Veröffentlicht: 16.12.2025. Rubrik: Menschliches
Kleinstadtgeschichten 1
Wer das Privileg hat am Stadtrand im Grünen zu wohnen braucht das Taxi oder den Bus, um in die Innenstadt zu fahren ohne eigenes Fortbewegungsmittel. Mein Brief musste in den Postkasten. Ich ging an dem Tag zur Bushaltestelle, fuhr bis zum Alten Markt. Der nahe Supermarkt, mein erstes Ziel brachte mich durch den Nebeneingang hinein.
An der Frische-Theke traf ich auf Mareike die Fleischfachverkäuferin an der Käsetheke. Mareike konnte alles, selbst den Fisch unterscheiden. Von ihr lernte ich das Schillerlocken nichts mit den Schiller, den jeder kennt zu tun hat.
„Was möchtest du heute Andy?“
„Brustfleisch, zeige mal was du so hast“. Niemand stand in der Nähe.
„Du verwechselst mich wieder, Käse, Fisch oder Wurstwaren?“
„Entschuldige, rutschte mir so raus“.
„Mir rutscht heute nichts raus, ist gefangen. Kommst du Freitag wieder zur Wassergymnastik?“
„Wenn du da bist, immer“. Ich zeigte auf zwei Stücke Käse, eine frische Forelle und 100 Gramm Teewurst fein.
Kassenzettel dran, sie lächelte. „Meine Mutter lebt noch, besuche sie doch mal“.
„Mach ich Mareike, grüß mit deinen Papa im Heim“.
„Mach ich“, sie wandte sich ab zur nächsten Kundin, die dazu kam.
Bei REWE in der Bäckereiecke mit dem Kaffeeausschank lehnte Beate neben Norbert an der Wand. Von da hatten beide den Eingangsbereich im Auge, wollten dazu gesehen werden. An beiden ungesehen vorbeigehen war eigentlich nicht möglich. Milchkaffee bitte, ich bestellte noch zwei Kaiserbrötchen und drei Franzbrötchen, bezahlte gleich, bekam meine Sachen gereicht.
„Wer ist heute verstorben Beate?“ Die Frage musste sein.
„Gestern der Kanarienvogel vom Helmut, sonst leben noch alle“.
„Dein Kätzchen Beate, atmet es noch?“
Sie nickte. „Es trägt Mundschutz heute wegen Corona“.
Norbert lachte, die Bäckereifachverkäuferin grinste, wir sahen es. Sie drehte sich um zu dem Aufback-Schrank hin, ahnte jetzt ein Wort sagen würde Norbert zu einer Frage verleiten an sie. Gute Kunden muss man sich warmhalten. Der Kaffeeverkauf jeden Tag wurde mehr, seit die beiden dort ihren Vormittag verbrachten.
„Habt ihr das Thema Krankheiten schon hinter euch?“
„Andy, noch war der Hermann Kipp nicht hier. Er soll krank sein, man sah ihn um halb 8 vor der Praxis auf der Königstraße stehen, mit Maske“.
„Halb 8 schon, da ist Blutabnahmezeit. Der Hermann ist doch kerngesund, lebt neuerdings vegan egal was das auch ist“.
Vorbeigehende lachten, an der Brottheke stand nun Pastor Böhme, zahlte und sagte laut „Der Herr sei mit euch“.
Beate antwortete mit Amen, nickte Böhme zu und hob ihren Kaffeebecher hoch. Für mich wurde es Zeit zu verschwinden. „Ich muss los, mein Bus kommt gleich und meine Post braucht noch die Briefmarke. Bleibt gesund und sauft nicht so viel Kaffee“.
„Das muss du Franzbrötchenliebhaber uns doch nicht sagen. Mein Rolf verdient genug für uns zwei“.
„Beate grüß mir deinen fleißigen Mann, tschüss ihr beiden“. Bevor Beate antworten konnte war ich in der Fußgängerzone unter Menschen. Kleinstadt, jeder kennt fast jeden, mag aber nicht jeden von denen. Beate fragte anfangs nach meinem Vornamen und der leicht verwirrte Hermann sagte Andy, den kennt jeder. Ich verbesserte ihn nicht, mein Vorname ist nicht Andy. Hermann verwechselt mich ständig mit einem schon verstorbenen früheren Arbeitskollegen. Namen spielen am Ende keine Rolle, gibt oft Spitznamen, die sich breit ausgedehnt haben. Alle kennen einen nur darunter.
Es ist wie diese Hunderunde wo man, wenn gefragt wie der Halter heißt kommt, kenne nur den Namen des Hundes mehr nicht. Es reicht auch.
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