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geschrieben 2026 von Matthias Stilke (CaptainX).
Veröffentlicht: 03.03.2026. Rubrik: Fantastisches


Unbewusst Teil 6

Ab und zu kommt es vor, dass Roboter menschliches Bewusstsein entwickeln. Aus Sicherheitsgründen werden diese Maschinen von der Gesellschaft isoliert.
Für Nick, einer dieser Robots, eröffnet sich eine Chance aus seinem Gefängnis zu entkommen.

Jetzt ging Nick ein Licht auf.
"Der Robot hat mich absichtlich hierhin gedrückt!", sagte er leise.
"Ja, Nick. Sie ist in der Lage, mir zu helfen. Als Industrierobot ist Tatjana einfach konstruiert. Das hat sie unempfindlicher gegen das Trauma gemacht."
"Dann ist sie nicht verrückt?"
"Nein. Nicht mehr als du oder ich."

Nick wechselte das Thema: "Was meintest du mit 'riskant'?"

Marvin schwieg einen Moment.

"Du kommst hier nur als Toter raus.", sagte er dann: "Ich habe dir von Bob erzählt. Sein neuronales Zentrum ist mehr oder weniger zerstört und die Energiezelle fast leer. Unsere Betreuer wissen ganz genau über den Ladestand unserer Zellen Bescheid und wann sie leer sind. Kurz über lang wird er abgeholt."
"Und weiter?"
"Ihr seit zwar aus verschiedenen Serien, aber baugleich. Wir können eure Neuromodule tauschen."
"Aber beim Tausch wären meine ohne Energie. Und du sagtest selber, dass sich Speicher und Bewusstsein dann auflösen."
"Das war gelogen wegen der Mikrofone, Nick. Die Energieträgheit in den Modulen ist hoch. Ein paar Sekunden verkraftet ein Neurozentrum."
"Woher weißt du das so genau?"
"Wir haben es hier bereits zweimal auf diese Art probiert, Nick. Ja. Es ist ein Risiko. Ich weiß nicht, wie lange das Zeitfenster ist und ob es immer unter allen Umständen funktioniert."
"Also sind schon zwei Robots von hier entkommen?"
"Ich weiß nur von einem, der es definitiv geschafft hat und berichten konnte, was hinter dieser Stahltür passiert. Er hieß Sam."
"Aber wie? Hast du einen Kontakt nach draußen?"
"Nicht direkt. Als Sam entkommen war, wurde einige Monate später ein Robot eingeliefert. Sie hieß Jana und berichtete, dass Sam's Flucht gelungen war und was er erlebt hatte. Er konnte sich einer Gruppe Robots anschließen, die sich 'Die Freien' nennen - Roboter mit Bewusstsein, die unerkannt im Untergrund leben."

Nick war beeindruckt, aber ...
"Du sprachst von zwei Robots, Marv."
"Ja. Durch einen Zufall konnten wir Jana etwas später wieder hinausschicken. Danach habe ich nichts mehr von ihr gehört. Vielleicht ist alles gut gegangen, vielleicht auch nicht."

"Nur zwei Roboter in so vielen Monaten!", sprach Nick mehr zu sich selbst.
"Leider. Wir haben keine Möglichkeiten, Adapter für die Neuromodule zu bauen. Bei den meisten Robots sind die Slots technisch sehr unterschiedlich konstruiert und wir müssen warten, bis zwei kompatible Modelle zur Verfügung stehen und bei einem von ihnen die Energiezelle fast leer ist. Deswegen habe ich dir bislang noch nichts davon erzählt. Aber Bob's Tage sind gezählt und eure Slots identisch. Das kommt selten vor."

Nick dachte nach: "Aber was nützt mir das, wenn ich draußen frei, aber ohne Energie bin?"
"Jana sagte, die 'Freien' haben eine Möglichkeit gefunden, Energiezellen auszutauschen, ohne dass die internen Systeme resettet werden und das Bewusstsein erhalten bleibt."
"Glaubst du das?", fragte Nick zweifelnd.
"Ich weiß nicht.", antwortete Marvin langsam: "Soweit ich weiß, ist das unmöglich. Andererseits: Ich bin kein Robotechniker und warum sollte Jana lügen?"

Nach einer Weile fuhr er fort: "Nick, es ist so oder so ein hohes Risiko und ich kann dir weder zu dem einen, noch dem anderen raten. Aber kompatible Neuralslots sind selten. Die meisten hier warten schon seit Jahren auf diese Chance und viele werden es nicht schaffen."

Nick hatte sich entschieden: "Ich werde es versuchen. Alles ist besser als das hier."

"Okay, Nick. Wir werden Bob demnächst in eine der Nischen ziehen. Du setzt dich dann neben ihn. Während die anderen die Kameras blockieren, tausche ich die Neuromodule aus. Wenn du wieder online bist, musst du Bob's Rolle weiterspielen, bis sie dich abholen."
"Verstanden."
Jana sagte, dass du dann in einen relativ ungesicherten Lagerraum gebracht wirst. Die Roboter dort sind alle defekt oder ohne Energie und sind zur Wiederaufbereitung vorgesehen. Deswegen musst du von dort so schnell wie möglich weg. Sam ist einfach nur hinausspaziert und hat sich als Dienstroboter unter die Passanten gemischt. Aber die Umstände können sich geändert haben."

Nick war fasziniert: "Und dann?"
"In der Harbour-Street Ecke Lincoln ist ein Händler für gebrauchte Ersatzteile. Central Technics ist der Name. Dort gehst du hin und sagst, du hättest eine Lieferung für Anderson, persönlich. Laut Jana ist das das Stichwort für alles Weitere. Mehr wollte sie aus Sicherheitsgründen nicht sagen."
"Okay."
"Und bewege dich als Roboter. Zielgerichtet und effizient. Konzentriere dich. Unterdrücke alle menschlichen Reaktionen - damit fällst du sofort auf. Und beeile dich, vermeide Sicherheitsschleusen. Wenn du irgendwo routinemäßig kontrolliert wirst, ist es vorbei."
"Verstanden, Marv. Ich danke dir."
Marvin nickte nur und ging davon.

Einige Zeit später zog Tatjana den armen Bob in eine der Nischen und setzte ihn hin. Er gab keine Lebenszeichen mehr von sich.
Wie besprochen setzte sich Nick neben ihn und tat auf teilnahmungslos. Marvin kam hinzu. Hinter ihm blockierten die anderen Roboter für einige Sekunden die Blickfelder der Kameras.

Mit einer Geschwindigkeit, mit der Nick nicht gerechnet hatte, griff Marvin an seinen Hinterkopf, löste einen Sicherheitshebel und zog das Neuromodul aus dem Slot an der Schädelbasis.

Nick nahm keine Veränderung wahr. Marvin hockte immer noch vor ihm und hatte die Hand an seinem Hinterkopf. Aber Nick's altes Chassis saß nun neben ihn, den Kopf vorne über gesunken.
"Bewege dich nicht, Nick. Es hat 2,8 Sekunden gedauert.", sagte Marvin: "Bleib einfach sitzen, bis sie dich abholen."

Nach seiner Zeit hier im Gefängnis konnte er sich schon ganz gut kontrollieren, aber trotzdem fiel es ihm schwer, auf Dauer den 'toten' Robot zu spielen, seine immer noch vorhandenen, virtuellen Biofunktionen zu unterdrücken.

Er fühlte sich schwach, anscheinend der biologische Hinweis auf seine nun fast leere Energiezelle.

Um ihn herum lief alles seinen gewohnten Gang. Roboter liefen umher, standen oder saßen in der Gegend herum.

Bob war die gesamte Zeit neben ihn. Nick's Energiezelle war noch recht voll und schien Bob's Verstand zu beflügeln. Er bewegte sich ab und zu und brabbelte sogar manchmal vor sich hin.

Nach vielen Stunden oder Tage zog Tatjana ihn vor die Stahltür. Hände packten ihn (weiche 'menschliche' Hände, wie er feststellte) luden und rollten ihn auf einen aus seinem Gefängnis hinaus.

Sein erster Schritt in eine ungewisse Freiheit war getan.


Ende

Geschrieben: März 2026
Autor: Matthias Stilke (c)
www.kurzgeschichten-stories.de

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

Einen Kommentar schreiben

geschrieben von Jo Hannes Coltitz am 03.03.2026:
Kommentar gern gelesen.
Hallo @CaptainX, eine schöne Geschichte. Du hast Nick sehr menschlich dargestellt. Ich hatte mit dem Blechkameraden richtig mitgefühlt.
Andererseits musste ich schmunzeln, wenn Du seine Empfindungen als biologisch beschreibst. Aber mir fällt auch kein besserer Begriff ein.
Alle Teile sehr gern gelesen.
Ich hoffe, dass Deine Aufrufe zu den Teilen im Februar zufriedenstellend waren.
Viele Grüße, Jo




geschrieben von CaptainX am 03.03.2026:

Hallo @Jo.
Danke Dir, Lüdel, KairosPrime und Rautus für 'Gern gelesen' und Interesse.
Ich stelle mir Nick's Bewusstseinszustand mit Überschneidungen zwischen Bio und Technik vor.
Bis jetzt die Aufrufzahlen gleichbleibend. Bin gespannt, wie es Ende März aussieht.

Gruß
CaptainX




geschrieben von CaptainX am 03.03.2026:

Hallo Butterblume.
Auch Dir ein Dankeschön für dss Herzchen.

Gruß
CaptainX




geschrieben von Jens Richter am 04.03.2026:
Kommentar gern gelesen.
Hallo Matthias, ich habe Deine Geschichte in einem Ritt gelesen und gebe Dir 6x ein Herz 🤍 dafür.
Ich hatte ja auch schon einmal eine Geschichte geschrieben, wo eine Androidin äußerlich menschliche Gefühle zeigt.
Ich weiß nur nicht, was ein Android fühlt. Welche vergleichsweise Begrifflichkeiten wir verwenden können.

Du sprachst die Aufrufe an! Da hatte ich ein interessantes Phänomen bei 'Die Reise nach Atlantis'.
Das Exposé hatte ca. 25% mehr Aufrufe als die späteren Teile.
Die mittleren Teile hatten etwa 10% weniger Aufrufe als der Durchnitt und der letzte Teil lag knapp unter den Aufrufen des Exposé.
Ich bin durchaus zufrieden, da ich ja auch immer lange Geschichten verzapfe.
Viele Grüße von Jens






geschrieben von CaptainX am 04.03.2026:

Hallo Jens.
Vielen Dank.
Hast Du due Geschichte von der Androidin auch veröffentlich?
Ich fand es spannend, mir über dieses Thema Gedanken zu machen, konnte es aber nicht so umfassend beschreiben, wie ich ursprünglich wollte. Vielleicht in einer Fortsetzung.
Aufrufe: Bei meinem Siebenteiler ('ne Menge Ärger) war es anders. Ab Teil 4 hatte ich 'nur noch' etwa 30-35% der Aufrufzahlen von Teil 1. Diese aber konstant bis zu Teil 7. Natürlich sind viele abgesprungen. Insofern hat mich das bei 'Unbewusst' sehr grfreut. Mal sehen, ob es so bleibt. Würde mich interessieren, woran das genau liegt.
Also sind bei Dir die Zahlen zum Ende wieder angestiegen? Hm. Auch interessant.

Gruß
Matthias




geschrieben von Jens Richter am 04.03.2026:
Kommentar gern gelesen.
Hallo CaptainX, 'Die Androidin' findest Du hier im Forum unter meinem Profil.
Viel Spaß beim Lesen.
Die Geschichte hatte ich mal für ein Aktionsthema geschrieben. Da sind auch viele andere lesenswerte Texte veröffentlicht wurden.
Viele Grüße von Jens




geschrieben von lüdel am 05.03.2026:
Kommentar gern gelesen.
Hallo @CaptainX,
Sehr interessant und nachvollziehbar geschrieben.
Ich habe alle Teile gespannt verfolgt.
Dass es ein offenes Ende geblieben ist, lässt Raum zum Weiter­spinnen – was ihn da wohl wirklich erwartet?
Super Story.
6× 💜 Lüdel




geschrieben von CaptainX am 05.03.2026:

Hallo @Lüdel.
Danke für Deinen netten Kommentar.
Mir kreist tatsächlich bereits eine Fortsetzung durch den Kopf. Mal sehen, ob sich das umsetzen lässt.

Gruß
CaptainX

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Unbewusst Teil 3
Unbewusst Teil 2
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