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geschrieben 2026 von Tantalos (Tantalos).
Veröffentlicht: 26.05.2026. Rubrik: Menschliches


Ein Befreiungsschlag

Björn erinnerte sich irgendwann ein weiteres Mal an seine Kindheit, in der er auf Geheiß seiner Eltern Klavierunterricht nehmen musste. Zwar hatte er es mit etwas Üben zu einer gewissen Beherrschung des Instrumentes gebracht, aber Spaß hatte es ihm nie bereitet. Der Klavierlehrer war ihm auch nie sympathisch. Irgendwann merkten das die Eltern und erlösten Björn von der so empfundenen musikalischen Marter. Nach dem Tod der Eltern etliche Jahre später stand das Klavier zusehends verstaubend in der Ecke.

Im Internet fand er beim mehr oder weniger ziellosen Suchen die Seite eines Fremdenverkehrsortes, der ihn interessierte. Bei den dortigen Veranstaltungen wurde für ein Mittelalterfest im gleichen Jahr geworben. Das ist etwas für mich, dachte er. Bei einem Mittelalterfest war ich schon lange nicht mehr! Glücklicherweise stellte er fest, dass die Veranstaltung dann stattfand, wenn er gerade Urlaub machen wollte.

Etwas elektrisierte ihn auf Anhieb. Als Attraktion für das Fest wurde der Aufbau und der Einsatz eines Trebuchets angekündigt. Toll, dass die sich die Mühe machen, eine solche mittelalterliche Wurfmaschine zu bauen und vorzuführen! Und auch noch ein so riesengroßes Exemplar! „Zur Demonstration des Trebuchets suchen wir noch große und nicht zu schwere Gegenstände, die wir zum katapultieren verwenden können“, hieß es weiter in der Beschreibung. Na, dann sollen die mal weitersuchen, dachte sich Björn.

Plötzlich kam ihm ein Einfall. Ein bestimmter Gegenstand in seinem Haus fiel ihm ein! Das wäre doch etwas! Bei der Beschreibung des Mittelalterfests waren Kontaktpersonen aufgelistet. Einem von ihnen schrieb Björn eine Mail, dass er etwas zur Verfügung stellen könne, sofern es nicht zu schwer sei. Einige Zeit später erhielt er die Antwort, dass sich der beschriebene Gegenstand sehr wohl als Wurfgeschoss eignen würde; allerdings müsse der Transport organisiert werden. Das ließ sich Björn nicht zweimal sagen. Er fand nach kurzer Suche einen Transportunternehmer, der die Lieferung zum gewünschten Zeitpunkt zum Ort des Festivals leisten wollte.

Voller Erwartung fuhr Björn zum Festival. Dort waren schon etliche Zelte und Bühnen aufgebaut, wo allerlei Händler Speisen, Getränke und Handwerkskunst anboten und Vorführungen stattfanden. Als Höhepunkt wurde die Funktion des Trebuchets demonstriert. Unter johlendem Applaus des Publikums wurden etliche große Steine, Autoreifen und ähnliches durch die Luft geschleudert. Teilweise flogen die leichteren Teile fast 100 Meter weit. „Und jetzt, meine Damen und Herren, kommen wir zum Höhepunkt der Vorführung. Ein freundlicher Mitmensch hat uns ein Klavier zur Verfügung gestellt. Das wird unser Trebuchet natürlich vor eine Herausforderung stellen, der wir uns aber gerne stellen wollen!“

In fiebriger Erwartung stand Björn mit seiner eigens gekauften Videokamera bereit, um den Abflug und vor allem die Landung des Klaviers festzuhalten. „Drei, zwei, eins, los!“ Der Sicherungsbolzen wurde gelöst, das schwere Gegengewicht begann sich zu senken, der lange Ausleger hob sich. Über die am äußersten Ende des Auslegers befestigte Schlaufe wurde das Klavier immer schneller gezogen und über die Hebelwirkung erstaunlich weit durch die Luft geschleudert. Das Publikum hielt den Atem an. Dann der Aufschlag. Lauter Applaus und Jubelschreie ertönten. Hunderte mehr oder weniger große Splitter und Klavier-Bestandteile wurden durch die Luft geschleudert.

Endlich bin ich von dem Ding endgültig befreit, fuhr es Björn durch den Kopf. Die Beschaffung der Kamera hatte sich für ihn insofern gelohnt, als er sich die einzelnen Phasen des Flugs und vor allem das fulminante Ergebnis des Aufschlags später immer wieder – auch in Zeitlupe – anschauen konnte.

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