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4xhab ich gern gelesen
geschrieben 2026 von Hubert Staller.
Veröffentlicht: 19.04.2026. Rubrik: Satirisches


Vor meiner ersten Lesung

Meine größte Angst vor der ersten Lesung meiner satirischen Kurzgeschichten ist nicht das Lampenfieber. Auch nicht die Kritik, die ich erhalten könnte. Das Schweigen des Publikums nach einer Pointe werde ich auch verkraften. Meine größte Angst vor dieser Lesung ist das leise, kaum hörbare „Plopp“ im falschen Moment.
Seit Wochen bereite ich mich auf meine erste Lesung vor. Ich habe geübt, betont, gestikuliert. Ich habe dramatische Pausen einstudiert. Diese Pause, in der das Publikum gebannt an meinen Lippen hängt und auf die Pointe wartet. Andere Autoren fragen sich in diesem Moment: „Wird das Publikum lachen?“ Ich frage mich: „Bleibt mein Gebiss haften?“
Mein Gebiss ist mein täglicher Begleiter. Allerdings ein Unberechenbarer. Einer, dem ich nicht ganz trauen kann.
Die Werbung „Haftcreme – für ein unbeschwertes Leben mit den Dritten“ klingt zwar überzeugend, doch so unbeschwert ist mein Leben nicht.
„Sicherer Halt für den ganzen Tag!“ klingt auch kundenwirksam. Nur, gilt dieser Satz auch für meine letzte Geschichte? Ich werde die letzte Geschichte erst am späten Abend vortragen. Mein Mund wird trocken sein und die Haftcreme könnte sich lösen. Vielleicht verliert die Haftcreme schon bei der vorletzten Geschichte ihre Wirkung?
Das sind Fragen, die mich beschäftigen und einfach nicht loslassen.
Heute, während der Mittagszeit, habe ich einen Stresstest gemacht. Ich habe begonnen, Testlesungen vor dem Spiegel durchzuführen. Ich spielte dramatische Stellen nach: leises Flüstern, lautes Deklamieren. Ein-, zweimal, ein sehr lautes, hysterisches Lachen.
Das Ergebnis: nur ein leichtes Verrutschen meines Gebisses bei dieser emotionalen Übertreibung.
Doch: Meine Nachbarin trommelte an die Wohnungstür. Sie wies mich darauf hin, dass Mittagsruhe ist.
„Wenn du schreien möchtest, geh in den Wald, umarme einen Baum und schrei, so laut du kannst. Vielleicht kommt ein Jäger vorbei und erlöst dich“, sagte sie wütend und ging zurück in ihre Wohnung.
Trotz aller Vorbehalte und Abwägungen übe ich unbeirrt weiter. Um Ärger in der Nachbarschaft vorzubeugen, ohne lautes, hysterisches Lachen. Mit meiner Nachbarin darf ich es mir nicht verderben. Sie gießt immer meine Blumen, wenn ich urlaube.
Das Lesen meiner Geschichten übe ich mit einer gewissen Demut vor den physikalischen Grenzen der Haftcreme. Ich muss herausfinden, wann mich dieses unerwartete „Plopp“ überraschen könnte. Bis zur ersten Lesung wird mir das ganz sicher gelingen.
Aber am Ende zählt doch nur, dass die Pointe sitzt und die Geschichte haften bleibt.

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Hessehex am 19.04.2026:
Kommentar gern gelesen.
Lieber Hubert, wie gut ich Dich verstehe, habe ich doch das gleiche Problem. Ich meine die Haftcreme. Toll daß Du so ehrlich bist, Kompliment! Das ermutigt mich zum Einstellen einer sich über 2 Jahre hinziehenden Leidensgeschichte. Viel Spaß beim Lesen.....LG
PS. Seitdem habe ich immer Haftcreme in der Handtasche!

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