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geschrieben von Tantalos.
Veröffentlicht: 15.07.2026. Rubrik: Spannung


Cassians Leben wird komplett zerlegt

An jenem Arbeitstag stieg Cassian in seinen Firmenwagen der oberen Mittelklasse und fuhr in Richtung Büro. Zwar fiel ihm irgendwie unterbewusst auf, dass seine Frau Eliane ihn nicht so herzlich verabschiedet hatte wie in früheren Zeiten, aber er war gedanklich schon bei einem wichtigen beruflichen Termin mit bedeutenden Kunden und vergaß dieses private Detail. Generell überließ er seiner Frau das Gestalten des gesellschaftlichen Lebens, vor allem den Kontakt zu Freunden.

Von der Landstraße kommend bog er auf die Autobahn ein und gab auf dem Beschleunigungsstreifen Gas, um dem nachfolgenden Lkw davon zu fahren. Aber es reichte nicht, weil Cassian dessen Geschwindigkeit unterschätzt hatte! Krachend fuhr der Lkw in das Heck des Autos.

Cassian schlug die Augen auf. „Wo bin ich?“ „Im Krankenhaus! Sie hatten einen schweren Unfall und sind nach fünf Tagen im Koma von der Intensivstation auf die Normalstation verlegt worden“, sagte die Ärztin. Langsam begann er, sich darüber klar zu werden, was passiert war. „Zum Glück hatten Sie Papiere bei sich, anhand derer wir Sie identifizieren konnten“, fuhr die Ärztin fort. „Ihre Frau hatten wir auch erreicht; sie kam aber erst nach zwei Tagen hierher, um sich nach Ihnen zu erkundigen“, ergänzte die Ärztin mit einem Ausdruck von Verwunderung. „Wie bitte?“, fragte Cassian. „Ja, so ist es! Das ist aber noch nicht alles. Weil Sie keine Vorsorgevollmacht haben, musste ein gerichtlich bestellter Betreuer eingesetzt werden.“ Hier rächte sich, dass Cassian jeglichen Gedanken an Vorsorge im Unglücksfall bisher von sich gewiesen hatte.

Später, als Cassian wieder etwas klarer denken konnte, weil die Schmerzmittel an Wirkung verloren, schaute eine Krankenschwester nach ihm. „Haben Sie keine Verwandten oder Freunde?“, fragte sie verwundert. „Doch, natürlich!“, reagierte Cassian total überrascht. „In den letzten Tagen, als Sie im Koma waren, hat aber niemand nach Ihnen gefragt!“ Cassians Überraschung steigerte sich bis zur kompletten Verwirrung. „Ihre Frau hat erst auf unseren Anruf hin reagiert.“

Am Nachmittag kam ein Vertreter der Personalabteilung seines Unternehmens ins Krankenhaus und überreichte ein Schreiben mit der Kündigung wegen Nichterfüllung des Arbeitsvertrages und andauernden unentschuldigten Fehlens. „Wieso denn das?“, schrie Cassian den Mitarbeiter der Personalabteilung an. „Ihre Frau sagte zum Geschäftsführer der Firma, dass Sie sowieso kündigen wollten. Also sind wir Ihrer förmlichen Kündigung nur zuvor gekommen. Außerdem hielten Sie es nicht für notwendig, sich bei der Firma wenigstens telefonisch zu melden.“ Niedergeschlagen sank Cassian in sein Bett zurück. Das auch noch! Wieso? Seine Gedanken rasten. Sollte seine Frau hinter seinem Rücken eine Intrige gesponnen haben? Weitere, in quälender Ungewissheit über seine Lage verbrachten Tage folgten. Hilfsbereite Grüne Damen suchten passende Kleidung für ihn zusammen. Ein Kontakt zu seiner Frau war nämlich immer noch nicht zustande gekommen; darüber war man im Krankenhaus allgemein sehr verwundert.

Glücklicherweise konnte nach dem Unfall neben seinen Papieren auch ein Notizbuch geborgen werden, in dem er aus purer Vorsicht handschriftlich einige Telefonnummern von Freunden eingetragen hatte. Vom Büro der Grünen Damen aus versuchte er zunächst, zuhause anzurufen. Da lief aber nur der Anrufbeantworter. Merkwürdig das alles, dachte er. Vielleicht können mir ja Freunde helfen, freute er sich. Wozu hat man sie schließlich? Gleich beim zweiten Versuch einer Kontaktaufnahme meldete sich die Frau eines Freundes. „Du wagst es, hier noch anzurufen, nach alle dem, was du der armen Eliane angetan hast?“, kam es in merklich aggressiver Stimmung aus dem Hörer. „Was sagst du da, Petra? Wie kommst du auf so etwas?“, stammelte Cassian ziemlich perplex. „Dann schau mal in deinen Instagram-Account!“, rief Petra wütend und legte auf.

Seltsam, nur noch seltsam, grübelte der verwirrte Cassian. Weitere Kontaktversuche verliefen ähnlich unerfreulich, geprägt von unverhohlen zum Ausdruck gebrachtem Abscheu gegenüber ihm. Langsam keimte in Cassian ein Verdacht auf. Im Büro der Grünen Damen konnte er einen Computer nutzen und loggte sich in seinen Account ein. Da traf ihn fast der Schlag. Haufenweise Fotos, die ihn in kompromittierenden Posen mit ihm fremden Frauen zeigten! Cassians Mund stand offen. Das muss mit KI gemacht worden sein! Warum machte sie nur so etwas? So ein Blödsinn, Eliane die Zugangsdaten für seinen Account zu geben! Schlagartig wurde ihm bewusst, wie dumm es war, ihr so ein Vertrauen zu schenken und ihr allein die Pflege der gesellschaftlichen Kontakte zu überlassen!

Am Tag seiner Entlassung aus dem Krankenhaus fuhr ihn eine Grüne Dame freundlicherweise nach Hause; sie wartete nicht ab, ob er das Haus betrat und fuhr weiter. Keine Reaktion auf sein Klingeln. Merkwürdig. Alles nur noch merkwürdig. Vielleicht war Eliane nicht zuhause, um etwas zu erledigen? Dabei war sie doch vom Krankenhaus über seinen Entlassungstermin informiert worden! Nachdem er etwas nachgedacht hatte, schlich er sich in den Garten, um dort die Rückkehr von Eliane abzuwarten. Es gab ja schließlich noch die gemütliche Sitzecke unter den Bäumen, wo er sich aufhalten wollte. Dort legte sich Cassian auf die Lauer; Bäume und Sträucher auf dem Grundstück verhinderten neugierige Blicke der Nachbarn.

Am frühen Abend kam Eliane endlich nach Hause und zwar in Begleitung des Anwalts Kühnhuber, den er wegen einer Angelegenheit vor einigen Jahren einschalten musste. Dabei machte er Kühnhuber mit Eliane bekannt. Das rächte sich jetzt. Aus der Entfernung sah er mit tödlichem Erschrecken, wie sich die beiden leidenschaftlich umarmten. Was zum Teufel war da los, fragte sich Cassian. Er bemerkte, dass ein Fenster zum Garten leicht offen stand und schlich sich näher heran. Der folgende Dialog zwischen den beiden zog Cassian den Boden unter den Füßen weg. „Gut, dass er weg ist. Soll er doch bleiben, wo der Pfeffer wächst. Hätte er nicht gleich beim Unfall abkratzen können?“ „Wo ist er überhaupt?“ „Keine Ahnung. Das Krankenhaus hat mitgeteilt, dass er entlassen wurde. Gut, dass ich die vollständige Vollmacht über seine Bankkonten habe.“ „Nächste Woche fliegen wir endlich los! Das Ferienhaus in Teneriffa wartet schon! Mein Sozius kann sich um die Auflösung des Hausstandes kümmern.“

Das alles traf Cassian mit voller Wucht. Totale Verzweiflung. Sein Bewusstsein über absolut fehlenden Rückhalt durch Freunde und Kollegen. Das waren die einzigen Gefühle in diesem Moment. Er fühlte sich regelrecht betäubt. Er bekam einen übelriechenden Schweißausbruch. So etwas kannte er von einer früheren, extrem stressigen Situation.

Nachdem er stundenlang in einer schwer einsehbaren Ecke im Garten Gedanken über sein vollkommen zerplatztes Leben hin und her wälzte, fasste er einen Entschluss. Er stand in der mittlerweile dunklen Nacht auf und ging zum Ufer des Flusses inmitten der Stadt. Auf einer früheren Fahrt entlang des Flusses fielen ihm dort hausende Obdachlose auf. Wie sorglos doch deren Leben ist, dachte er sich damals, als er sich gerade in einer schwierigen beruflichen Situation befand. So, und nun war er selbst dort!

In den kommenden Monaten richtete er sich unter einer der Brücken ein und pflegte Freundschaften zu seinen neuen Bekannten. Sofern man diese so nennen konnte, dachte er bei sich, an sein früheres, konträres und manchmal elitär auftretendes Umfeld denkend.

Eines Tages bekam Cassian von einem seiner Kumpels ein paar Sachen, die in eine gebrauchte Zeitung aus den Vortagen eingewickelt waren. Dankbar nahm er das Päckchen an und warf, einer früheren Gewohnheit folgend, einen Blick in die Zeitung. Eine Meldung traf ihn unvermittelt. „Stadtbekannter Anwalt Kühnhuber und seine Geliebte tödlich verunglückt.“ Nachdem sich seine Überraschung bei der Lektüre über den Tod längst vergessen geglaubter Menschen gelegt hatte, entspannte er sich und empfand Genugtuung. Es gibt also doch noch eine höhere Gerechtigkeit! Danach warf er die Zeitung weg und machte sich über seine Flasche Billigrotwein her.

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