Veröffentlicht: 18.07.2026. Rubrik: Spannung
Melazios und das blaue Juwel
Fortsetzung zu Melazios und die goldene Platte.
Kapitel 6 – Die Rückkehr
„Du willst wirklich noch einmal dorthin?“
Sanguizios blickte von der Sternkarte auf.
Melazios nickte.
„Ja.“
„Weshalb? Das B.A.C.H.-Protokoll hat dein Leben verändert. Du hast alles gefunden, wonach ein Schrottsammler suchen kann.“
„Eben nicht.“
Sanguizios lächelte.
„Du hast Geld.“
„Ja.“
„Du hast deine vierte Hochzeit bezahlt.“
„Ja.“
„Du besitzt das modernste Schiff unserer Flotte.“
„Auch das.“
Sanguizios verschränkte die Arme.
„Was fehlt dir also noch?“
Melazios schwieg einen Moment.
Dann blickte er zum Hologramm des blauen Planeten.
„Verständnis.“
„Wofür?“
„Für sie.“
Sanguizios folgte seinem Blick.
Er legte seine glatte, blau schimmernde Hand auf das Steuerpult. Neben ihm trommelte Melazios gedankenverloren mit den Fingerspitzen seiner grünlich schuppigen Hand auf die Armlehne.
Seit ihrer Kindheit waren sie unzertrennlich gewesen.
Dass ihre Mütter Schwestern waren, während ihre Väter unterschiedlichen Spezies angehörten, hatte in ihrer Familie nie jemanden interessiert. Im Fogarsystem war das so gewöhnlich wie unterschiedliche Augenfarben.
„Außerdem“, sagte Sanguizios grinsend, „brauchtest du doch nur einen Vorwand, um wieder zum blauen Juwel zu fliegen.“
Melazios erwiderte das Grinsen.
„Vielleicht.“
Sanguizios legte den Steuerhebel seines Schiffes nach vorn. Die Sterne begannen zu langen Lichtstreifen zu verschwimmen.
Melazios nickte.
„Das blaue Juwel hat seine Geheimnisse noch nicht alle preisgegeben.“
„Du hoffst auf mehr Artefakte?“
„Nein.“
Melazios lächelte.
„Auf Antworten.“
Der blaue Planet erschien langsam vor ihnen.
Diesmal war etwas anders.
Bereits Millionen Kilometer vor dem Ziel schlugen die Instrumente an.
„Merkwürdig“, murmelte Sanguizios.
„Die Hintergrundstrahlung liegt weit über dem galaktischen Durchschnitt.“
Melazios runzelte die Stirn.
„Nicht natürlich.“
Sanguizios überprüfte die Sensoren erneut.
„Vor ungefähr fünfhunderttausend Jahren muss hier etwas passiert sein.“
Sie schwiegen.
Der Planet wirkte friedlich.
Weiße Wolken.
Blaue Ozeane.
Grüne Kontinente.
Und doch war keine einzige aktive Funkquelle mehr zu finden.
Keine Satellitennetze.
Keine Raumschiffe.
Keine Städte.
Nur Ruinen.
„Die Menschen sind ausgestorben.“
Sanguizios sprach den Satz leise aus.
Melazios antwortete nicht.
Er hatte gehofft, irgendwo noch Nachfahren jener Spezies zu finden, deren Artefakte ihn seit Jahren faszinierten.
Stattdessen war der Planet still.
„Ich kann nicht hinunter.“
Sanguizios deutete auf die Strahlungsanzeige.
„Meine Zellen würden innerhalb weniger Stunden versagen.“
Melazios betrachtete seine eigene Haut.
Zwischen den feinen grünlichen Schuppen schimmerte das Tripokalin.
Seine Vorfahren hatten sich auf dem zweiten der fünf habitablen Planeten des Fogarsystems entwickelt, einer Welt mit einer natürlichen Strahlung, die fast zehnmal höher war als auf den übrigen Planeten. Was dort einst über Leben und Tod entschieden hatte, war längst Teil ihrer Biologie geworden.
Das Pigment absorbierte ionisierende Strahlung, bevor sie Schäden an den Zellen verursachen konnte.
„Ich werde gehen.“
Noch bevor Melazios zur Oberfläche aufbrach, fiel ihm etwas anderes auf.
Ein kleines Objekt zog in regelmäßigen Bahnen um den Planeten.
„Ein Satellit?“
Sanguizios vergrößerte das Bild.
Nein.
Es war größer.
Alt.
Verwittert.
Mehrfach von Mikrometeoriten getroffen.
Dennoch kreiste es noch immer.
„Eine Raumstation.“
Die Schleuse ließ sich natürlich nicht mehr öffnen.
Doch nach einigen Stunden hatten sie eine Energieverbindung gelegt.
Langsam erwachte die Station.
Ein Licht.
Dann noch eines.
Luftfilter begannen zu summen.
Ein alter Computer meldete sich mit einer Sprache, die längst niemand mehr verstand.
Sanguizios lächelte.
„Sie lebt noch.“
„Dann bleibst du hier.“
„Und du?“
Melazios blickte zum blauen Planeten.
„Ich gehe nachsehen, warum sie gestorben sind.“
Die Erde roch anders.
Feuchter.
Wilder.
Über den Ruinen ehemaliger Städte wuchsen längst Wälder.
Zwischen eingestürzten Hochhäusern lebten Tiere.
Die Natur hatte sich fast alles zurückgeholt.
Melazios kniete sich auf den Boden.
Sein Dosimeter summte.
Er maß schweigend.
Noch einmal.
Und noch einmal.
Dann begann er zu rechnen.
Rückwärts.
Jahrtausend für Jahrtausend.
Schließlich blieb er stehen.
„Unmöglich...“
Er blickte zum Himmel.
„Vor fünfhunderttausend Jahren muss die Strahlenbelastung um ein Vielfaches höher gewesen sein.“
Er strich mit den Fingern über seine Schuppen.
„Sie hatten wohl kein Tripokalin.“
Währenddessen arbeitete Sanguizios auf der Raumstation.
Aus einer alten medizinischen Datenbank war es ihm gelungen, brauchbare DNA-Fragmente zu rekonstruieren.
Als Melazios Stunden später zurückkehrte, wartete sein Cousin bereits.
„Du solltest dir das ansehen.“
Die genetischen Sequenzen schwebten als Hologramm zwischen ihnen.
Melazios runzelte die Stirn.
„Das kann nicht sein.“
„Ich habe dreimal getestet.“
Sanguizios legte beide Datensätze übereinander.
Sequenz um Sequenz.
Gen um Gen.
Schließlich erschien eine Zahl.
84,7 %.
Lange sagte keiner etwas.
„Das ist zu viel für Zufall.“
„Und zu wenig für eine nahe Verwandtschaft“, antwortete Sanguizios. „Aber dass zwischen uns und der einst hier beheimateten Spezies eine gemeinsame Abstammung besteht, daran besteht kaum noch ein Zweifel.“
Melazios nickte nachdenklich.
„Selbst wir beide erreichen trotz unterschiedlicher Spezies einen genetischen Verwandtschaftsgrad von 97,2 Prozent.“
Er hob seine grünlich schuppige Hand.
„Und dennoch könnte unser Stoffwechsel kaum unterschiedlicher sein. Ich passe meine Körpertemperatur nahezu vollständig der Umgebung an, während dein Organismus sie konstant bei 63 koltischen Einheiten halten muss.“
Sanguizios lächelte.
„Manchmal reicht eben ein kleiner genetischer Unterschied, um eine völlig andere Biologie hervorzubringen.“
Melazios dachte an die uralten Theorien der Panspermie.
An Gesteinsbrocken, die zwischen Sternen reisten.
An Milliarden von Sporen.
Plötzlich ergab alles Sinn.
„Vielleicht...“
Er sprach den Gedanken nicht zu Ende.
„Es gibt noch etwas.“
Sanguizios vergrößerte einen Abschnitt der Analyse.
„Sie besitzen nur dreiundzwanzig Chromosomenpaare.“
„Und?“
„Das Z-Chromosom fehlt.“
Melazios sah ihn fragend an.
„Unmöglich.“
„Ich habe jede Probe überprüft.“
Er zeigte auf das Modell einer sich teilenden Zelle.
"Dabei können Fehler entstehen.“
Melazios nickte.
„Deshalb besitzt jedes Lebewesen im Fogarsystem das Z-Chromosom. Es überprüft jede neue Zelle, repariert beschädigte DNA und entfernt fehlerhafte Zellen, bevor sie sich vermehren.“
Sanguizios schwieg.
„Diese Spezies hatte diesen Mechanismus nie.“
Melazios blickte erneut auf den blauen Planeten.
„Dann mussten sie unglaublich anfällig für Tumore gewesen sein.“
„Und für Alterung.“
Wieder erschien eine Zahl.
Maximale Lebenserwartung: etwa 120 Jahre.
Melazios schloss langsam die Augen.
„Hundertzwanzig Jahre...“
Er musste unwillkürlich lächeln.
„Bei uns wäre das gerade das Ende der Jugend.“
Sanguizios betrachtete den Planeten unter ihnen.
„Und trotzdem...“
„...haben sie Raumfahrt entwickelt.“
Melazios nickte.
„Ohne Tripokalin.“
„Ohne Z-Chromosom.“
„Mit einem Bruchteil unserer Lebenszeit.“
Lange herrschte Stille.
Schließlich sagte Melazios leise:
„Vielleicht waren sie deshalb so neugierig.“
Er blickte hinaus auf das blauen Juwel.
„Wenn man weiß, dass die Zeit knapp ist, lernt man vermutlich schneller, sie zu nutzen.“
Kapitel 7 – Skyborne Vivaldi
Die Raumstation summte leise, während Sanguizios tiefer in die verstaubten Archive der Menschheit eintauchte.
Zwischen den unzähligen Datenspeichern entdeckte er ein kleines rechteckiges Gerät aus leichtem Kunststoff. Offenbar war es einst dafür gedacht gewesen, Musik unabhängig von größeren Systemen wiederzugeben.
Es hatte die Jahrtausende nur knapp überstanden.
Mit feinen, blau schimmernden Fingern überbrückte Sanguizios die korrodierten Kontakte. Nach mehreren Versuchen flackerte ein winziger Bildschirm auf.
Nur eine einzige Audiodatei ließ sich noch fehlerfrei auslesen.
Antonio Vivaldi – Die vier Jahreszeiten: Der Winter
Melazios, der nochmals die Oberfläche besucht hatte und eben von derselben zurückgekehrt war, blieb mitten in der Bewegung stehen.
Im Gegensatz zu den mathematisch geordneten, beruhigenden Strukturen des B.A.C.H.-Protokolls war diese Musik anders.
Sie war wild.
Treibend.
Ein Sturm aus Klängen, der die Zerrissenheit und die unbändige Energie dieser ausgestorbenen Spezies widerspiegelte.
Es klang wie das Leben selbst – hastig, intensiv und gegen die eigene Vergänglichkeit anrennend.
„Es ist zu schnell für unser Empfinden“, murmelte Sanguizios.
„Ihr Herz schlug schneller als unseres.“
Er hörte einen Moment schweigend zu.
„Vielleicht haben sie gerade deshalb so komponiert.“
Melazios blickte lange auf den blauen Planeten hinab.
„Verändere es nicht.“
Sanguizios sah zu ihm.
„Aber fang es auf.“
Er nickte.
Langsam öffnete er die Kanäle zu den Spektralsensoren des Schiffes.
Die elektromagnetischen Emissionen der fernen Gasriesen, das feine Flüstern des Sternwinds und das kaum messbare Hintergrundrauschen des Fogarsystems wurden in hörbare Frequenzen übersetzt.
Behutsam legte er diese sphärischen Klänge unter Vivaldis Violinen.
Er verlangsamte die Musik nicht.
Er veränderte keine einzige Note.
Er gab ihr lediglich einen neuen Himmel.
Die leidenschaftliche Energie einer längst ausgestorbenen Spezies verschmolz mit der zeitlosen Weite des Kosmos.
Aus den Lautsprechern der Station erklang etwas völlig Neues.
Skyborne Vivaldi.
Melazios schloss die Augen.
Seine grünlichen Schuppen begannen kaum wahrnehmbar mitzuschwingen.
Lange sagte keiner der beiden etwas.
Schließlich öffnete Melazios die Augen wieder und blickte ein letztes Mal auf den blauen Planeten.
„Sie sind ausgestorben.“
Er lächelte.
„Aber ihre Musik reist noch immer zwischen den Sternen.“
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Wie gewohnt ab und zu ein Musikstück hier könnt ihr Skyborne Vivaldi anhören:
https://suno.com/s/ZeHLXn5iE6WN6pWt
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