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geschrieben 2026 von Kairos Prime (KairosPrime).
Veröffentlicht: 28.03.2026. Rubrik: Menschliches


Der dritte Zug

Ein dritter Ort ist mehr als ein Raum.
Er ist die Möglichkeit, da zu sein,
ohne Zweck, Rolle oder Einladung.
Hier werden Fremde zu Bekannten,
und aus einzelnen Abenden entsteht Vertrautheit.
Solche Orte sind selten geworden.
Gerade deshalb sind sie kostbar.

Der metaphorische Raum


Der alte Ort war geschlossen worden.
Nicht plötzlich, sondern auf eine Weise, die erst mit der Zeit auffiel. Die Tür blieb zu, die Abende blieben aus, und irgendwann hörte auch das Warten auf. Was vorher selbstverständlich gewesen war, wurde still – nicht ganz verschwunden, aber nicht mehr greifbar.

Die Treffen gingen weiter.
Ein anderer Raum stand zur Verfügung. Größer vielleicht, heller, funktional. Es gab Tische und Stühle, Licht, genug Platz für alles, was man brauchte. Man konnte sich dort begegnen, spielen, reden. Alles war möglich.
Und doch fehlte etwas, das sich nicht benennen ließ.
Gespräche begannen später. Lachen kam vorsichtiger. Niemand blieb länger als nötig. Man war da – aber nicht wirklich angekommen.
Monate vergingen, bis sich eine neue Möglichkeit ergab.

Ein anderer Ort, nicht derselbe und nicht einmal ähnlich. Andere Wege führten dorthin, andere Geräusche begleiteten das Öffnen der Tür. Nichts erinnerte an das, was einmal gewesen war, außer den Menschen, die wieder kamen.

Am ersten Abend war alles noch vorsichtig.
Die ersten traten ein, hielten kurz inne, sahen sich um, als müsste sich der Raum erst erklären. Schuhe wurden an der Schwelle ausgezogen, nicht weil es verlangt wurde, sondern weil es sich richtig anfühlte. Jacken fanden ihren Platz, Stimmen begannen leise, tastend, ohne sich gleich festzulegen.
Die Tische standen zunächst zu ordentlich, die Spiele lagen bereit wie ein Angebot, das noch nicht ganz zur Einladung geworden war.
Doch nach und nach veränderte sich etwas.
Die Gespräche fanden ihren Rhythmus, das Lachen wurde freier, und die ersten Abende begannen, sich nicht mehr voneinander zu unterscheiden, sondern aneinander anzuschließen.

Einer blieb in der Tür stehen.
Nur einen Moment, aber lang genug, um bemerkt zu werden. Sein Blick ging durch den Raum, über die Tische, die kleinen Gruppen, die sich gerade bildeten.
Jemand trat zu ihm, ohne ihn zu drängen.
„Du kannst einfach kurz schauen“, sagte er.
Der Mann nickte, zögerte noch, dann kam der Satz, der hier nicht fremd war:
„Ich kenne keine Spiele.“
Ein leises Lächeln.
„Das ist kein Problem.“
Ein Stuhl wurde ein Stück zur Seite gerückt, kaum sichtbar, gerade weit genug. Es war keine Einladung, die ausgesprochen werden musste. Sie lag einfach da.
Der Mann trat ein.
Die Schuhe blieben zurück, und mit ihnen ein Teil der Unsicherheit.
Das Spiel begann.
Regeln wurden erklärt, zunächst von einem, dann von anderen ergänzt, ohne Eile, ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Es ging nicht darum, alles sofort zu verstehen, sondern anzufangen.
Der erste Zug war vorsichtig, der zweite nicht viel anders.
Beim dritten wurde gelacht.
Es war kein lautes Lachen, kein auffälliger Moment. Aber es blieb im Raum, und diesmal verschwand es nicht gleich wieder.

Aus einem Nebenraum drang ein leises Klirren von Geschirr. Jemand sprach von einem Duft, der an bestimmten Tagen durch das Haus zog, süß und warm, als würde er den Raum schon begrüßen, bevor man ihn betrat. Eine andere erzählte von Nachmittagen, an denen Kinder nicht gehen wollten, obwohl es längst Zeit gewesen wäre.
Alles stand nebeneinander, ohne sich erklären zu müssen.
Und genau darin lag die Verbindung.

Ein Begriff war einmal gefallen, bei einer Rede: dritter Ort. Kein Zuhause, kein Arbeitsplatz – etwas dazwischen. Ein Raum, in dem man sich aufhalten konnte, ohne eine Rolle erfüllen zu müssen.
Vielleicht war es genau das, was sich hier langsam wieder zeigte.
Im Verlauf des Abends wurden aus einzelnen Runden Begegnungen, aus Begegnungen eine Atmosphäre, die nicht geplant war und sich doch einstellte. Würfel rollten über Holz, Karten wurden gelegt, Entscheidungen getroffen und wieder verworfen, begleitet von einem leichten, gemeinsamen Lachen.

Der Mann von der Tür hatte seine Jacke längst abgelegt.
Später beugte er sich vor und erklärte selbst eine Regel – zunächst zögernd, dann mit einer Sicherheit, die nicht aus Wissen kam, sondern aus Zugehörigkeit.

Die Tische standen inzwischen nicht mehr so ordentlich wie zu Beginn. Stühle waren verschoben worden, ohne dass es jemand bewusst bemerkt hätte. Der Raum hatte sich verändert, leise und ohne Ankündigung.
Als die ersten gingen, blieb etwas zurück.
Nicht Leere, sondern eine Fortsetzung. Gespräche verlagerten sich, ein Spiel wurde beendet, ein anderes begann noch einmal.
Erst viel später wurde aufgeräumt. Karten wurden sortiert, Figuren zurückgelegt, Tassen eingesammelt. Es geschah ruhiger als nötig, als würde man vermeiden, den Abend zu schnell zu beenden.
„Ich komm wieder“, sagte jemand.
Es klang nicht wie ein Versprechen, sondern wie eine Erkenntnis.

Die Tür öffnete sich, kühle Luft drang herein und verschwand wieder, ohne etwas mitzunehmen.
Am Ende blieb einer stehen.
Ein Schuh war angezogen, der andere noch offen. Der Blick ging zurück in den Raum, nicht prüfend, eher suchend nach etwas, das sich nicht festhalten ließ.
Es war nicht derselbe Ort wie zuvor.
Und doch war etwas zurückgekehrt.
Nicht die Wände, nicht die Einrichtung.
Etwas, das Zeit brauchte.
Und Menschen.
Er blieb einen Moment länger stehen, als nötig gewesen wäre.
Dann ging er.
Und der Raum behielt noch eine Weile, was entstanden war.
Nicht die Spiele.
Nicht die Worte.
Sondern das, was dazwischen lag.

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