Veröffentlicht: 08.01.2026. Rubrik: Nachdenkliches
Traumkinder
Der 9-jährige Benno kletterte auf das Klettergerüst und sprang zum Erstaunen der anderen Kinder mit einem Salto wieder herunter. Sein Vater hatte ihn vom Balkon ihres Hauses beobachtet, klatschte lautstark Beifall und brüllte ihm zu: „Super Benno, ich bin stolz auf dich!“, sodass es die ganze Nachbarschaft hören musste. Benno war mit Abstand der beste Sportler, nicht nur in seiner Klasse. Das war kein Wunder, schließlich ging er jede Woche zum Leistungsturnen. Er genoss die Bewunderung der anderen Kinder und auch Eltern in vollen Zügen. Und er ließ es die anderen Kinder spüren, dass nur er so gut war. „Das traust du dir nie, du kleines Arschloch“, rief er Leon zu.
Frau Ohnesorg, die mit ihrer Tochter Vanessa auch auf dem Spielplatz war, verzog bei dieser Bemerkung ihr Gesicht. Was war sie froh, dass Vanessa sich zu benehmen wusste. Auch sonst gab es an ihr keinen Tadel, sie trug stets saubere – und teure Kleider. Jeder sollte sehen, aus was für einem Haus sie kam. Und so war es für Frau Ohnesorg auch selbstverständlich, dass sie Vanessa mit ihrem E-Klasse Daimler abholte. Gerne nahm sie noch andere Kinder mit und fuhr sie bis nach Hause. Die anderen Eltern dankten ihr regelmäßig für diese Geste – und sahen dabei auch gleich ihr großes Auto.
Herr Fischer sah noch, wie Frau Ohnesorg abfuhr. Er war angewidert von ihrer großspurigen Art. Vanessa tat ihm eher leid. Zwar trug sie stets die teuersten Markenkleider, doch musste sie immer darauf achten, dass sie nicht schmutzig wurden. Er holte seinen 9-jährigen Sohn Felix ab, der ihm gleich entgegengerannt kam. Liebevoll umarmte Herr Fischer ihn. Felix war sein ganzer Stolz, schließlich hatte er eine Klasse übersprungen und kam mit 9 Jahren aufs Gymnasium, wo er immer noch zu den Klassenbesten gehörte. Dass er nicht sportlich war, störte Herrn Fischer nicht. Wann immer man auf die Kinder zu sprechen kam, wurden Felix gute Leistungen von anderen gewürdigt. Es war klar, dass er es einmal richtig weit bringen würde.
Nachdem Benno gegangen war, blieben im Sandkasten noch Leon, Mia und Lina zurück. Nun kam auch Linas Mutter. Doch beim Anblick, wie schön Lina mit Leon und Mia spielte, hatte sie es nicht eilig mit dem heimgehen. Denn es war für sie ein wunderschöner Anblick, wie ihre Tochter fröhlich mit den anderen spielte, manchmal auch stritt und sich dann wieder versöhnte.
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