern gelesen.
Ich habe Verständnis für den Nekromanten. Ich komme selbst langsam in das Alter. 😁




geschrieben von Tim von Röschibach am 12.09.2022:

Vielen Dank für die netten Kommentare. Ich notiere: weniger gruselig :-)

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