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geschrieben 2026 von Phoberos (Phoberos).
Veröffentlicht: 10.08.2026. Rubrik: Nachdenkliches


Die Mauer

Der erste Stein

Die Mauer war älter als Jonah.

Jedenfalls behaupteten das die Alten. Sie war älter als ihre Väter, älter als deren Väter und, wenn man Malor vom Rat glaubte, vermutlich älter als Elidion selbst.

Jeden Morgen ging Jonah an ihr entlang und ersetzte, was die Zeit aus ihr herausgebrochen hatte.

Einen Stein hier.
Etwas Mörtel dort.

Dafür bezahlte ihn der Rat.

Niemand wusste mehr genau, warum die Mauer gebaut worden war.

Manche sagten, hinter ihr hätten früher Feinde gelebt. Andere erzählten von wilden Tieren. Malor behauptete, ohne die Mauer würden fremde Händler kommen und den Menschen von Elidion die Arbeit wegnehmen.

Jonahs Großmutter hatte immer nur gesagt:

„Weil sie da ist.“

Das war die Antwort, die ihm am ehrlichsten erschien.

Dabei hassten die Menschen die Mauer.

In den Wirtshäusern wurde über sie geschimpft. Bauern beklagten die langen Wege zu ihren Feldern. Junge Leute malten sich aus, was hinter ihr liegen könnte. Und wenn im Winter die Sonne tief stand, warf die Mauer ihren Schatten über die ersten Häuser des Dorfes.

„Jemand müsste etwas tun“, sagten die Menschen dann.

Manchmal sagten sie auch:

„Der Rat müsste etwas tun.“

Und wenn sie besonders viel getrunken hatten:

„Wenn wir nur einen guten Anführer hätten.“

Am nächsten Morgen stand Jonah wieder vor der Mauer und besserte ihre Risse aus.

So vergingen Jahre.

Bis zu jenem Dienstag, an dem ihm sein Hammer aus der Hand fiel.

Es war kein besonderer Dienstag. Kein Sturm zog auf. Kein Heer stand vor den Toren. Kein Held kam über die Berge.

Jonah hatte lediglich einen lockeren Stein entdeckt.

Er setzte den Meißel an.

Dann hielt er inne.

Auf der anderen Seite des Tals ging gerade die Sonne auf. Jonah konnte ihre Strahlen sehen, aber nicht die Sonne selbst.

Die Mauer stand dazwischen.

„Warum?“, fragte er.

Niemand antwortete.

Also zog er den Stein heraus.

Er war überrascht, wie leicht es ging.

Durch die kleine Öffnung fiel ein einzelner Sonnenstrahl.

Jonah betrachtete ihn lange.

Dann setzte er sich auf den herausgebrochenen Stein und machte Frühstück.

Eine Stunde später kam der Bäcker vorbei.

Er blieb stehen und betrachtete das Loch.

„Da fehlt ein Stein.“

„Ja“, sagte Jonah.

Der Bäcker wartete.

„Willst du ihn nicht wieder einsetzen?“

„Nein.“

„Warum nicht?“

Jonah biss ein Stück von seinem Brot ab und deutete auf den hellen Fleck, den die Sonne durch die Öffnung auf den Boden zeichnete.

„Ich wollte wissen, was passiert.“

Der Bäcker betrachtete den Lichtfleck.

„Und?“

Jonah zuckte mit den Schultern.

„Bis jetzt nichts.“

Der Bäcker schüttelte den Kopf und ging weiter.

Bis zum Mittag wusste halb Elidion davon.

Nicht, dass ein Stein in der Mauer fehlte. Das wäre kaum der Rede wert gewesen. Steine lockerten sich ständig.

Nein.

Jonah hatte einen Stein aus der Mauer genommen und sich geweigert, ihn wieder einzusetzen.

Das war etwas anderes.

Am Nachmittag erschien Malor.

Der alte Ratsherr kam nicht allein. Zwei Wachen begleiteten ihn, obwohl Jonah nicht recht wusste, wovor sie ihn bewachen sollten.

Malor betrachtete zuerst das Loch, dann den Stein und schließlich Jonah.

„Setz ihn zurück.“

Jonah legte den Hammer beiseite.

„Warum?“

Malor runzelte die Stirn.

„Weil er dort hingehört.“

„Warum?“

„Weil die Mauer uns schützt.“

Jonah sah durch die Öffnung. Dahinter lag eine Wiese. Weiter hinten standen einige Birken im Wind.

„Wovor?“

Malor schwieg einen Moment.

„Unsere Vorfahren werden einen Grund gehabt haben.“

„Das glaube ich auch.“

Malor schien erleichtert.

„Dann setz den Stein zurück.“

Jonah schüttelte den Kopf.

„Wenn ihr Grund noch immer gilt, sollten wir ihn kennen.“

Inzwischen hatten sich Menschen versammelt. Niemand sagte etwas.

Malor blickte in ihre Gesichter.

„Es gibt Regeln.“

„Wer hat sie gemacht?“, fragte eine Stimme.

Jonah drehte sich um.

Eine junge Frau stand am Rand der Menge. Maya. Er kannte sie vom Markt. Sie verkaufte dort Gemüse, wenn die Ernte gut war, und schlechte Laune, wenn sie es nicht war.

Malor hob das Kinn.

„Der Rat.“

„Warum?“

Einige lachten.

Malor nicht.

„Weil nicht jeder einfach tun kann, was er will.“

„Das hat auch niemand behauptet“, sagte Jonah.

Er nahm seinen Hammer wieder auf.

Neben dem ersten Stein saß ein zweiter locker.

Malor hob die Hand.

„Jonah.“

Der Hammer blieb in der Luft.

„Wenn du diesen Stein herausnimmst“, sagte Malor, „weißt du nicht, was du damit beginnst.“

Jonah sah ihn an.

„Das stimmt.“

Dann schlug er zu.

Der zweite Stein fiel zu Boden.

Niemand jubelte.

Niemand klatschte.

Für einige Sekunden geschah überhaupt nichts.

Dann trat Maya aus der Menge.

Sie kniete sich neben die Öffnung, griff mit beiden Händen nach einem kleineren Stein und zog daran.

Er bewegte sich nicht.

Sie zog noch einmal.

Jonah wollte ihr helfen.

„Lass.“

Beim dritten Versuch löste sich der Stein.

Maya fiel beinahe rückwärts.

Diesmal lachte jemand.

Am Abend fehlten siebenundzwanzig Steine.

Es war noch immer keine Bresche. Nicht einmal ein Mensch hätte hindurchgepasst. Aber wenn man sich bückte, konnte man auf die andere Seite sehen.

Einige taten es.

Andere gingen kopfschüttelnd nach Hause.

Malor blieb bis zum Einbruch der Dunkelheit.

Er nahm keinen Stein heraus.

Aber er befahl den Wachen auch nicht, die anderen daran zu hindern.

Am nächsten Morgen kam Jonah früher als sonst.

Er blieb stehen.

In der Mauer fehlten nur noch sechsundzwanzig Steine.

Jemand hatte einen zurückgesetzt.

Jonah musste lächeln.

Natürlich.

Er hatte wirklich geglaubt, es würde einfach werden.

Er nahm den Stein wieder heraus.

In den nächsten Tagen verschwanden Steine und tauchten wieder auf.

Manche Menschen arbeiteten nachts daran, die Öffnung zu vergrößern. Andere kamen noch später und mauerten einen Teil davon wieder zu.

Im Wirtshaus wurde gestritten.

Auf dem Markt wurde geschimpft.

Der Rat tagte bis tief in die Nacht.

Menschen, die seit Jahren behauptet hatten, die Mauer zu hassen, entdeckten plötzlich Gründe, warum man sie brauchte.

Andere, die nie über sie gesprochen hatten, brachten Hämmer.

Und jeden Morgen fiel ein wenig mehr Licht hindurch.

Nach drei Wochen war die Öffnung groß genug für einen Menschen.

Trotzdem ging niemand hindurch.

Die Menschen standen davor und blickten auf die Wiese.

Jonah verstand sie.

Jahrhundertelang hatte man ihnen erzählt, dass hinter der Mauer Gefahr lauerte. Es war leichter gewesen, Steine herauszubrechen, als den ersten Schritt zu tun.

Schließlich bewegte sich jemand.

Malor.

Der alte Mann trat an die Öffnung.

Die Menge verstummte.

Er legte eine Hand auf das verbliebene Mauerwerk und sah hindurch.

Dann duckte er sich und ging auf die andere Seite.

Minutenlang blieb er verschwunden.

Als er zurückkam, hielt er etwas in der Hand.

Eine kleine weiße Blume.

Er reichte sie Jonah.

„Dort drüben“, sagte er, „ist eine Wiese.“

Jonah betrachtete die Blume.

„Das habe ich gesehen.“

Malor nickte.

„Ich nicht.“

Dann ging er nach Hause.

Am nächsten Tag war die Öffnung doppelt so breit.

Aus Tagen wurden Monate, aus der Bresche wurde ein Weg.

Niemand riss die ganze Mauer nieder.

Einige Teile blieben stehen. Nicht mehr als Grenze, sondern als Erinnerung. Die herausgebrochenen Steine wurden nicht fortgeworfen. Die Menschen bauten Treppen daraus, Brunnen, Fundamente und kleine Mauern um ihre Gärten.

Viele Jahre später saß Jonah vor seinem Haus und beobachtete Kinder, die auf einer dieser Mauern balancierten.

Ein Junge blieb vor ihm stehen.

„Stimmt es, dass du die große Mauer eingerissen hast?“

Jonah lachte.

„Nein.“

Er deutete auf den grauen Stein unter seinen Füßen. Seine Oberfläche war von unzähligen Schritten glatt geworden. Jonah hatte ihn damals als Türschwelle vor sein Haus gelegt.

„Ich habe nur aufgehört, sie zu reparieren.“

Der Junge dachte kurz darüber nach.

Dann rannte er zu den anderen.

Jonah blieb sitzen und blickte hinüber zum alten Talweg.

Menschen kamen und gingen.

Wie jeden Tag.

Und niemand fragte mehr, ob sie es durften.

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Diese Geschichte darf gerne fortgeführt werden.

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