Veröffentlicht: 28.03.2026. Rubrik: Nachdenkliches
Scheiße ist unerwünscht I: Taubentod und Stromfresserchen
Ich habe das Schreiben verloren, nicht die Fähigkeit, sondern das Schreiben an sich. Mein Hinterland, aus dem ich Bilder und Ideen schöpfe. Durch eine Tür zu treten in eine Welt der inneren Wunder. … Ich möchte poetisch sein, zwinge mich dazu und während mein Geist fieberhaft sucht, hacken meine Finger auf den Tasten herum und reihen Fehler an Fehler. Ich lese und bessere aus, halbherzig. Es ist ja doch nicht wert zu überleben. Bad writing – schlechte Schreibe, wie der Verrückte aus dem Film Das geheime Fenster feststellt.
Manchmal, wenn ich in der Natur bin, kommen Ideen. Ideen, von denen ich weiß, dass sie passen. Ich spüre ihre Resonanz tief in mir, doch, wenn ich sie meinen Fingern befehle – allein, dass ich befehlen muss … Es ist nicht der Fehler meiner Finger, dass sie Worte verstolpern, während ich suche – in dieser Leere suche, die sich blassgrau um mich legt. Wo eben noch ein Grün gewesen, atme ich nun nur Schwere, die auf meine Brust drückt.
Ich frage mich, wo oben, wo unten in dieser Schwere – wo hier, wo dort. Meine Finger tippen, wie entfesselt tippen sie, doch, wenn ich es lese, dann steht da nur hier ein Komma, dort ein Punkt, hier ein ausgelassenes Zeichen und dort reihen sich so viele Plattheiten aneinander, dass es kaum aushaltbar ist.
Es ist der Verlust der Träume und die Buchstaben, halb noch in Reih und Glied stehend, nehmen sich aus wie welkendes Blattwerk. Da ist nichts mehr, bevor der Wind sie vom Baum fegt.
Ich bin ein Träumer. Von Anfang an war ich das. Wenn ich versuchte über meinen eigenen Horizont hinauszublicken, dann war da noch nie viel mehr als das, was ich zusammenträumte und das war noch nicht einmal sehr originell. Ein Schriftsteller war und bin ich nicht. Meine Schreibe war immer von persönlicher Leidenschaft durchdrungen. Ich kann nicht schreiben, wenn es nicht an mich rührt. Und es rührt nur dann, wenn meine Protagonistin, mein Ich, den Richtigen trifft und ihm nachgiert. Ich schreibe seit 2005. Ein Thema über all die Jahre hinweg. Und schon wieder ertappe ich mich dabei, wie ich aus meiner begriffsstutzigen Chefin einen Gelehrten machen möchte, einen Schrödinger oder Hübner – einen Mentor, der mit mir über das Lehrersein diskutiert, vielleicht sogar philosophiert, statt mir zu bestätigen, dass ich den Schülern ein nicht praktikables Puzzle präsentiert habe und im Basteln mit den Kleinsten bescheidene Resultate erziele, dass meine Schrift unleserlich ist und ich zu selten Galgenmännchen spiele und dass meine Sprache zu akademisch sei und ich zu oft Scheiße sage. Scheiße sei unerwünscht!
Ich wagte vor 2 Jahren den Quereinstieg ins Lehramt Religion und meine Träume verschwanden. Nur manchmal blitzen sie auf, wie in der Geschichte um die junge Frau, die ihren alten Professor auf einer Konferenz wiedertrifft und feststellt, dass sich nichts geändert hat. Draußen schneit es und sie beginnt zu frieren, ebenso wie damals, als sie sich entschied, ihren eigenen Weg zu gehen. Solche Momente des Schreibens sind dann Inseln des Glücks, der Seligkeit, weil ich mich selbst wieder spüre. Ich kann schreiben, ja, das kann ich. Vieles, was ich aufschreiben könnte, erscheint mir im nächsten Moment als zu trivial. Aber es sind doch meine Träume. Warum damals, warum nicht mehr heute, da ich doch heute noch ebenso an ihnen hänge wie damals. Und vielleicht sogar mehr, weil ich erkannt habe, dass ich sie wirklich brauche. Dass mich friert, wenn das Feuer nicht brennt.
Vielleicht sind meine Träume zu einem anderen geflogen, der aus ihnen mehr machen kann. Ja, vielleicht sind sie nicht bei mir geblieben, weil sie spürten, dass ich nicht gut zu ihnen bin, dass ich sie, statt sie zu einer guten Geschichte zu verweben, nur für meine eigenen Bedürfnisse missbrauchte, dass ich aus ihnen schöpfte, ohne ihnen zu sagen, wie wertvoll sie für mich sind. Ich nährte mich aus ihnen und saugte sie schließlich aus. Ich konnte mir nie eingestehen, dass ich ohne sie nur eine leere Hülle bin, die in der Hilflosigkeit des eigenen Seins driftet. Ich schrieb sie damals auf, aber nicht so, wie ich sie selbst aufgeschrieben hätte, sondern wie einer, der gelesen werden möchte, der Beachtung will. Sie blieb aus und ich schrieb noch mehr gegen mich selbst, verdrehte und verbog meine Träume zu einer Story, in denen sie sich selbst nicht mehr wiedererkannten.
Ich könnte schreiben, schreiben könnte ich über die Veränderungen in meinem Wohnumfeld, der zunehmenden Dichte im Viertel und der prekären Verkehrssituation, der schlechten Luft, dem Lärm, dem Schwinden der Grünflächen und der Singvögel und dem gezielten Mord an den Tauben, den der Bürgermeister für gut befindet, da Tauben seine Fassade vollscheißen. Ja, darüber könnte ich schreiben, aber es geht nicht. Es will einfach nicht. Und bitte ich meine Finger, wenigstens so zu tun, als trügen sie die Wichtigkeit dieser Themen, dann stottern und stolpern sie mir Fehler entgegen. Aber: Eine tote Taube ist eine tote Taube, verreckt an einer ausgelegten Paste, die nicht nur ihr Federkleid verklebte. In Heidelberg setzte man einst Blausäure ein. Man legte Kügelchen aus – des Morgens früh, damit man noch genügend Zeit hatte, die Hauptstraße von den Kadavern zu reinen, ehe die Studenten und Touristen kommen. Mein Freund hat die torkelnden Tiere gesehen, die qualvoll erstickenden Tiere.
Wir haben Reli fürs Klima. Jeden Monat erhalte ich mindestens vier Mails von meiner Chefin mit der herzlichen Bitte, meine Schüler in Nachhaltigkeit zu unterrichten. Selbstgebastelte Stromfresserchen stehen derzeit hoch im Kurs. Sie sollen hübsch grimmig gucken und ihre spitzen Zähnen zeigen. Eine Bastelanleitung anbei. Die Fresserchen können die Kinder daheim auf alle Geräte stellen, die ihrer Meinung nach unnötig viel Strom verbrauchen … Vielleicht, so sinniert meine Chefin, schaffen wir es mit dieser Idee ja dieses Jahr zu den Endausscheidungen oder gar ins Berliner Abgeordnetenhaus?





