Veröffentlicht: 12.05.2026. Rubrik: Satirisches
Eine Frage der Perspektive
Über Berlin war der Himmel im Verwaltungsgrau. Nur wenige schwache Sonnenstrahlen fanden den Weg zur Erde.
Friedrich, der Unbeliebte, stand am Fenster des Kanzleramts und betrachtete die Stadt wie eine schlecht gelaufene Bilanz.
Seine Umfragewerte fielen schneller als die Temperaturen, und selbst die eigenen Minister vermieden inzwischen längeren Blickkontakt.
Ihm machten die Umfragewerte sehr zu schaffen. Noch nie wurde ein Kanzler so schlecht bewertet.
Auch seine Minister waren alles andere als beliebt.
Doch er, als Kanzler, musste nach vorn schauen und den Weg weisen.

Friedrich nahm die Glocke und läutete nach seinem Praktikanten, Jens Aufderlauer.
„Jens“, begann der Kanzler das Gespräch, „meine Umfragewerte und die der Regierungsmannschaft sind im Keller. Wir müssen eine Initiative starten, um aus diesem Loch herauszukommen. Das sind wir unserem Volk schuldig.“
Friedrich hatte dem Volk Großes versprochen. Nach Amtsantritt musste er feststellen, dass das Volk doch wesentlich mehr Menschen umfasst als nur die Bewohner der Villen am Tegernsee und seine Mitstreiter aus dem Sauerland.
„Jens“, begann der Kanzler diese Unterredung, „um diesen Tiefpunkt unserer Regierungsarbeit zu durchschreiten, werde ich eine Bundesstelle für öffentliche Resilienz gründen.
Du wirst diese Bundesstelle im Range eines Staatssekretärs leiten.
Du bist jung und dynamisch.
Du bist voller Tatendrang.
Du wirst uns durch diese Talsohle führen.
Dass du so etwas kannst, hast du schon als Praktikant im Gesundheitsministerium bewiesen.
Aber denke immer daran“, sagte er fast drohend, „wie alt Adenauer geworden ist. Ich bin bei bester Gesundheit und habe auch nicht vor, eher als Adenauer aus diesem Amt zu scheiden. So schnell wirst du mich nicht beerben.“
Die Ära Merkel vermied Friedrich zu erwähnen. Sie ist immer noch ein Albtraum für ihn.
Jens war auf seine Berufung vorbereitet. Er ist ein Mann mit politischem Gespür und immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort.
„Vielen Dank, Friedrich“, sagte Jens. „Ich werde diese Aufgabe in deinem Sinne erfüllen.“
Noch am selben Tag berief Jens Vertraute in seine Bundesstelle für öffentliche Resilienz, die er für die Lösung dieser Aufgabe benötigte.
Um sicherzugehen, dass diese Kampagne ein Erfolg wird, schloss er auch externe Beraterverträge ab. Beraterfirmen lechzen regelrecht nach solchen Aufträgen.
Im Eröffnungsmeeting erklärte Jens seinen neuen Mitarbeitern, dass er eine Kampagne starten werde, die zur Verbesserung der Umfragewerte für den Kanzler und die Minister führen wird. In ihr soll erklärt werden, warum die Regierung trotz steigender Preise, sinkender Löhne und zusammenbrechender Infrastruktur „auf einem hervorragenden Weg“ ist.
„Wir benötigen dazu einen neuen Slogan“, sagte Jens, nahm seine Brille ab und putzte sie.
„Vermeiden Sie das Wort ‚Krise‘“, führte er weiter aus, „Krise“ klingt immer so negativ. Sehen Sie unsere Situation einfach positiv. Gibt es dazu Vorschläge?“
Die Mitarbeiter schauten betreten und ratlos auf den Fußboden. Eine junge Referentin hob den Arm. Nachdem ihr Jens das Wort erteilt hatte, sagte sie fast schüchtern: „Ich schlage vor, die Kampagne unter dem Slogan ‚Erfolg ist eine Frage der Perspektive‘ zu führen.“
Betretenes Schweigen. Nur sehr unsicher wagten die Mitarbeiter einen scheuen Blick zu Jens. Jens nahm zum Denken die Brille ab und fuhr mit einer Hand über die Stirn. Beim Aufsetzen der Brille rief er: „Einfach genial. Diesen Slogan werden wir umsetzen. Die öffentliche Wahrnehmung wirtschaftlicher Belastungen benötigt eine positivere Rahmung.“
Noch am selben Tag wurde die Kampagne gestartet.
Im Fernsehen erklärte eine Moderatorin strahlend: „Zwar können sich viele Bürger kein Fleisch mehr leisten, aber aus vegetarischer Perspektive ist das ein großer Fortschritt für den Klimaschutz.“
Ein anderer Sender berichtete: „Die Bahn kommt zwar durchschnittlich 48 Minuten zu spät, aber dadurch gewinnen Reisende wertvolle Zeit zur Selbstreflexion.“
Und ein führender Wirtschaftsexperte erklärte: „Früher nannte man es Erwerbslosigkeit. Heute nennen wir es: „Berufliche Horizonterweiterung mit flexiblem Einkommensverzicht.“
Auch Unternehmen entdeckten das Potenzial der Perspektive.
Ein großer Konzern entließ 8.000 Mitarbeiter und verkündete stolz: „Wir schaffen Raum für persönliche Neuanfänge.“
Eine Bank erhöhte sämtliche Gebühren. „Nicht teurer“, erklärte der Vorstandsvorsitzende, „sondern exklusiver.“
Die Regierung war begeistert. Das Land funktionierte plötzlich ausgezeichnet.
Statistiken wurden kreativ interpretiert:
Die Kriminalität stieg nicht mehr. Die Bürger beteiligten sich lediglich aktiver am gesellschaftlichen Austausch materieller Güter.
Krankenhäuser waren nicht überlastet. Sie arbeiteten nur mit maximaler Effizienz.
Als schließlich niemand mehr zwischen Wahrheit und Regierungssprache unterscheiden konnte, erklärte Jens Aufderlauer mit funkelnden Augen die Kampagne offiziell zum größten Kommunikationserfolg der Republik.
Wenige Wochen später veröffentlichten sämtliche Institute neue Umfragewerte.
Die Regierung lag nur noch bei 5 Prozent Zustimmung.
Friedrich, der Unbeliebte, lehnte am Fenster und schaute auf Berlin.
Der Himmel war mit dem hässlichen Schwarz-Grau eines Aktenordners bedeckt.
Kein Sonnenstrahl fand den Weg auf Berliner Boden.
Doch Friedrich gab sich zufrieden. „Aus der Perspektive einer Diktatur“, sagte er leise, „sind 5 Prozent Zustimmung erstaunlich viel.“
7x



