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geschrieben 2026 von Phoberos (Phoberos).
Veröffentlicht: 03.08.2026. Rubrik: Nachdenkliches


Die Waagschale

Der Kaffee in der Cafeteria des Spitals schmeckte nach Automatenpulver und zu viel Zucker. Markus rührte mechanisch darin, obwohl er längst kalt war. Seine massgeschneiderte Krawatte hing locker um den Hals, das Hemd war zerknittert. Vor drei Stunden hatte sein Herz gestreikt. Ein Warnschuss mit sechzig, sagten die Ärzte. Zu viele Zwölfstundenstage, zu viele Wochenenden im Büro, zu viel Druck. Seine Yacht lag im Hafen, sein grosses Haus war leer, seine Familie funktionierte wie ein separates Uhrwerk. Er hatte alles erreicht, was der Markt verlangte. Und fast alles verloren, was zählte.
Zwei Tische weiter sass Elena. Sie hielt einen Pappbecher mit demselben billigen Kaffee. Ihre Hände waren rau von der Arbeit im Industriebetrieb, wo sie achtzig Prozent im Schichtdienst leistete. Ihr Kopf dröhnte. Sie hatte die ganze Nacht am Bett ihrer jüngsten Tochter gewacht, die mit hohem Fieber eingeliefert worden war. Zu Hause wartete die Wäsche, der Einkauf, der Alltag einer alleinerziehenden Mutter von drei Kindern. Draussen auf dem Parkplatz stand ihr alter, verbeulter Fiat Panda. Der geplante Campingurlaub im Sommer stand auf der Kippe; sie musste jeden Franken dreimal umdrehen.
Markus und Elena kannten sich nicht. Sie blickten beide starr auf die grosse Uhr an der Wand.
In diesem Moment betrat Dr. Anna Kaufmann die Cafeteria. Sie kannte beide. Sie hatte Markus’ Krankenakte auf dem Tisch und wusste von Elenas Sorgen. Sie setzte sich an einen freien Tisch in der Mitte, holte ein Notizbuch heraus und begann zu schreiben. Sie dachte an ein Gespräch, das sie kürzlich über den Wert des Lebens geführt hatte.
Wenn die Wirtschaft diese beiden Menschen betrachten würde, wäre das Urteil gefällt: Markus’ Arbeit hatte einen hohen Marktwert. Er schuf Arbeitsplätze, bewegte Millionen, zahlte enorme Steuern. Elenas Arbeit als ungelernte Kraft hatte einen geringeren Marktwert. Doch wer mass den gesellschaftlichen Wert? Elena hielt eine Familie zusammen. Sie schenkte drei Kindern Liebe, Werte und eine Zukunft. Sie trug die Gesellschaft an Orte, die keine Aktie je erreichen würde.
Anna schrieb einen Satz auf, der ihr nicht mehr aus dem Kopf ging: Der Mensch hat keinen Preis. Nur seine Arbeit hat einen Preis.
Die Wirtschaft durfte sagen, dass die eine Tätigkeit 250'000 Franken wert war und die andere 55'000. Der Fehler geschah dort, wo Menschen unbewusst schlussfolgerten, dass Markus deshalb fünfmal so viel wert sei wie Elena.
Beide übernahmen Verantwortung unter völlig unterschiedlichen Bedingungen. Keines dieser Leben war mehr wert. Beide machten das Beste aus dem, was ihnen gegeben war.
Plötzlich schrillte Annas Pager. Auf der Notaufnahme war ein Mann eingeliefert worden, der betrunken Rettungskräfte angegriffen und die Einrichtung demoliert hatte – einer dieser Menschen, die Anna aus unschönen Geschichten kannte, Menschen, die den Wert anderer mit Füssen traten. Waren diese Menschen nun weniger wert? Anna schüttelte den Kopf, während sie aufstand. Nein. Ihr Menschsein blieb unantastbar. Aber ihr moralisches Handeln war nicht zu rechtfertigen. Sie degradierten sich selbst, indem sie andere zu Nullen machten.
Anna packte ihr Buch ein, lief an Markus und Elena vorbei und warf ihnen einen langen Blick zu. Sie waren keine Zahlen in einer Bilanz. Sie waren Menschen, die versuchten, ihr Leben zu meistern.
Sie ging durch die Schiebetür zurück auf die Station, im Wissen, dass der Marktwert eines Menschen niemals mit seinem Wert als Mensch verwechselt werden darf.

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