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geschrieben 2018 von Andreas Mettler (metti).
Veröffentlicht: 29.11.2018. Rubrik: Hörspiele und Verfilmungen


Mensch! Arbeite für mich!

Mensch! Arbeite für mich!

Ohren habe ich keine. Aber ich kann die Stimme der Puppe hören.
„Einen Menschen zu machen ist ganz einfach!“
Was ist ein Mensch? Bin ich damit gemeint? Diese Stimme lässt nichts Gutes erwarten. Sie klingt grausam und selbstsüchtig.
„Du brauchst nur ein paar Augen...“
Ich spüre schmerzenden Druck in meinem Schädel. Ich verändere mich. Viel zu bunte Lichter erfüllen mein Bewusstsein. Ich kann meinen Peiniger sehen. Er besteht aus zotteligem Fell, schiefen Augen und einer Schweinsnase. Der Arm eines Puppenspielers steckt ihm im Gesäß. Ich höre die Puppe lachen. Und grunzen.
„Eine lange Nase...“
Eine Karotte bohrt sich tief in meinen Kopf. Ich habe also eine Nase. Sie riecht nach Karotte. Was sonst?
„Goldene Locken...“
Eine Perücke hängt mir über das Gesicht. Sie ist silbern und nicht golden. Schön weich, aber die Haare sind überall. Ich möchte sie ausspucken. Aber habe ich denn überhaupt einen Mund?“
„Und das da?“, höre ich die Puppe etwas kleinlaut fragen. Wie ein Labyrinth von verknoteten Regenwürmern sieht das blutige rote Teil aus, das von der Puppe abfällig über den Tisch geschoben wird. „Naja, wer es braucht.“

Ich höre die Engel singen.
„Und nun“, sagt die beißende Stimme der Puppe. „Wunder der Schöpfung. Erwache!“
Ich habe nicht geschlafen. Der Prozess meiner eigenen Schöpfung ist mir mehr bewusst, als ich mir das wünsche. Aber ich spüre den unwiderstehlichen Drang, dem Befehl meines Schöpfers folge zu leisten. Ich erwache.
Einige quakende Laute entrinnen meinem Hals. Soll das eine Sprache sein? Ich verstehe kein Wort von dem, was ich da sage.
„Und nun: Arbeite für mich!“
Das Teil ist weiß. Ich drehe es in meinen Händen, ich kratze mich am Kopf. Arbeiten? Was bedeutet das für mich?
„Aaaarbeiten!“, brüllt die Puppe.
Ich höre ein klackendes Geräusch. Die große weiße Taste lässt sich drücken. „Klack“ und immer wieder „Klack“. Ist das die Arbeit? Das ist monoton. Aber machbar. Das erfüllt keinen Zweck. Die Puppe blickt mich zufrieden an. Ja, das muss meine Arbeit sein.

Das Klirren von Metall auf dem Tisch. Die Puppe hat einen Beutel ausgeleert. Ein paar Münzen und ein Einkaufswagen-Chip liegen verstreut vor mir.
„Na, das hat sich ja schon ordentlich gelohnt für dich“, erklärt sie mir.
Ach so. Das muss der Lohn für meine Arbeit sein. Na, das ist aber wirklich schnell gegangen. Wieder dieses Quaken aus meiner Kehle.
„Ja, das ist alles für dich. Abzüglich meiner Rendite natürlich. Ich habe ja einiges in dich investiert. Die Tastatur und so...“
Das viele Geld ist wieder vom Tisch verschwunden. Ich drücke auf meine Taste. Klack. Klack. Und immer wieder: Klack. Klack.

Tage sind vergangen. Ich habe jedes Zeitgefühl verloren. Da meldet sich die Puppe wieder bei mir:
„Wochenende! Leg die Arbeit weg!“
Ich schiebe die Tastatur zur Seite. Eine dunkel gefärbte Glasflasche steht vor mir.
„Damit kannst du dich betäuben, bis die Arbeit wieder anfängt.“
Wieso betäuben? Gerade jetzt könnte es doch interessant werden. Ich gebe ein paar Laute von mir.
„Betäuben?“, heuchelt die Puppe. „Wer hat hier etwas von Betäuben gesagt? Du feierst jetzt mit mir eine Party.“
Den Partyhut auf dem Kopf sauge ich an der Flasche. Ich spüre, wie ich mit jedem Schluck immer langweiliger werde. Das ist also ein Wochenende. Auch nicht viel besser als die Arbeit.
Da meldet sich die Puppe wieder: „Das Wochenende ist vorbei. Zurück an die Arbeit!“
Vor mir die Tastatur. Der Schädel brummt. Ich habe keine Lust auf meine Arbeit.
Argwöhnische Blicke auf mich werfend, kauert die Puppe neben mir. „Die Arbeit ist dir wohl zu langweilig geworden?“
Ich nicke glucksend.
„Wenn du einen besseren Job haben möchtest, dann brauchst du mehr Bildung!“
Das hört sich interessant an. Hat dieses Leben etwa noch mehr zu bieten?
„Du musst einfach nachplappern, was ich dir jetzt sage. Pass auf: Nag nag, nag nag.“
Die Puppe beherrscht meine Sprache? Die Sprache, die ich selbst kaum verstehe? Da ist jemand, mit dem ich kommunizieren kann? Ich habe so viele Fragen.
Doch die Puppe schüttelt nur ihren zotteligen Kopf. „Du stellst immer noch zu viele Fragen. Naja, da muss ich wohl...“
Und schon sehe ich, wie sich die Plastikkeule auf meinen Schädel zubewegt. Alles wird schwarz.

Ein Gefühl der Erleichterung.
Die Puppe spielt mit meinem Gehirn. „Ich hab doch gesagt, dass du das nicht brauchst.“
Die Synapsen fliegen durch die Luft. Irgendwo hinter mir ein Scheppern.
„Und jetzt nochmal. Sprich mir nach: Nag nag, nag nag.“
Einer Maschine gleich, höre ich die Worte aus meinem Mund sprudeln: „Nag nag, nag nag!“
„Herzlichen Glückwunsch!“, meint die Puppe. „Du Bildungsbürger. Du gehörst jetzt zur Elite!“

Nun tippe ich auf zwei Tasten. Immer abwechselnd. Einmal links. Einmal rechts. Ein großer Fortschritt? Vielleicht.
„Jetzt hast du einen richtig guten Job. Und den kannst du machen, bis an dein Lebensende!“

Engelschöre, Wolken und ein durch und durch entrückendes Gefühl. Das muss dieses besagte Lebensende sein.
„Mensch, was hast du aus deinem Leben gemacht?“, höre ich eine tiefe Stimme aus dem nirgendwo fragen.
Ich zeige der Stimme meine Tastatur. Klack. Klack.
„War das dein ganzes Leben?“
Natürlich war es das nicht. Ich erzähle der Stimme aus meinem Leben: Die Party, das Betäubungsmittel, das Gehirn, die Bildung. Habe ich nicht sehr viel erlebt?
„Na gut“, meint die Stimme. „Dann kannst du ab sofort auch für mich weiterarbeiten.“

Die Wolken umgeben mich. Ich sitze an meinem Schreibtisch. Die Tastatur vor mir. Klack. Klack. Ich summe ein kleines Lied. „Nag, nag, nag, nag, naaaaag.“


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