Veröffentlicht: 06.02.2026. Rubrik: Persönliches
Goldene Hochzeit
Manchmal, wenn ich über die Kaiserstraße gehe, meine ich noch immer das Lachen meiner Ur-Ur-Großeltern zu hören. die im Mai 1889 im Mittelpunkt der ganzen Stadt standen. Ich schließe die Augen, und plötzlich bin ich nicht mehr ich selbst, sondern ein Schatten zwischen den Feiernden, ein unsichtbarer Zeuge ihrer goldenen Hochzeit. Und ich frage mich: Würde eine solche Liebe heute noch so gefeiert werden? Oder sind wir zu sehr mit uns selbst beschäftigt, um zu erkennen, was wirklich zählt?
Es war der 21. Mai 1889, als München-Gladbach erwachte und die ganze Stadt in einem Meer aus Farben und Fahnen ertrank. Die Kaiserstraße, normalerweise eine beschauliche Straße mit ihren grauen Pflastersteinen und den hohen Bürgerhäusern, hatte sich über Nacht in eine festliche Promenade verwandelt. Fahnen flatterten im Frühlingswind – nicht nur hier, sondern auch in der Wallstraße, der Kapuzinerstraße, der Mittelstraße und am Marktstieg. Die ganze Stadt schien zu atmen im Rhythmus der wehenden Stoffe.
Was war geschehen? Was konnte eine gesamte Gemeinde dazu bewegen, ihre Häuser zu schmücken, als wäre ein König zu Besuch? Die Antwort lag in zwei Namen, die seit fünfzig Jahren untrennbar miteinander verbunden waren: Cornelius Esser und Margarethe, geborene Faber. Zwei Menschen, die vor einem halben Jahrhundert den Mut gefasst hatten, einander ewige Treue zu schwören – und die dieses Versprechen Tag für Tag, Jahr für Jahr gehalten hatten.
Schon am Vorabend hatte die Aufregung begonnen. Als die Dämmerung über die Stadt fiel und die ersten Laternen entzündet wurden, versammelten sich die Männer des Gesangchors „Concordia" vor dem bescheidenen Haus des Jubelpaares. Ihre Stimmen erhoben sich in die Nacht hinein, trugen Melodien der Liebe und des Glücks durch die stillen Gassen. Cornelius und Margarethe, beide schon über siebzig Jahre alt, standen am Fenster und lauschten. Ihre Augen glänzten feucht – nicht vor Trauer, sondern vor Rührung über so viel Zuneigung.
„Fünfzig Jahre", flüsterte Margarethe und griff nach der Hand ihres Mannes. Fünfzig Jahre, in denen sie zehn Kinder geboren und großgezogen hatte, in denen sie Sorgen und Freuden geteilt, in denen sie einander in Krankheit und Gesundheit beigestanden hatte. Fünfzig Jahre, die sich in den Falten ihrer Gesichter abzeichneten wie die Kapitel eines gut gelebten Lebens.
Der Morgen des 21. Mai brach hell und klar an. In der Pfarrkirche bereitete man sich auf ein feierliches Hochamt vor. Die alten Bänke knarrten unter dem Gewicht all derer, die gekommen waren, um Zeuge zu werden: Kinder und Enkel, Freunde und Nachbarn, Menschen aus allen Schichten der Gesellschaft. Denn Cornelius war zwar nur ein einfacher, schlichter Handwerker, aber er war ein Mensch, der Respekt verdient hatte – durch seine Arbeit, seine Ehrlichkeit, seine Treue.
Als das Jubelpaar vor den Altar trat, um ihr Treuegelöbnis zu erneuern, schien die Zeit stillzustehen. Ihre Knie zitterten leicht, als sie niederknieten – nicht vor Furcht, sondern vor Ehrfurcht vor dem Moment, vor der Heiligkeit dessen, was sie vollzogen hatten und was sie nun bestätigten. Der Pfarrer überreichte ihnen eine Handpostille als Andenken, ein kleines Gebetbuch, das sie an diesen besonderen Tag erinnern sollte.
Nach dem Gottesdienst wartete draußen ein Spektakel, das selbst in einer Zeit, in der Nachbarschaftshilfe noch selbstverständlich war, außergewöhnlich erschien. Sechs zweispännige Wagen standen bereit, von verschiedenen Herren der Stadt freundlichst zur Verfügung gestellt. Die Pferde scharrten ungeduldig mit den Hufen, ihre Zaumzeuge glänzten in der Morgensonne. Drei der Wagen füllten sich mit weißgekleideten Kindern – Enkeln, Urenkeln, Nachbarskindern –, die aufgeregt plapperten und lachten. Sie waren die Zukunft, die lebendigen Beweise dafür, dass Liebe Früchte trägt, die über Generationen hinweg gedeihen.
Die Karawane setzte sich in Bewegung. Das Klappern der Hufe auf dem Pflaster, das Quietschen der Wagenräder, das Lachen der Kinder – es war wie eine Symphonie des Lebens, die durch die Straßen hallte. Menschen blieben stehen, winkten, riefen Glückwünsche. Manche weinten sogar – gerührt von der Schönheit des Moments, von der Erkenntnis, dass wahre Liebe tatsächlich existierte und dass sie es wert war, gefeiert zu werden.
Der erste Halt führte zum Lokal des Franz Mocken am Marktstieg. Hier erwartete das Fest-Komitee das Jubelpaar mit offenen Armen. Die Begrüßung war herzlich, aber noch war da mehr – eine Überraschung, die selbst Cornelius und Margarethe sprachlos machte. Joseph Meer trat vor und teilte mit feierlicher Stimme ein Schreiben mit: Der König selbst hatte dem Jubelpaar ein Gnadengeschenk von dreißig Mark gewährt. Dreißig Mark – für einen einfachen Handwerker ein kleines Vermögen, aber mehr noch: ein Zeichen der Anerkennung von allerhöchster Stelle.
Das Mittagessen fand im Lokal des Herrn Mannheim statt. Es war ein Familienfest im wahrsten Sinne des Wortes – Generationen saßen um die festlich gedeckten Tische, teilten Geschichten, lachten über alte Erinnerungen, genossen die Gemeinschaft. Die Speisen waren einfach, aber herzhaft, zubereitet mit der Sorgfalt, die besonderen Anlässen gebührt. Alle Teilnehmer zeigten sich zufrieden, denn es war nicht das Essen allein, was sie nährte, sondern die Wärme menschlicher Verbundenheit.
Nach einer Pause, in der das Jubelpaar sich ausruhen konnte – denn mit 76 und 78 Jahren war selbst die größte Freude anstrengend –, begann um sieben Uhr abends das große Bankett im großen Saal des Herrn Mannheim. Der Saal füllte sich bis auf den letzten Platz. Menschen aus allen Gesellschaftsschichten waren gekommen: Handwerker und Kaufleute, Arbeiter und Beamte, Alte und Junge. Sie alle verband etwas – die Achtung vor einem Paar, das gezeigt hatte, was Beständigkeit bedeutet.
Cornelius und Margarethe, trotz ihres hohen Alters, blieben fast bis zum Schluss. Sie saßen an der Ehrentafel, ihre Augen strahlten vor Glück, ihre Hände ineinander verschlungen. Manchmal lächelten sie sich an, als teilten sie ein Geheimnis, das nur sie beide kannten – das Geheimnis einer Liebe, die alle Stürme des Lebens überstanden hatte.
Kaplan Hillmann erhob sich zu einer Rede. Er war nicht nur als Geistlicher gekommen, sondern auch als Vorstand des Vereins „Concordia", dessen fleißiges Mitglied Cornelius seit der Gründung gewesen war. Seine Worte waren bedacht gewählt, voller Wärme und Respekt. Er sprach über die Bedeutung der Treue, über den Wert beständiger Liebe in einer Zeit des Wandels. Seine Rede gipfelte in einem Hoch auf das Jubelpaar – und in dem verwegenen Wunsch, sie mögen auch noch ihr diamantenes Jubelfest erleben, ihre 75-jährige Hochzeit.
Der Gesangchor der „Concordia" erschien in voller Pracht im Saal. Sie trugen ihre Fahne und ein Transparent, das zu Ehren des Anlasses angefertigt worden war. Unter der Leitung des Herrn Bolten erklangen mehrere Chorlieder – Melodien, die von Liebe und Treue, von Hoffnung und Dankbarkeit erzählten. Die Stimmen verschmolzen zu einem harmonischen Ganzen, das den Saal erfüllte und die Herzen der Zuhörer berührte.
Ein alter Jugendfreund des Jubilars erhob sich und erzählte Geschichten aus der „guten alten Zeit". Seine Stimme zitterte vor Rührung, als er von gemeinsamen Abenteuern berichtete, von Träumen, die sie als junge Männer geteilt hatten, von Plänen für die Zukunft, die damals so ungewiss erschienen war. Nun saßen sie hier, alte Männer geworden, und konnten auf ein erfülltes Leben zurückblicken.
Kaplan Hillmann ergriff noch einmal das Wort, diesmal in seiner Eigenschaft als Präses des Arbeitervereins. Er wies auf etwas hin, was dieses Fest besonders machte: die Tatsache, dass alle Stände daran beteiligt waren. Hier saßen Arbeiter neben Bürgern, einfache Handwerker neben angesehenen Geschäftsleuten. Und das alles zu Ehren eines Mannes, der selbst nur ein schlichter Handwerker war. „Ein solches Fest", sagte er mit bewegter Stimme, „ist in sozialer Hinsicht vom größten Werte." Sein Hoch galt dem Fest-Komitee, das diese wunderbare Feier möglich gemacht hatte.
Dann geschah etwas, was alle Anwesenden verblüffte und entzückte zugleich: Das Jubelpaar erhob sich zur Polonaise. Mit rüstigen Schritten führten Cornelius und Margarethe den Tanz an, voranschreitend bis zum Schluss. Ihre Bewegungen mochten nicht mehr so geschmeidig sein wie vor fünfzig Jahren, aber die Freude in ihren Augen war ungebrochen. Sie tanzten, als wären sie wieder junge Verliebte, als hätten die Jahre ihnen nichts anhaben können.
Nach der Polonaise folgten weitere Tänze für die übrigen Festteilnehmer. Der Saal verwandelte sich in ein Meer aus schwingenden Röcken und stampfenden Füßen. Die Musikkapelle des Herrn Wirth spielte auf – nicht nur Tanzmusik, sondern auch mehrere Konzertstücke, die das kulturelle Niveau der Feier hoben. Peter Schmitter erfreute die Gäste mit einem Gesangsolo, seine Stimme klar und ausdrucksstark in der warmen Saalluft.
So wurde nach jeder Richtung für Unterhaltung und Stoff zu heiterer Stimmung gesorgt. Es war eine Feier, die alle Sinne ansprach: die Augen erfreuten sich am Anblick der festlich gekleideten Menschen, die Ohren an der Musik und den Gesprächen, der Gaumen an den Speisen und Getränken. Aber vor allem war es ein Fest für die Seele – eine Erinnerung daran, was wirklich zählt im Leben.
Als die Nacht fortschritt und die ersten Gäste sich verabschiedeten, blieb eine Gewissheit zurück: Die Jubeleheleute würden diesen Tag gewiss stets freudvoll gedenken. Er war mehr als nur eine Feier – er war eine Bestätigung ihres Lebenswerks, ein Beweis dafür, dass ihre Liebe nicht umsonst gewesen war. Das Fest-Komitee hatte dafür gesorgt, dass dem bejahrten Pärchen als klingendes Andenken an seinen Ehrentag ein namhafter Geldbetrag überreicht werden konnte – ein praktisches Geschenk, das ihren Lebensabend sorglos und angenehm gestalten sollte.
Vier Tage später, am 25. Mai 1889, erschien in der Gladbacher Volkszeitung eine kleine Anzeige. Cornelius Esser und seine Frau bedankten sich bei „allen Denen, welche zur Verherrlichung unserer goldenen Hochzeit beigetragen, besonders den Herren vom Fest-Komitee, Nachbaren und Freunden, sowie auch dem Gesangschore der Concordia."
Diese wenigen Zeilen, sachlich und bescheiden formuliert, konnten kaum die Dankbarkeit ausdrücken, die in den Herzen des alten Paares wohnte. Sie hatten erlebt, was selten geworden war in ihrer Zeit und was heute, 137 Jahre später, fast unmöglich scheint: eine ganze Gemeinschaft hatte sich vereint, um die Liebe zu feiern. Nicht den Reichtum, nicht die Macht, nicht den gesellschaftlichen Status – sondern die einfache, reine, beständige Liebe zweier Menschen, die sich vor fünfzig Jahren das Ja-Wort gegeben hatten.
Wenn ich heute, im Jahr 2026, über die Kaiserstraße gehe, suche ich vergeblich nach den Spuren jener Zeit. Die Bomben des Zweiten Weltkriegs haben fast alles zerstört, was damals stand. Die alten Bürgerhäuser mit ihren hohen Fenstern, die Gasthäuser von Herrn Mocken und Herrn Mannheim, die engen Gassen der Wallstraße und Kapuzinerstraße – alles verschwunden unter Schutt und Asche, später ersetzt durch neue, funktionale Bauten, die keine Geschichte erzählen. Wo einst die Fahnen im Wind flatterten, stehen gesichtslose Wohnhäuser. Wo einst die Pferdekutschen über das Kopfsteinpflaster rollten, rauscht heute der Verkehr über glatten Asphalt.
Nichts erinnert mehr an jenen 21. Mai 1889. Die Pfarrkirche, in der Cornelius und Margarethe ihr Treuegelöbnis erneuerten, ist als Citykirche zur Eventlocation für Kunstausstellungen, Workshops und Konzerte geworden.
Die Straßennamen sind geblieben, aber sie führen durch eine völlig veränderte Welt. 137 Jahre sind eine Ewigkeit in der Geschichte einer Stadt – genug Zeit für Kriege und Wiederaufbau, für gesellschaftlichen Wandel und technologischen Fortschritt.
Und doch höre ich manchmal noch das Echo jener Feier – nicht in den Steinen, denn die gibt es nicht mehr, nicht zwischen den Häusern, denn sie sind längst andere. Ich höre es in meiner Erinnerung, in meinem Wissen darum, dass hier, genau hier, vor 137 Jahren meine Ur-Ur-Großeltern das größte Fest ihres Lebens feierten. Es ist nur noch das Wissen, das mich mit ihnen verbindet – die Erkenntnis, dass ich ihre Geschichte kenne, während die Stadt selbst jede Spur von ihnen verloren hat.
Was ist aus uns geworden in diesen 137 Jahren? Wo sind die Nachbarn geblieben, die spontan ihre Wagen zur Verfügung stellen? Wo sind die Vereine, die Ständchen bringen? Wo ist die Gemeinschaft, die alle Stände vereint, um die Liebe zu feiern? Diese Fragen wiegen schwerer, wenn man bedenkt, wie viel Zeit vergangen ist, wie viele Generationen gelebt und gestorben sind, wie radikal sich die Welt verändert hat.
Vielleicht liegt in der Geschichte von Cornelius und Margarethe Esser eine Lektion für uns alle – eine Lektion, die über 137 Jahre hinweg nichts von ihrer Aktualität verloren hat. Vielleicht müssen wir wieder lernen, das zu schätzen, was wirklich beständig ist. Vielleicht müssen wir wieder den Mut fassen, die Liebe zu feiern – nicht nur die eigene, sondern auch die der anderen. Vielleicht müssen wir wieder eine Gemeinschaft werden, in der es selbstverständlich ist, einander zu helfen, einander zu ehren, einander zu feiern.
Die goldene Hochzeit von Cornelius und Margarethe Esser war mehr als nur ein Fest. Sie war ein Zeugnis dafür, dass der Mensch nicht dazu geschaffen ist, allein zu sein. Sie war ein Beweis dafür, dass Liebe stärker ist als Zeit – stärker sogar als 137 Jahre Zeit. Und sie war eine Erinnerung daran, dass das Leben schön sein kann, wenn wir es gemeinsam leben.
In einer Zeit, in der Ehen geschieden werden wie Geschäftsverträge gekündigt, in der Nachbarschaften zu anonymen Ansammlungen von Wohnungen geworden sind, in der jeder mit sich selbst beschäftigt ist, mag diese Geschichte aus dem Jahr 1889 wie ein Märchen klingen. Aber sie ist geschehen, und sie ist damals aufgeschrieben worden in der Gladbacher Volkszeitung, damit wir uns erinnern. Ich erinnere mich, weil es meine Familie ist, meine Geschichte, mein Erbe. Die Stadt hat vergessen, die Steine sind stumm geworden, aber die Erinnerung lebt weiter – 137 Jahre später, in mir, in dieser Erzählung, in der Hoffnung, dass auch künftige Generationen verstehen werden, was möglich ist, wenn Menschen einander lieben – nicht nur romantisch, sondern im weitesten Sinne: als Nachbarn, als Gemeinschaft, als Menschen.





