Veröffentlicht: 18.04.2026. Rubrik: Nachdenkliches
Der Mann auf dem Dach
Als Marvin vor Jahren das Grundstück mit dem kleinen Haus darauf, das am Rande der Stadt lag, gekauft hatte, erregte er mit seiner Marotte, stundenlang regungslos auf dem Dach zu hocken, noch Aufmerksamkeit. Die Leute empfanden dieses seltsame Verhalten als ungebührlich. Manche versuchten, ihn im persönlichen Gespräch davon abzubringen. Andere intrigierten hinter seinem Rücken, um ihn wieder aus der Stadt zu vertreiben. Doch so sehr sie sich auch anstrengten, diesen Außenseiter auf ihre Linie zu bringen oder ihn loszuwerden, so erfolglos blieben sie mit ihren Bemühungen, die allesamt an ihm abprallten, wie Regen an dem gut gefetteten Gefieder einer Ente.
Irgendwann musste sich die Meute geschlagen geben. Um sich ihre Niederlage zu versüßen, ignorierten sie Marvin fortan und hofften, ihm damit wenigstens einen gehörigen Dämpfer verpasst zu haben.
Marvin hatte das Alles vorausgesehen. Beziehungsweise kannte er das Procedere aus seinem früheren Leben. Ihn brachten die Anfeindungen nicht aus der Ruhe, denn er wusste ja, dass der Tag kommen würde, an dem sie ihr Ende fanden und er seine Mission endlich erfolgreich zum Abschluss bringen könnte.
Schließlich trieb ihn kein Spleen dazu, tagtäglich aufs Dach zu klettern, um dort bei Wind und Wetter auszuharren. Genauso wenig war es ein Zufall, dass er ausgerechnet dieses Haus gekauft hatte, obwohl wesentlich attraktivere Objekte von den Immobilienmaklern der Stadt angeboten wurden, die er sich finanziell auch durchaus hätte leisten können. Weder Zustand noch Größe des Grundstückes beeinflussten seine Entscheidung, sondern ganz allein die Lag am Rande der Stadt.
Wie ein Wünschelrutenträger verborgene Wasseradern aufzuspüren vermochte, so beherrschte Marvin die Fähigkeit, die Wege der Gedankenströme zu erkennen, die ständig zwischen den Köpfen der Stadtbewohner pulsierten. An der Stelle, an der er jetzt saß, sammelte sich sämtliches Wissen der Einwohner und wurde hier ausgetauscht und zurückgegeben. Zumindest war es so bis zu Marvins Eintreffen. Seitdem zweigte er das Wissen für sich ab und füllte die Köpfe der Städter dafür mit längst veralteten Erkenntnissen. Das Perfide seiner Methode lag darin, dass sie ihre Verluste nicht mitbekamen, weil die plötzlich entstandenen Wissenslücken mit längst widerlegten Kenntnissen aufgefüllt wurden, die sie allerdings für Neues hielten.
Als Marvin mit seinem unseligen Wirken begann, bewegten sich die Leute mit effektiven Geräten von A nach B. Jetzt benutzten sie dafür Eselkarren. Die Wohlhabenderen saßen auf Pferden oder in von den Vierbeinern gezogenen Kutschen. Geniale Erfinder bastelten gerade an einer Vorrichtung, die das Rad ersetzen sollte. Auf Stangen, die am Pferderücken befestigt waren und zwischen die man Tücher spannte, sollten fortan die Waren transportiert werden. Das Lichtermeer, von dem die Siedlung nachts erleuchtet wurde, hatte längst der Dunkelheit Platz machen müssen. Fackeln und Laternen dienten jetzt dazu, in der Finsternis den Weg zu finden. Fernseher, Radio und Internet gab es nicht mehr. Wie zu Gutenbergs Zeiten entstanden Bücher und Zeitungen im Winkelhaken, in dem die beweglichen Lettern aneinandergereiht wurden, um dann zu Druckseiten zusammengestellt zu werden. Mit Kniehebelpressen brachte man die Texte anschließend aufs Papier. An den Universitäten tobten gerade Debatten über den realistischen Durchmesser der Erdscheibe. Astronomen zerbrachen sich die Köpfe, wie lange die Sonne brauchte, um einmal im Halbkreis über die Erde zu wandern.
Mit dem, was er angerichtet hatte, konnte Marvin zufrieden sein. Er schaltete sein Smartphone ein, um nach der nächsten Stadt Ausschau zu halten, die seiner „Hilfe“ bedurfte. Schnell wurde er fündig. Dabei fiel ihm auf, dass dieser Ort zu trauriger Berühmtheit gekommen war, weil man dort im Mittelalter namhafte Zweifler an den damals gängigen Doktrien kurzerhand als Ketzer auf Scheiterhaufen stellte. Solche Praktiken hatte Marvin seinen Opfern bisher nicht vermittelt. Vielleicht wurde es Zeit, jetzt damit zu beginnen?
Er sammelte seine Gedanken, um sie gen die Stadt zu schicken. Wie ein Schwarm unglückbringender Raben umschwirrte sie seinen Kopf und flatterten Richtung Häusermeer, sobald er ihnen die Befehle dazu gab.
Als er wenige Tage später sein Bündel gepackt hatte und sich anschickte weiterzuziehen, züngelten auf den Plätzen der Stadt bereits die ersten Flammen aus den aufgeschichteten Holzstößen …
Weitere Kurzgeschichten von mir gibt es auf meiner Webseite:
https://katermoritzspricht.de/fantasy-stories
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