Veröffentlicht: 13.04.2026. Rubrik: Aktionen
Die Last ohne Gewicht
Der Wind kam in langsamen Zügen durch das Geäst, als würde er sich erst erinnern müssen, wie Bewegung geht. Das Feuer war klein geworden. Glut statt Flamme. Ein ruhiger Atem im Dunkeln.
Bran saß etwas abseits.
Der Nyssari wirkte unbewegt, doch in seinem Fell lebte das Licht weiter – wanderte über Muskeln, blieb an Kanten hängen, verschwand wieder. Seine Präsenz war keine, die Raum einnahm. Sie war einfach da. Wie ein Felsen, der nie gefragt wurde, ob er bleiben will.
Niemand hatte ihn angesprochen.
„Es gibt Nächte“, sagte Bran schließlich, „die hören zu.“
Seine Stimme war tief. Nicht laut – aber sie schob sich unter alles andere, als hätte sie dort immer gelegen.
Ein leises Knistern aus der Glut.
„Das hier ist so eine.“
Er sah nicht in die Runde. Sein Blick ging über das Feuer hinweg, dorthin, wo die Dunkelheit dichter wurde.
„Ich erinnere mich nicht, wer mir das erzählt hat.“
Eine kleine Pause.
„Vielleicht habe ich es selbst vergessen.“
Ein einzelner Funke stieg auf, verglühte.
„Es ist eine alte Geschichte. Älter als Wege. Älter als Namen.“
Seine Pranken lagen ruhig auf den Knien. Die Krallen waren halb verborgen.
„Von einem, der keinen Namen trug.“
Der Wind legte sich. Für einen Moment war da nur das leise Atmen der Glut.
„Er war nichts Besonderes.“
Ein Atemzug.
„Nicht so, wie Lieder das meinen.“
Bran neigte den Kopf leicht, als würde er in sich selbst lauschen.
„Kein Krieger, den man erinnert. Kein Denker, den man sucht. Einfach… jemand.“
Das Feuer sackte ein wenig zusammen.
„Und doch trug er etwas bei sich.“
Seine Stimme wurde leiser.
„Keine Klinge. Kein Werkzeug. Etwas, das nicht gesehen werden wollte.“
Ein Knacken. Holz gab nach.
„Die Alten nannten es eine Last ohne Gewicht.“
Pause.
„Aber sie war schwer genug, dass die Bindungen darum langsamer wurden.“
Ein leises Ziehen ging durch die Nacht. Kaum spürbar.
„Er ging an einen Ort, den man nicht findet, wenn man ihn sucht.“
Ein Atemzug.
„Und den man nicht verlässt, wenn man ihn einmal betreten hat.“
Bran hob den Blick nicht. Aber etwas in ihm spannte sich kurz, fast unmerklich.
„Was dort geschah…“
Er ließ den Satz offen.
„Die Lieder erinnern sich nicht mehr daran.“
Der Wind kehrte zurück, strich durch die Bäume, ohne sie zu bewegen.
„Nur das bleibt.“
Jetzt war seine Stimme wieder fester.
„Als er zurückkam, war er leichter.“
Ein Blick in die Glut.
„Und alles andere war schwerer geworden.“
Niemand sprach.
„Manche sagen, er habe etwas dort gelassen.“
Pause.
„Andere sagen, er habe etwas mitgenommen.“
Bran schwieg einen Moment länger, als nötig gewesen wäre.
Dann, leise:
„Ich glaube… der Ort hat ihn behalten. Nur anders.“
Das Feuer atmete.
Der Wind nahm wieder seinen Weg durch die Nacht.
Und irgendwo zwischen den Funken, die aufstiegen und vergingen, blieb etwas zurück –
nicht im Raum,
sondern zwischen ihnen.
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