Veröffentlicht: 17.07.2026. Rubrik: Persönliches
Alles Wert
Kapitel 1 – Das smaragdgrüne Geheimnis
„Meinst du, Schwarz?“
Tino hob den Blick aus der Zeitung.
„Für eine Gala? Schwarz geht immer.“
Lela verzog das Gesicht.
„Genau deshalb vielleicht nicht.“
Sie stellte ihre Kaffeetasse auf den Tisch und lächelte.
„Wir haben unser ganzes Leben gearbeitet. Wenn wir schon einmal auf eine Gala gehen, dann möchte ich nicht aussehen wie alle anderen.“
Tino nickte.
„Abgemacht. Aber wir verraten uns nichts.“
„Nichts.“
Sie streckte den kleinen Finger aus.
Er hakte seinen ein.
„Überraschung.“
Zwei Tage später stand Lela vor einem Spiegel.
Sie betrachtete sich lange.
Mit ihren vierundsechzig Jahren wurde sie meist auf knapp fünfzig geschätzt.
„Die Gene“, sagte sie immer lachend.
Ihre Mutter hatte mit siebzig kaum Falten gehabt.
Ob es wirklich nur die Gene waren?
Vielleicht.
Vielleicht auch die Freude am Leben.
Vielleicht die Sorgfalt, mit der sie ihre Haut pflegte.
Vielleicht von allem etwas.
Sie war ein Meter fünfundsiebzig gross, wog fünfundfünfzig Kilogramm und trug Konfektionsgrösse sechsunddreissig.
Ihre dunkelbraunen Haare fielen bis zur Mitte des Rückens.
Nur eine einzige silberne Strähne zog sich durch das dichte Haar.
Sie hatte nie versucht, sie zu färben.
„Irgendwo muss das Alter ja sichtbar sein“, sagte sie manchmal schmunzelnd.
Sie schlüpfte in ein Paar schwarze Stilettos.
Zwölf Zentimeter.
Sie machte ein paar Schritte.
Als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.
Früher hatte sie nebenbei als Model gearbeitet.
Der Körper vergass solche Dinge offenbar nicht.
Die Verkäuferin beobachtete sie lächelnd.
„Sie tragen hohe Absätze, als wären es Turnschuhe.“
Lela lachte.
„Das sagen viele.“
Sie blieb vor einer Reihe Abendkleider stehen.
Gold.
Silber.
Schwarz.
Rot.
Wunderschön.
Und doch...
Sie schüttelte langsam den Kopf.
Nein.
Sie wollte nicht schön sein.
Nicht heute.
Sie wollte...
Sie wusste es selbst nicht genau.
Sie setzte sich in einen Sessel.
Was will ich eigentlich erreichen?
Dass sich alle nach mir umdrehen?
Nein.
Oder doch ein wenig?
Dass ich mich schön fühle?
Ja.
Dass Tino mich ansieht, als hätte er mich gerade zum ersten Mal gesehen?
Sie musste lächeln.
Das gefiel ihr.
Sie stand wieder auf.
„Ich glaube“, sagte sie zur Verkäuferin, „ich suche etwas Mutigeres.“
Die Verkäuferin nickte, als hätte sie genau diese Antwort erwartet.
„Darf ich Ihnen eine Frage stellen?“
„Natürlich.“
„Suchen Sie ein Kleid... oder einen Auftritt?“
Lela antwortete nicht sofort.
Sie blickte noch einmal zu den Abendkleidern.
Sie waren alle wunderschön.
Makellos.
Und vollkommen austauschbar.
Langsam wandte sie sich wieder der Verkäuferin zu.
„Einen Auftritt.“
Ein feines Lächeln huschte über das Gesicht der Verkäuferin.
„Dann kommen Sie bitte mit.“
Sie führte Lela nicht zu einer weiteren Kleiderstange.
Stattdessen öffnete sie eine schmale Tür neben den Umkleidekabinen.
Dahinter lag ein kleiner Salon.
Der Lärm des Geschäfts blieb augenblicklich zurück.
Die Wände waren dunkel gehalten.
Ein dicker Teppich verschluckte jedes Geräusch.
In der Mitte des Raumes stand nur eine Schneiderpuppe.
Darüber fiel ein einzelner Lichtkegel.
Lela blieb stehen.
Auf der Puppe hing kein Kleid.
Zumindest keines, das sie je zuvor gesehen hatte.
Ein tief smaragdgrünes, hochgeschlossenes Oberteil schimmerte seidig im Licht.
Darunter floss schwarzer Chiffon bis zum Boden.
Leicht.
Fast schwerelos.
Es wirkte gleichzeitig schlicht und gewagt.
Elegant und geheimnisvoll.
Lela trat langsam näher.
Ihre Fingerspitzen berührten den Stoff.
Der Chiffon glitt beinahe lautlos zwischen ihren Fingern hindurch.
Sie schloss für einen Moment die Augen.
Früher hatte sie gelernt, dass manche Kleider einen Menschen schmückten.
Andere veränderten ihn.
Als sie die Augen wieder öffnete, bemerkte sie den Blick der Verkäuferin.
„Die meisten Frauen trauen sich nicht“, sagte diese ruhig.
Lela lächelte.
„Dann bin ich wohl nicht die meisten.“
Die Verkäuferin erwiderte das Lächeln.
„Nein.“
Sie nahm das Outfit vorsichtig von der Schneiderpuppe.
„Ich glaube... Sie sind genau die Frau, für die es entworfen wurde.“
Kapitel 2 – Die Verwandlung
Die Verkäuferin reichte ihr das Outfit.
„Die Umkleidekabine ist dort drüben. Nehmen Sie sich Zeit.“
Lela nickte.
Mit dem smaragdgrünen Stoff über dem Arm verschwand sie hinter dem schweren Vorhang.
Sie legte ihre Kleidung sorgfältig auf den kleinen Sessel.
Dann begann sie, sich anzuziehen.
Zuerst die schwarzen Nahtstrümpfe.
Sie strich die feine Naht an der Rückseite ihrer Beine glatt und musste unwillkürlich lächeln.
Es war Jahre her.
Darüber folgte der schlichte schwarze Body.
Er wollte nicht auffallen.
Er war die Leinwand.
Dann zog sie das smaragdgrüne Oberteil über.
Der Stoff fühlte sich kühl an.
Der hohe Rollkragen schmiegte sich weich an ihren Hals.
Ärmellos.
Klar.
Elegant.
Sie betrachtete sich kurz im Spiegel.
Noch wirkte alles erstaunlich schlicht.
Als Nächstes nahm sie das feine Schmuckband zur Hand.
Behutsam legte sie es um ihren linken Oberschenkel.
Es erinnerte an ein luxuriöses Strumpfband, bestand jedoch aus filigranem Weißgold und kleinen funkelnden Steinen.
Nicht aufdringlich.
Fast unscheinbar.
Sie wusste bereits jetzt, dass es nicht dafür gedacht war, ständig gesehen zu werden.
Anschließend schloss sie das zarte Fußkettchen um ihren rechten Knöchel.
Ein letzter Blick.
Ein kaum wahrnehmbares Lächeln.
Zum Schluss legte sie die filigrane Belly Necklace an.
Der feine Schmuck legte sich wie eine schimmernde Linie um ihre Taille.
Jetzt fehlte nur noch der eigentliche Mittelpunkt.
Die schwarze Chiffonhose.
Schon als sie hineinschlüpfte, spürte sie den Unterschied.
Der Stoff fiel nicht.
Er schwebte.
Federleicht legten sich die weiten Bahnen übereinander.
Sie bewegte probeweise ein Bein.
Der Chiffon folgte jeder Bewegung mit einer Selbstverständlichkeit, als hätte er ein Eigenleben.
Lela schlüpfte in ihre schwarzen Stilettos.
Sie richtete sich auf.
Ganz automatisch fanden die Schultern ihre alte Haltung.
Der Rücken wurde gerade.
Das Kinn hob sich leicht.
Nicht gespielt.
Nicht bewusst.
Der Körper erinnerte sich.
Langsam trat sie aus der Umkleide.
Die Verkäuferin sah auf.
Sie sagte nichts.
Sie trat lediglich an einen Dimmer neben der Wand.
Das helle Licht des Salons wurde etwas gedämpft.
Nur ein einzelner Spot blieb eingeschaltet.
„Kommen Sie bitte einen Schritt näher.“
Lela trat unter den Lichtkegel.
„Noch einen.“
Sie folgte der Aufforderung.
„Und jetzt drehen Sie sich langsam.“
Lela tat es.
Im Spiegel geschah etwas Merkwürdiges.
Der schwarze Chiffon begann sich zu verändern.
Nicht überall.
Nicht vollständig.
Dort, wo das Licht schräg von oben einfiel, wurde der Stoff für einen flüchtigen Augenblick durchscheinend.
Gerade genug.
Als sie langsam einen Schritt machte, fing der Chiffon das Licht ein. Für einen flüchtigen Augenblick zeichnete sich ihre elegante Silhouette unter dem hauchzarten Stoff ab. Die feine Naht der schwarzen Strümpfe verlief schnurgerade bis zur Ferse und ließ ihre ohnehin außergewöhnlich langen Beine beinahe endlos erscheinen, bevor der Stoff sie im nächsten Moment wieder verhüllte.
Das feine Schmuckband an ihrem linken Oberschenkel blitzte auf.
Verschwand wieder.
Beim nächsten Schritt fing das Fußkettchen das Licht ein.
Ein winziger Lichtreflex glitt unter dem Chiffon hervor und verschwand ebenso schnell wieder.
Es war als würde das Outfit mit dem Licht spielen.
Die Verkäuferin lächelte.
„Jetzt verstehen Sie es.“
Lela konnte den Blick nicht mehr vom Spiegel lösen.
„Ja.“
„Dieses Outfit ist eine optische Naturgewalt.“
Die Verkäuferin trat neben sie.
„Es schenkt jedem Betrachter einen anderen Moment. Manche sehen zuerst das Smaragdgrün. Andere den fließenden Chiffon. Wieder andere entdecken erst beim zweiten Blick das Schmuckband oder das Fußkettchen.“
Lela drehte sich noch einmal langsam.
Der Stoff schwebte lautlos um ihre Beine.
Sie sah aus wie eine Frau, die genau wusste, wer sie war.
Ein leises Lächeln erschien auf ihrem Gesicht.
„Ich nehme es.“
Kapitel 3 – Das Versprechen
Am nächsten Morgen war Lela ungewöhnlich früh wach.
Tino saß bereits am Küchentisch und blätterte durch die Zeitung. Der Duft von frisch gemahlenem Kaffee erfüllte die Wohnung.
„Na?“, fragte er, ohne aufzusehen. „Erfolgreich gewesen?“
Lela lächelte.
„Vielleicht.“
„Vielleicht?“
Sie stellte ihre Tasse auf den Tisch.
„Wir hatten doch vereinbart, dass wir uns gegenseitig überraschen.“
Tino hob ergeben beide Hände.
„Stimmt. Keine Fragen.“
„Genau.“
Sie nahm einen Schluck Kaffee.
„Aber ich habe eine Bitte.“
Jetzt legte Tino die Zeitung beiseite.
„Welche?“
„Such dir ein Accessoire in Smaragdgrün aus.“
Er sah sie einen Moment fragend an.
„Smaragdgrün?“
Sie nickte.
„Nur eine Kleinigkeit.“
„Damit wir zusammenpassen?“
Ein zufriedenes Lächeln huschte über ihr Gesicht.
„Genau.“
Tino grinste.
„Das bekomme ich hin.“
Sie betrachtete ihn einen Augenblick schweigend.
Seit fast vierzig Jahren gingen sie gemeinsam durchs Leben.
Sie hatten Unternehmen aufgebaut, Krisen überstanden, unzählige Entscheidungen getroffen und mehr gearbeitet, als sie sich jemals vorgenommen hatten.
Doch eines war nie verloren gegangen.
Die Freude daran, den anderen glücklich zu sehen.
„Aber übertreib es nicht“, sagte Lela mit einem Augenzwinkern.
„Ich? Niemals.“
Sie musste lachen.
„Das glaube ich dir sogar.“
Tino stand auf und küsste sie sanft auf die Stirn.
„Heute Nachmittag habe ich die letzte Anprobe.“
„Ich weiß.“
„Und du?“
„Ich hole mein Kleid ab.“
Einen kurzen Moment sahen sie sich an.
Beide wussten, dass sie an diesem Abend etwas Besonderes füreinander aussuchen würden.
Und beide waren fest entschlossen, nichts davon zu verraten.
Kapitel 4 – Die grüne Spur
Am Nachmittag trat Tino aus dem grellen Sonnenlicht in die kühle, holzgetäfelte Ruhe des Ateliers.
Der Duft von feinem Tuch, Leder und Bienenwachs lag in der Luft.
Hier schien die Zeit langsamer zu vergehen.
Der Schneider, ein älterer Herr mit silbergrauem Haar und einem Maßband um den Nacken, blickte auf.
„Herr Brenner. Pünktlich wie immer.“
„Guten Tag.“
„Ihr Smoking wartet bereits.“
Tino folgte ihm in den hinteren Bereich des Ateliers.
Auf einer Schneiderpuppe hing ein blauschwarzer Smoking.
Zeitlos.
Elegant.
Der Schneider half ihm in das Sakko.
Es schmiegte sich über seine breiten Schultern, ohne sie künstlich zu betonen.
Die weiche Schulterpartie folgte seiner natürlichen Statur, während das steigende Spitzrevers den Blick nach oben führte und seiner Erscheinung eine ruhige, selbstverständliche Präsenz verlieh.
Er schloss den einzelnen Knopf.
Der Schneider trat einen Schritt zurück.
„Jetzt stimmt alles.“
Tino betrachtete sich im Spiegel.
Er war nie ein Mann gewesen, der viel Wert auf Kleidung gelegt hatte.
Ein Hemd musste sauber sein.
Ein Anzug gut sitzen.
Mehr hatte ihn jahrzehntelang kaum interessiert.
Doch heute war es anders.
Nicht wegen des Smokings.
Sondern weil Lela ihn sehen würde.
Er richtete die schwarze Seidenfliege.
„Es gibt Männer“, sagte der Schneider ruhig, „die tragen einen Smoking.“
Er machte eine kurze Pause.
„Und Männer, für die er gemacht scheint.“
Tino lächelte.
„Danke.“
Da fiel ihm Lelas Bitte wieder ein.
Such dir ein Accessoire in Smaragdgrün aus.
„Haben Sie zufällig Manschettenknöpfe in grün oder besser smaragdgrün?“
Der Schneider nickte sofort.
„Ich glaube sogar die richtigen.“
Er öffnete eine kleine Vitrine und legte eine Samtschatulle auf den Tisch.
Darin lagen quadratische Manschettenknöpfe aus Weißgold.
In ihrer Mitte saß jeweils ein tiefgrüner, quadratisch geschliffener Smaragd.
Das Grün erinnerte an einen stillen Bergsee im Schatten dichter Tannen.
„Subtil“, sagte der Schneider.
„Genau richtig.“
Tino nahm einen der Knöpfe in die Hand.
Das kühle Metall fühlte sich angenehm schwer an.
Er lächelte.
„Die nehme ich.“
Eine Viertelstunde später verließ er das Atelier.
Die Kleiderhülle hing über seinem Arm.
Eigentlich wollte er direkt zum Auto gehen.
Doch Lelas Wunsch ließ ihn nicht los.
Smaragdgrün.
Unwillkürlich blieb er vor dem Schaufenster des alteingesessenen Juweliers nebenan stehen.
Sein Blick wanderte über Diamanten, Rubine und Saphire.
Dann blieb er hängen.
Auf dunkelblauem Samt lag ein Paar Ohrringe.
Filigran gearbeitet.
Aus Weißgold.
An einer feinen, mit winzigen Diamanten besetzten Kette schwebte jeweils ein tropfenförmiger Smaragd.
Im Licht der Schaufensterbeleuchtung schienen die Steine von innen zu leuchten.
Bei jedem kaum wahrnehmbaren Luftzug bewegten sie sich leicht.
Grüne Lichtreflexe tanzten über den dunklen Samt.
Wie angewurzelt blieb Tino stehen.
Er sah nicht die Ohrringe.
Er sah Lela.
Er sah ihre aufrechte Haltung.
Ihre markanten, klassischen Gesichtszüge.
Die dunklen Locken.
Und jene einzelne silberne Strähne, die sie nie gefärbt hatte.
Er stellte sich vor, wie die Smaragde knapp über ihren Schultern schwebten und sich bei jeder Bewegung sanft im Licht der Kronleuchter drehen würden.
Er lächelte.
Lela würde vermutlich den Kopf schütteln.
"Tino ... bist du verrückt geworden?"
Wahrscheinlich hätte sie recht.
Er dachte an die vergangenen Jahrzehnte.
An all die Arbeit.
An die langen Tage.
An die Rückschläge.
An das Glück, das sie sich trotz allem bewahrt hatten.
Er betrat den Laden.
Der Preis, den der Juwelier nannte, war astronomisch.
Es war unvernünftig.
Für einen einzigen Abend.
Der Juwelier legte die Ohrringe auf ein dunkles Samttuch.
Tino strich vorsichtig mit dem Daumen über das kühle Weißgold.
Sie ist es wert.
Ein warmes Gefühl breitete sich in seiner Brust aus.
Sie ist alles wert.
Er hob den Blick.
„Ich nehme sie.“
Der Juwelier nickte.
„Als Geschenk?“
Tino lächelte.
„Ja.“
Eine kurze Pause.
„Sie sind für meine Frau.“
Kapitel 5 – Das Rendezvous
Lela stand vor dem großen Spiegel im Schlafzimmer und legte letzte Hand an.
Ihre voluminösen, dunklen Locken hatte sie elegant hochgesteckt, sodass ihr Nacken frei blieb. Die silberne Strähne spiegelte das warme Licht der Lampe wider und zog eine edle Linie an ihrer Schläfe vorbei.
Sie korrigierte den Sitz des smaragdgrünen Rollkragens, sprühte einen Hauch Parfum auf ihre Handgelenke und glättete mit einer fließenden Bewegung die weiten Bahnen ihrer schwarzen Chiffonhose.
Sie schlüpfte in ihre schwarzen Stilettos.
Sofort veränderte sich ihre Haltung.
Die Schultern wanderten zurück.
Der Rücken streckte sich.
Sie war bereit.
Als sie die Wohnzimmertür öffnete, stand Tino bereits am Fenster, den Rücken zu ihr gewandt. Ein Glas Wasser hielt er locker in der Hand.
„Tino?“, sagte sie leise.
Er drehte sich um.
Und blieb wie angewurzelt stehen.
Das Glas in seiner Hand zitterte kaum merklich.
Sein Blick wanderte langsam über sie.
Vom smaragdgrünen Rollkragen über ihre schmale Taille bis zu den weiten Bahnen des schwarzen Chiffons, der ihre langen Beine einmal verbarg und im nächsten Augenblick ihre elegante Silhouette nur erahnen ließ.
Er sagte nichts.
Er konnte nicht.
„Lela …“
Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
„Du bist …“
Er schüttelte leicht den Kopf.
„Mir fehlen die Worte.“
Ein warmes, wissendes Lächeln erschien auf ihren Lippen.
Doch dann wanderte ihr Blick zu ihm.
Und nun war sie es, die für einen Augenblick den Atem anhielt.
Der mitternachtsblaue Smoking saß perfekt.
Die weichen, ungepolsterten Schultern folgten seiner natürlichen Statur. Das dunkle Spitzrevers verlieh dem Anzug Eleganz, ohne aufdringlich zu wirken.
Er wirkte ruhig.
Selbstbewusst.
Zeitlos.
Ein Mann, der keinen Schmuck und keine großen Gesten brauchte, um Eindruck zu hinterlassen.
Als er einen Schritt auf sie zuging, hob er beiläufig die Arme, um seine Manschetten zu richten.
Ein grüner Lichtreflex blitzte auf.
Lelas Augen wurden schmal.
Sie trat näher, nahm seine Handgelenke behutsam in ihre Hände und betrachtete die Manschettenknöpfe.
Quadratische Smaragde.
Gefasst in kühles Weißgold.
„Smaragdgrün …“, flüsterte sie bewundernd.
„Echt?“
Tino nickte lächelnd.
„Ich dachte, sie könnten zu deinem Kleid passen.“
Sie sah ihn an.
„Tino … sie sind wunderschön.“
Sie schüttelte ungläubig den Kopf.
„Die müssen ein Vermögen gekostet haben.“
Sie ließ seine Hände los, trat einen halben Schritt zurück und legte den Kopf leicht schräg.
Ein verschmitztes Funkeln erschien in ihren Augen.
„Aber weißt du was? Wenn ein Mann sich für eine Gala solche Manschettenknöpfe gönnt … dann darf seine Frau doch bestimmt ebenfalls auf eine kleine Aufmerksamkeit hoffen.“
Sie hob gespielt fragend die Augenbrauen.
„Wo bleibt mein Smaragd?“
Tino sah sie einen Moment völlig ernst an.
Dann musste er lächeln.
„Du hast recht.“
Er griff in die Innentasche seines Sakkos.
Langsam zog er eine kleine, schwere Samtschatulle hervor.
Lela verstummte.
Er trat dicht vor sie.
So nah, dass sie seinen vertrauten Duft wahrnehmen konnte.
Mit einem leisen Klicken öffnete er die Schatulle.
Auf dunklem Samt lagen die Ohrringe.
Filigranes Weißgold.
Zwei tropfenförmige Smaragde.
Tiefgrün.
Leuchtend und funkelnd.
Als hätten sie das Licht des ganzen Raumes eingefangen.
Lela hielt unbewusst den Atem an.
Ihre Hand wanderte langsam zu ihrem Mund.
Das spielerische Lächeln verschwand.
An seine Stelle trat sprachlose Rührung.
„Tino …“
Mehr brachte sie nicht hervor.
Er nahm vorsichtig einen der Ohrringe aus der Schatulle.
Seine Finger streiften sanft ihr Ohr, als er ihn einsetzte.
Einen Augenblick später folgte der zweite.
Dann trat er einen Schritt zurück.
Die Smaragde schwebten nun knapp über ihren Schultern.
Bei jeder kleinen Bewegung ihres Kopfes fingen sie das Licht ein und ließen grüne Reflexe über den Stoff ihres Rollkragens tanzen.
Sie verbanden ihre dunklen Locken, die silberne Strähne und das Kleid zu einem harmonischen Ganzen.
Tino betrachtete sie einen langen Moment.
„Du bist es wert, Lela.“
Seine Stimme war ruhig.
„Du bist alles wert.“
Er machte eine kurze Pause.
„Ich wollte einfach, dass du dich heute Abend genauso besonders fühlst, wie du für mich bist.“
Lela sah ihn an.
Ihre Augen glänzten feucht.
Doch ihr Lächeln war voller Wärme und Liebe.
„Danke“, flüsterte sie.
Mehr musste sie nicht sagen.
Tino hielt ihr seinen Arm hin.
„Darf ich bitten?“
Lela hakte sich bei ihm ein.
Gemeinsam traten sie hinaus.
Die Wohnung blieb still zurück.
Vor ihnen lag ein Abend, den sie nie vergessen würden.
Kapitel 6 – Noch einen Moment
Wenig später saßen sie im gedimmten Licht der Limousine.
Ihre Hände waren fest ineinander verschlungen.
Keiner von beiden sagte ein Wort.
Sie mussten nicht.
Das sanfte Summen des Motors erfüllte den Innenraum, während draußen die Lichter der Stadt langsam an den getönten Scheiben vorbeiglitten.
Es war einer jener seltenen Augenblicke, in denen vollkommenes Glück keine Worte brauchte.
Doch nach und nach veränderte sich das Geräusch.
Das tiefe Brummen des Motors wurde leiser.
Weicher.
Es verlor seine Vibration und zerfiel langsam in helle, feine Töne.
Tino runzelte im Traum leicht die Stirn.
Klingen moderne Motoren wirklich wie Vögel am Morgen?
Das Summen verschwand.
An seine Stelle trat das leise Rascheln einer Bettdecke.
Tino blinzelte.
Helles Morgenlicht fiel durch die schmalen Schlitze der Jalousien und zeichnete helle Streifen auf die Bettdecke.
Langsam drehte er den Kopf.
Neben ihm lag Lela.
Sie schlief tief und fest.
Nur Ihr ruhiger Atem verriet, wie tief sie schlief.
Ein paar dunkle Locken lagen ungeordnet auf dem Kopfkissen.
Von Smaragden keine Spur.
Keine Chiffonhose.
Keine Limousine.
Keine Gala.
Nur sie.
Ein leises Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus.
Was für ein wunderschöner Traum.
Noch einen Augenblick blieb er einfach liegen und betrachtete sie.
Dann nahm er vorsichtig ihre Hand in seine.
Sie schlief weiter.
Unwissend.
Tino lächelte.
Der Traum war vorbei.
Das Gefühl nicht.
Er drückte ihre Hand ganz sanft.
Und fasste einen Entschluss.
Heute würde er ihr sagen, wie schön sie noch immer für ihn ist und wie sehr er sie liebt.
Nicht irgendwann.
Heute.
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