Veröffentlicht: 18.08.2026. Rubrik: Kürzestgeschichten
Femme Fatale oder der Versuch einen Augenblick einzufangen
Klack. Klack. Klack.
Das trockene, pulsierende Klacken von Stilettos auf dem spiegelnden Fischgräteparkett schnitt durch das schwere Gemurmel der Bar. Jeder Schritt saß. Jeder Absatz traf den Boden mit einer mathematischen, grausam-schönen Präzision. Das Geräusch war da, noch bevor man sie richtig sehen konnte, und wie auf Kommando drehten sich die ersten Köpfe zur Tür.
Unter dem harten Rhythmus ihrer Absätze lag ein zweites, fast unhörbares Geräusch. Das leise, verheißungsvolle Flüstern von schwarzem Chiffon. Bei jedem Schritt schwang der hauchdünne Stoff auf, strich wie Seide durch die stehende Luft und gab durch den hohen Schlitz für den Bruchteil einer Sekunde die Konturen eines Beines frei. Die Blicke der Männer hefteten sich an den Saum ihres Rockes, gefangen von der Bewegung, unfähig, sich zu lösen.
Niemand erfasste sie in diesem Moment ganz. Sie war ein Rätsel aus Bewegung und Kontrasten. Doch jeder im Raum spürte die plötzliche Veränderung.
Ein Schritt.
Ein Atemzug.
Und das dumpfe Hintergrundrauschen der Bar erstarb.
Dann erreichte die Wolke den Raum. Baccarat Rouge 540. Der Duft legte sich schwer und besitzergreifend über die maskuline Melange aus reifem Single Malt, Leder und kaltem Rauch. Eine sündige Allianz aus süßem Safran und Jasmin, getragen von der Wärme ihrer nackten Haut und der tiefen, holzigen Wärme von Amberwood. Der Duft zog durch den Raum, erreichte einen Tisch nach dem anderen und ließ Köpfe folgen, die sich längst wieder hätten abwenden sollen.
Baccarat und Chiffon. Seide und Rauch.
Das smaragdgrüne, ärmellose Turtleneck-Top schloss eng um ihren Hals ab. Ihre Haare waren wild hochgesteckt – ein kunstvolles Chaos, das so aussah, als wäre es ihr absolut egal, wie sie wirkte, obwohl jede einzelne Strähne genau austariert war.
Plötzlich blitzte es auf.
Das gedimmte Licht der Bar verfing sich in dem feinen Goldschmuck an ihrem Oberschenkel. Ein kurzer Funke im Halbdunkel, sichtbar durch den hohen Schlitz des Chiffons.
Mehr brauchte es nicht.
Sie ging geradewegs auf den Tresen zu. Kein Seitenblick, kein flüchtiges Lächeln, keine Geste der Einladung. Nur ihre Schritte, gemessen und klar.
Klack. Klack. Klack.
Die Blicke folgten ihr trotzdem.
„Champagner.“
Ihre Stimme war tief, sonor, aber sie entzog dem Ton die Härte, indem sie das Wort beinahe hauchte. Es war ein heißer Atemzug in der kühlen Bar.
Vor ihr stiegen goldene Perlen im Kristallglas auf. Sie hob das Glas. Ihre Lippen, geschminkt in einem sündigen, tiefen Rot, berührten den kühlen Rand.
Für einen Wimpernschlag hielt die Welt den Atem an.
Ihre Fingernägel, lackiert in einem Rot, so dunkel, dass es beinahe schwarz wirkte, schlossen sich um den Stiel, als besäße sie alle Zeit der Erde. Sie neigte das Glas. Der erste, eiskalte Schluck rann über ihre Zunge, und für den Bruchteil einer Sekunde arbeitete die feine Muskulatur an ihrem Hals, als sie den perlenden Wein hinunterschluckte. Ein winziger, glänzender Tropfen blieb auf ihrem Amorbogen zurück.
Mit lasziver Langsamkeit öffnete sie ihre Tasche. Eine lange, schwarze Zigarettenspitze mit elfenbeinfarbenem Mundstück kam zum Vorschein. Eine weiße Zigarette glitt hinein.
Klick.
Ein Funke flammte auf.
Die Spitze begann tiefrot zu glühen, spiegelte sich in ihren dunklen Augen
und erhellte für Sekundenbruchteile ihr makelloses Profil. Sie zog den Rauch tief ein und blies ihn langsam wieder aus, hinein in das gedämpfte Licht.
Ein einziger Blick aus diesen dunklen Augen strich durch den Raum.
Niemand sah weg.
Sie nippte an dem prickelnden Elixier.
Sie nahm einen letzten Zug von der sterbenden Glut.
Die Bar hielt noch immer die Luft an.
Baccarat auf warmer Haut. Das Gold an ihrem Bein glimmte im spärlichen Licht der Lampen auf, während sich der Chiffon im Takt ihrer plötzlichen Drehung bewegte. Zwischen den Schatten, dem geschliffenen Glas und dem schwarzen Lack des Tresens blieb am Ende nur eines zurück:
ihr Rhythmus.
Klack.
Sie wandte sich ab.
Klack.
Die Schritte entfernten sich langsam.
Klack.
Bis nur noch ihr Echo in der Stille der Bar nachhallte.
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und wieder einmal hab ich ein Lied dazu geschrieben:
https://suno.com/s/Mf4DzfzBd4deuAc5
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