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geschrieben 2026 von Kairos Prime (KairosPrime).
Veröffentlicht: 10.03.2026. Rubrik: Fantastisches


Die Handschrift zwischen den Zeilen

Kathrin Kleng hatte sich angewöhnt, mit Bleistift zu schreiben.

Nicht aus Nostalgie.
Sondern weil sich Bleistift leichter korrigieren ließ.

Sie arbeitete in einem kleinen Büro im sechsten Stock eines Verwaltungsgebäudes in Brüssel. Offiziell beschäftigte sie sich mit Technologiepolitik und wissenschaftlicher Governance. Inoffiziell versuchte sie, Ordnung in eine Welt zu bringen, in der Technologien schneller wuchsen als die Regeln, die sie zähmen sollten.

An diesem Morgen arbeitete sie an einem Vortrag.

„Verantwortung in Zeiten autonomer Systeme.“

Der Titel klang trocken. Aber das Thema war es nicht.

Sie setzte den Bleistift auf das Papier.

Technologischer Fortschritt verlangt institutionelle Kontrolle.

Sie las den Satz noch einmal.
Er war korrekt.
Und er war langweilig.

Kathrin legte den Bleistift kurz zur Seite, griff nach ihrer Kaffeetasse und blickte aus dem Fenster. Der Himmel über der Stadt war grau, wie so oft.

Als sie wieder auf das Papier sah, runzelte sie die Stirn.

Unter ihrem Satz stand ein zweiter.

Kontrolle ist oft nur der Versuch, Verantwortung zu delegieren.

Sie war sicher, ihn nicht geschrieben zu haben.

Langsam nahm sie den Bleistift wieder in die Hand.

Die Schrift war ihre.

Die Buchstaben hatten denselben leicht geneigten Schwung. Die gleiche Art, wie sie das „R“ formte. Dieselben kleinen Abstände zwischen den Worten.

Aber sie erinnerte sich nicht daran, diesen Satz geschrieben zu haben.

„Zu wenig Schlaf“, murmelte sie.

Sie strich den Satz nicht durch.

Stattdessen schrieb sie darunter:

Wenn Verantwortung nicht delegierbar ist – wem gehört sie dann?

Für einen Moment geschah nichts.

Dann bemerkte sie, dass sie den Bleistift immer noch in der Hand hielt, ohne sich zu bewegen.

Und doch erschien eine Antwort.

Nicht sofort.
Nicht wie ein plötzlich geschriebener Satz.

Eher wie ein Gedanke, der sich langsam formte.

Als sie wieder auf das Papier blickte, stand dort:

Demjenigen, der die Frage stellt.

Kathrin hielt den Atem an.

Das war kein Zufall.

Oder zumindest kein gewöhnlicher.

Sie lehnte sich zurück.

Ihr Blick wanderte zu einem kleinen gerahmten Foto auf dem Regal neben ihrem Schreibtisch.

Es zeigte einen Mann, der leicht seitlich in die Kamera blickte. Die Augen ruhig, fast nachdenklich.

Dr. Elias Voss.

Ihr Onkel.

Offiziell war er vor Jahren mit der Crew der Aletheia auf eine Mission aufgebrochen, von der es kein Zurück geben sollte. Ein Experiment an der Grenze dessen, was die Physik erlaubte.

Inoffiziell hatte die Welt irgendwann aufgehört, darüber zu sprechen.

Große Aufbrüche verschwanden schnell aus den Nachrichten, wenn sie nicht spektakulär scheiterten.

Kathrin hatte damals noch studiert.

Sie erinnerte sich an den letzten Brief.

Er war kurz gewesen.

Es gibt Fragen, die wir nur beantworten können, indem wir sie leben.

Damals hatte sie das pathetisch gefunden.

Heute war sie sich nicht mehr so sicher.

Sie blickte wieder auf das Papier.

Die Worte standen immer noch dort.

Ruhig.
Unaufgeregt.

Wie ein Gedanke, der schon immer existiert hatte.

Kathrin nahm ein neues Blatt.

Vielleicht war es nur ein seltsamer Moment der Konzentration. Vielleicht hatte ihr Gehirn einen Gedankensprung gemacht, ohne dass sie ihn bewusst wahrgenommen hatte.

Das passierte.

Sie begann erneut zu schreiben.

Gesellschaften versuchen, Verantwortung in Strukturen zu überführen.

Der Satz fühlte sich besser an.

Sie schrieb weiter.

Doch jede Struktur basiert letztlich auf Entscheidungen einzelner Menschen.

Sie hielt kurz inne.

Dann erschien ein weiterer Satz.

Und jede Entscheidung basiert auf einer Vorstellung davon, was richtig ist.

Sie spürte, wie ein leichtes Kribbeln ihren Nacken hinaufwanderte.

Das war ihre Handschrift.

Aber der Gedanke war…

weiter.

Nicht fremd.
Nur weiter.

Sie schrieb:

Was passiert, wenn unsere Technologien schneller lernen als unsere Moral?

Ein paar Sekunden vergingen.

Dann stand darunter:

Dann lernen sie nicht schneller. Sie lernen nur ohne uns.

Kathrin lachte leise.

„Das klingt wirklich nach dir“, sagte sie in den Raum.

Die Bürotür blieb geschlossen.
Niemand antwortete.

Sie betrachtete die Worte lange.

Ihr Onkel hatte immer eine seltsame Art gehabt, Dinge zu formulieren. Nicht wie ein Professor, der eine Theorie verteidigte.

Eher wie jemand, der Fragen stellte, die andere lieber nicht stellten.

Sie erinnerte sich an ein Gespräch aus ihrer Kindheit.

Sie war vielleicht zwölf gewesen.

„Warum willst du ins All?“, hatte sie gefragt.

Elias hatte eine Weile nachgedacht.

Dann hatte er gesagt:

„Weil wir nur herausfinden, wer wir sind, wenn wir sehen, was außerhalb von uns liegt.“

Damals hatte sie das nicht verstanden.

Heute vielleicht ein bisschen mehr.

Kathrin sah wieder auf das Blatt.

Langsam begann sie, ihren Vortrag neu zu strukturieren.

Die trockenen Formulierungen verschwanden.

Stattdessen schrieb sie:

Verantwortung ist kein System.

Sie ist eine Entscheidung.

Sie hielt inne.

Der nächste Satz erschien nicht auf dem Papier.

Er entstand in ihrem Kopf.

Leise.

Fast wie eine Erinnerung.

Und Entscheidungen haben Konsequenzen, auch wenn wir sie nicht mehr erleben.

Sie lächelte.

„Du bist also immer noch unterwegs“, murmelte sie.

Das Bild auf dem Regal antwortete natürlich nicht.

Aber sie hatte das Gefühl, dass zwischen ihren Gedanken und den Worten auf dem Papier eine Art Resonanz entstanden war.

Nicht wie eine Botschaft.

Eher wie ein Echo.

Als würde jemand einen Stein in einen sehr tiefen Brunnen werfen – und irgendwann hörte man das leise Geräusch, wenn er das Wasser berührte.

Sie schrieb weiter.

Der Vortrag wurde länger.

Und klarer.

Am Ende stand ein Satz, den sie zuerst nicht hatte formulieren wollen.

Jetzt fühlte er sich richtig an.

Die Zukunft wird nicht von unseren Technologien bestimmt.

Sie wird von den Fragen bestimmt, die wir uns zu stellen trauen.

Kathrin legte den Bleistift weg.

Der Raum war still.

Draußen zog ein leichter Regen über die Stadt.

Sie betrachtete die Seiten.

Zwischen ihren eigenen Gedanken lagen Sätze, die sich anfühlten, als kämen sie von weiter weg.

Nicht aus der Vergangenheit.

Eher aus einer Richtung, die sich schwer beschreiben ließ.

Sie sammelte die Blätter ein und legte sie ordentlich zusammen.

Dann stand sie auf und nahm das kleine Foto aus dem Regal.

„Ich hoffe, du findest, was du gesucht hast“, sagte sie leise.

Für einen Moment hatte sie das Gefühl, als würde ein Gedanke durch den Raum gleiten.

Nicht hörbar.

Nicht sichtbar.

Nur eine leise Gewissheit.

Dass manche Reisen vielleicht nicht dort endeten, wo man sie erwartete.

Kathrin stellte das Bild zurück.

Dann nahm sie die Seiten und ging zur Tür.

Als sie das Büro verließ, blieb das Blatt mit der ersten Notiz auf dem Schreibtisch zurück.

Der Satz stand immer noch dort.

Technologischer Fortschritt verlangt institutionelle Kontrolle.

Darunter stand ein anderer.

In derselben Handschrift.

Vielleicht.

Aber Verantwortung bleibt immer persönlich.

Und zwischen den Zeilen lag eine Stille, in der Gedanken weiterreisten.

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

Einen Kommentar schreiben

geschrieben von Butterblume am 10.03.2026:
Kommentar gern gelesen.
Sehr gut 👍
Gern gelesen.
Abendliche Grüße
Butterblume




geschrieben von Jo Hannes Coltitz am 11.03.2026:

Hallo @Kairos Prime, ich denke Eigenverantwortung ist der Schlüssel.
Die Menschen geben zu gern die Verantwortung an Ärzte, Institutionen, Interessenverbände und Parteien ab.
Und diese suchen technische Lösungen zur effizienten Verwaltung.
Und ja, Technologien brauchen definierte Grenzen.
Viele Grüße, Jo


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