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geschrieben 2026 von Phoberos.
Veröffentlicht: 11.08.2026. Rubrik: Nachdenkliches


Was hast du gerade gehört?

Kommunikation wäre eigentlich ganz einfach.

Einer sagt etwas, der andere hört es.

Leider hat Friedemann Schulz von Thun herausgefunden, dass wir dafür offenbar viel zu kompliziert gebaut sind. Nach seinem Kommunikationsmodell enthält eine Nachricht vier verschiedene Seiten: eine Sachinformation, eine Selbstoffenbarung, eine Aussage über die Beziehung und einen Appell.

Dementsprechend besitzen wir vier Ohren.

Nehmen wir einen harmlosen Satz.

Rita sitzt an einem heissen Sommerabend im Wohnzimmer und sagt zu Peter:

„In dieser Wohnung kriegt man im Sommer einfach keine Luft.“

Mit dem Sachohr hört Peter:

Die Temperatur in der Wohnung ist zu hoch.

Er könnte antworten:

„Wir haben 28,7 Grad.“

Sachlich korrekt. Menschlich von überschaubarem Nutzen.

Mit dem Appellohr hört er:

Tu etwas dagegen.

Peter ist Ingenieur und damit in seinem natürlichen Lebensraum.

„Wir könnten eine mobile Klimaanlage kaufen. Ich habe ein Modell mit 12'000 BTU gesehen. Das reicht locker für unsere Wohnung.“

Peter ist zufrieden. Problem erkannt, Lösung gefunden.

Rita möglicherweise weniger.

Mit dem Beziehungsohr könnte Peter dagegen hören:

Seit Jahren ist es hier im Sommer zu heiss, und du hast noch immer nichts dagegen unternommen.

Seine Antwort könnte entsprechend ausfallen:

„Jetzt bin ich also auch noch für das Wetter verantwortlich?“

Spätestens jetzt sollte man das Abendessen besser verschieben.

Und mit dem Selbstoffenbarungsohr hört Peter:

Mir ist heiss. Ich bin müde. Diese Hitze geht mir auf die Nerven.

Darauf könnte er einfach sagen:

„Ja, heute ist es wirklich unerträglich.“

Vielleicht war das alles, was Rita wollte.

Vielleicht aber auch nicht.

Und genau hier beginnt das Problem.

Woher soll Peter wissen, welches Ohr er benutzen soll?

Er kann Ritas Gesicht ansehen, ihren Tonfall beachten und berücksichtigen, wie ihr Tag gewesen ist. Nach all den Jahren die sie zusammen sind wird er darin vermutlich besser sein als am ersten gemeinsamen Abend.

Aber wissen kann er es nicht.

Denn während Schulz von Thun uns vier Ohren gegeben hat, müsste es auf der anderen Seite eigentlich auch vier Münder geben.

Rita kann mit ihrem Satz nämlich ebenfalls vier verschiedene Dinge senden.

Mit dem Sachmund:

Hier drin ist es zu warm.

Mit dem Selbstoffenbarungsmund:

Ich fühle mich gerade unwohl.

Mit dem Beziehungsmund:

Du könntest dich ruhig auch einmal darum kümmern.

Oder mit dem Appellmund:

Mach bitte etwas gegen diese Hitze.

Das Dumme daran ist:

Der Mund, mit dem Rita spricht, und das Ohr, mit dem Peter hört, müssen nicht dasselbe sein.

Rita spricht vielleicht mit dem Selbstoffenbarungsmund:

Mir geht diese Hitze auf den Geist.

Peter hört mit dem Appellohr:

Löse das Problem.

Also sagt er:

„Dann kaufen wir eine Klimaanlage.“

Damit wäre die Sache vielleicht noch zu retten.

Nur besitzt Peters Antwort ebenfalls wieder vier Seiten.

Peter meint vielleicht:

Ich möchte, dass es dir gut geht.

Rita hört aber:

Wenn du ein Problem hast, das sich technisch lösen lässt, dann hör auf zu jammern.

Und antwortet:

Du musst nicht immer gleich alles lösen!

Peter wiederum hört darin nicht:

Ich wollte gerade nur ein bisschen Verständnis.

Er hört:

Deine Hilfe brauche ich nicht.

Jetzt ist Peter verletzt.

Also sagt er:

„Gut. Dann schwitz halt.“

Und Rita hört:

Deine Probleme interessieren mich nicht.

Jetzt ist auch Rita verletzt.

Herzlichen Glückwunsch.

Wir haben mit einer zu warmen Wohnung angefangen und sind vier Sätze später bei der grundsätzlichen Frage angelangt, ob sich zwei Menschen nach zig Jahren Beziehung überhaupt noch verstehen.

Das Interessante daran ist, dass keiner der beiden unbedingt etwas Böses gesagt haben muss.

Das Missverständnis potenziert sich.

Denn wir antworten nicht auf das, was der andere gesagt hat.

Wir antworten auf das, was wir gehört haben.

Und unsere Antwort wird wiederum vom anderen durch eines seiner vier Ohren empfangen. Hat er bereits eine Verletzung gehört, wird möglicherweise genau dieses Ohr besonders empfindlich. Seine nächste Antwort fällt entsprechend aus – und liefert uns wiederum einen guten Grund, ebenfalls das empfindlichste Ohr einzuschalten.

Aus einem falsch verstandenen Satz entsteht eine echte Verletzung.

Aus der echten Verletzung entsteht eine schärfere Antwort.

Aus der schärferen Antwort entsteht die nächste Verletzung.

Irgendwann streitet niemand mehr über die ursprüngliche Sache.

Die Klimaanlage ist längst vergessen.

Welches Ohr ist denn nun das richtige?

Leider gibt es darauf keine einfache Antwort.

Immer mit dem Sachohr zuzuhören wäre genauso falsch wie immer mit dem Beziehungsohr oder dem Selbstoffenbarungsohr.

Wenn Rita sagt:

„Die Küche brennt!“

wäre Peters einfühlsame Antwort:

„Ich verstehe, dass dich das gerade belastet.“

Kommunikationstheoretisch vielleicht interessant, praktisch aber verbesserungsfähig.

Manchmal ist ein Appell tatsächlich ein Appell.

Manchmal ist eine Sachinformation einfach eine Sachinformation.

Und manchmal möchte ein Mensch weder eine Analyse noch eine Lösung.

Er möchte nur gehört werden.

Vielleicht besteht die Kunst deshalb gar nicht darin, immer das richtige Ohr zu benutzen.

Vielleicht besteht sie darin, zu bemerken, welches Ohr man gerade benutzt.

Besonders dann, wenn das Gehörte wehtut.

Bevor Peter also auf

„In dieser Wohnung kriegt man keine Luft“

mit

„Jetzt bin ich auch noch für das Wetter verantwortlich“

antwortet, könnte er sich einen kurzen Moment fragen:

Hat Rita das tatsächlich gesagt?

Oder noch einfacher: Er könnte sie fragen.

„Willst du gerade einfach über die Hitze fluchen, oder soll ich meinen Ingenieurkopf einschalten?“

„Nur fluchen.“

„Okay. Scheisshitze.“

Gespräch beendet.

Oder:

„Ingenieurkopf.“

Dann darf Peter den Laptop aufklappen, Klimageräte vergleichen und Rita mit Energieeffizienzklassen und BTU-Werten beglücken.

Vielleicht ist gute Kommunikation deshalb weniger die Kunst, immer richtig zu verstehen.

Das wäre vermutlich zu viel verlangt.

Vielleicht reicht schon die Fähigkeit, gelegentlich daran zu zweifeln, ob das, was wir gehört haben, tatsächlich das war, was der andere sagen wollte.

Denn zwischen vier Mündern und vier Ohren gibt es erstaunlich viele Möglichkeiten, sich misszuverstehen.

Und nach dem ersten Missverständnis kommen noch einmal vier.

Und noch einmal vier.

Und noch einmal vier.

Bis zwei Menschen irgendwann in verschiedenen Ecken sitzen und beide überzeugt sind:

„Dabei habe ich es doch nur gut gemeint.“
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Anmerkung: Inspiriert durch Catarinas Gedicht über die „vier Ohren“, das mich auf die Frage brachte, ob es dann nicht eigentlich auch vier Münder geben müsste – und was passiert, wenn beide aufeinandertreffen.

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