Veröffentlicht: 26.02.2026. Rubrik: Nachdenkliches
Die verlässliche Kälte - 5
Exkursion
Der Bus wartete bereits.
Motor aus, Türen offen, Atemwolken vor den Gesichtern der Kinder. Niemand drängelte. Jacken waren geschlossen, Mützen saßen fest. Es gab keine Diskussion darüber, wer friere. Frieren war kein Argument mehr.
Er überprüfte die Liste ein letztes Mal. Namen, Häkchen, keine Lücken. Der Termin lag richtig. Nach der Ernte, vor dem Frost. So stand es in der Genehmigung. So war es im System hinterlegt. Das genügte.
Die Fahrt dauerte nicht lange. Stadtrand, dann Fläche. Die Kinder sahen hinaus, ohne viel zu sagen. Felder wirkten im Winter größer, hatte er einmal gedacht. Jetzt wirkten sie vor allem leer. Das war kein Mangel, sondern ein Zustand.
Am Rand der Fläche stiegen sie aus. Ein Mann wartete bereits. Arbeitskleidung, Handschuhe, ruhige Bewegungen. Er stellte sich nicht vor. Das war nicht vorgesehen. Stattdessen deutete er auf den Boden, auf die Markierungen, auf die Reihen.
„Hier wird genutzt“, sagte er. „Hier nicht.“
Die Kinder nickten. Niemand fragte warum.
Sie gingen langsam. Nicht aus Vorsicht, sondern weil es nichts zu überholen gab. Der Boden war hart, trocken, vorbereitet. An eini-gen Stellen lagen Reste, sauber zusammengefasst. Kein Abfall. Material.
„Gibt es hier Tiere?“ fragte jemand.
„Manchmal“, sagte der Mann. „Nicht jetzt.“
Das reichte.
Er beobachtete die Kinder, wie sie sich bewegten, wie sie stehen blieben, wenn es sinnvoll war, und weitergingen, wenn nicht. Niemand setzte sich. Der Boden war kein Ort dafür.
Am Rand der Fläche standen Schilder. Beginn Nutzung. Ende Nutzung. Dazwischen nichts. Er wusste, dass genau dieses Nichts früher etwas anderes gewesen war. Wachstum, vielleicht. Oder einfach Zeit.
Der Mann erklärte Abläufe. Nicht ausführlich. Maschinen, Termine, Abfolgen. Alles innerhalb der vorgesehenen Periode. Die Kinder hörten zu, stellten Fragen, die auf Reihenfolge zielten, nicht auf Sinn.
Nach einer Stunde gingen sie zurück zum Bus. Es war nicht kalt geworden. Es war gleich geblieben.
Auf der Rückfahrt schlief niemand. Die Kinder redeten leise, verglichen Eindrücke, ohne sie zu bewerten. Einer sagte, es wirke ordentlich. Ein anderer sagte, es wirke ruhig. Beides stimmte.
In der Schule trug er die Rückkehrzeit ein. Pünktlich. Keine Abweichung. Das System nahm es zur Kenntnis.
Am Nachmittag lag eine E-Mail im Postfach. Betreff: Bestätigung Nutzung Fläche 17-B. Absender: eine Behörde, die er nicht kannte. Der Text war kurz, sachlich. Alles im Rahmen der Planung. Keine weiteren Schritte erforderlich.
Er schloss die Nachricht, ohne sie zu speichern. Es gab keinen Grund, sie aufzubewahren.
Draußen wurde es früh dunkel. Der Winter hielt sich an das, was man von ihm erwartete.
Routine
Die Akte war dünn.
Das fiel ihr auf, als sie sie aus dem Stapel zog. Nicht, weil etwas fehlte, sondern weil nichts hinzugekommen war. Keine Ergänzungen, keine Randnotizen, keine Korrekturen. Der Ablauf war abgeschlossen, wie vorgesehen.
Sie legte die Akte beiseite und nahm die nächste. Auch sie war überschaubar. Gleichmäßig. Die Schriftstücke darin unterschieden sich nur noch in Nummern und Daten. Der Inhalt war vertraut.
Im System erschien eine Meldung: Jahreszyklus abgeschlossen.
Darunter ein Häkchen. Grün.
Sie bestätigte.
Früher hatte sie an diesem Punkt innegehalten. Kurz überprüft, ob etwas übersehen worden war. Ob man nachjustieren müsse. Heute tat sie das nicht mehr. Das System war darauf ausgelegt, Abweichungen zu melden. Dass es schwieg, war Teil seiner Funktion.
In der Kaffeeküche traf sie auf eine Kollegin. Sie sprachen nicht über Arbeit. Sie sprachen über Wege, über Uhrzeiten, darüber, dass es morgens schneller hell wurde als noch vor zwei Wochen. Niemand nannte es Frühling.
„Die Ferien waren ruhig“, sagte die Kollegin.
„Ja“, sagte sie. „Wie erwartet.“
Das genügte.
Am Nachmittag sortierte sie alte Unterlagen aus. Nicht viele. Meist Kopien, doppelte Fassungen, veraltete Übersichten. Ein Ordner blieb übrig. Sie erkannte ihn sofort. Grau, beschriftet, älter als der Rest.
Sie öffnete ihn nicht.
Stattdessen stellte sie ihn zurück ins Regal, weiter nach oben, dorthin, wo man selten zugriff. Er gehörte noch dazu, aber er war nicht mehr Teil des Ablaufs.
Auf dem Heimweg blieb sie kurz stehen. Nicht, weil etwas Besonderes zu sehen gewesen wäre, sondern weil sie den Moment kannte. Diese Stelle, diese Uhrzeit. Früher hatte sie hier gemerkt, dass etwas wechselte. Licht, Luft, Geräusch.
Heute wechselte nichts.
Und genau das war neu.
Zu Hause stellte sie den Kalender um. Nicht das Datum, sondern die Markierung. Der Winterblock rückte weiter. Automatisch, hätte man sagen können, aber sie tat es von Hand. Sie mochte das Geräusch des Papiers.
Sie schloss den Kalender.
Es gab nichts, worauf man warten musste.
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