Veröffentlicht: 19.08.2026. Rubrik: Kürzestgeschichten
Ein Bild für später
Sie stand seit fast zehn Minuten vor dem Spiegel.
Nicht weil etwas nicht stimmte.
Im Gegenteil.
Sie strich mit beiden Händen über das Kleid, glättete eine Falte, die nicht da war, und betrachtete sich noch einmal von der Seite. Das Dunkelblau war eine gute Entscheidung gewesen. Nicht das Schwarze. Schwarz hätte nach Trauer ausgesehen, vielleicht sogar nach Drama.
Heute sollte nichts nach Drama aussehen.
Sie nahm die Bürste und fuhr ein letztes Mal durch ihr Haar. Normalerweise hätte sie es einfach zusammengebunden. Heute nicht.
Heute durfte es fallen.
Auf der Kommode stand das Parfum, das er ihr vor zwei Jahren geschenkt hatte. Sie nahm den Flakon, zögerte einen Moment und sprühte einmal an ihren Hals.
Dann noch einmal.
„Verschwendung“, hatte er immer gesagt, wenn sie zu viel davon nahm.
Sie lächelte ihrem Spiegelbild zu und gönnte sich einen dritten Spritzer.
Heute konnte sie es sich leisten.
Im Schlafzimmer lag der geöffnete Koffer auf dem Bett. Er war nicht groß. Das überraschte sie selbst ein wenig. Zwölf Jahre passten offenbar erstaunlich gut in siebenundsechzig Liter, wenn man nur die Dinge einpackte, die einem wirklich gehörten.
Die beiden Bücher vom Nachttisch.
Ihre Jeans.
Die kleine Schachtel mit den Fotos ihrer Eltern.
Drei Paar Schuhe.
Den roten Schal, den sie schon besessen hatte, bevor sie ihn kannte.
Sie hielt ihn kurz in den Händen.
Dann legte sie ihn obenauf.
In der Küche hörte sie ihn.
Eine Schranktür. Das Klirren eines Glases. Wasser.
Er war also wach.
Gut.
Sie schloss den Koffer.
Der Reißverschluss klang erstaunlich laut.
Als sie ihn durch den Flur zog, stand er in der Küchentür. Barfuß, das Hemd vom Vortag, die Haare zerdrückt vom Schlaf.
Er sah zuerst den Koffer.
Dann sie.
Und genau in dieser Reihenfolge verstand er.
„Du gehst?“
Sie blieb stehen.
Es war ein seltsamer Satz. Keine Frage nach dem Warum. Kein Wohin. Nicht einmal ein Wirklich.
Nur: Du gehst?
„Ja.“
Er sah sie lange an.
Sein Blick wanderte über ihr Kleid, ihre Haare, blieb einen Augenblick an ihrem Gesicht hängen.
Sie kannte diesen Blick.
Nur war es lange her.
Sehr lange.
„Du siehst …“
Er beendete den Satz nicht.
Sie wartete.
Nur ein paar Sekunden.
Sie hätte ihm helfen können. Früher hatte sie ihm oft geholfen, Sätze zu Ende zu bringen.
Heute nicht.
„Was?“
„Nichts.“
Da war es.
Dieses kleine Wort.
Sie lächelte.
Nicht spöttisch. Nicht verletzt. Eigentlich überhaupt nicht für ihn.
„Okay.“
Sie nahm ihre Handtasche von der Garderobe.
„Ist das alles?“
Jetzt war da doch etwas in seiner Stimme.
Sie sah ihn an.
Zwölf Jahre.
Es hätte so viel zu sagen gegeben. Genug für eine Nacht. Vielleicht für eine Woche. Vorwürfe, Erklärungen, Erinnerungen. Wer wann was gesagt hatte. Wer wen enttäuscht hatte. Wer zuerst aufgehört hatte zuzuhören.
Sie hätte gewinnen können.
Vielleicht.
Aber plötzlich erschien ihr der Sieg über einen Mann, den sie gerade verließ, erstaunlich wertlos.
„Nein“, sagte sie. „Das ist nicht alles.“
Für einen Moment richtete er sich auf.
Sie nahm den Wohnungsschlüssel aus ihrer Tasche und legte ihn auf die kleine Kommode neben der Tür.
„Das ist alles.“
Sie öffnete die Tür.
„Warte.“
Ihre Hand blieb auf der Klinke.
Da war er also, der Augenblick, von dem sie geglaubt hatte, sie würde ihn genießen.
Sie drehte sich um.
Er stand noch immer in der Küchentür.
Und jetzt sah er sie wirklich an.
Nicht das Kleid.
Nicht den Koffer.
Sie.
Sie ließ ihm Zeit.
Vielleicht war das ihr letzter Luxus.
„Warum hast du dich so angezogen?“
Fast hätte sie gelacht.
Von allen Fragen, die er hätte stellen können.
Warum?
Sie schaute kurz an sich hinunter.
Dann wieder zu ihm.
„Damit du eine letzte Erinnerung an mich hast.“
Sie zog die Tür hinter sich zu.
Draußen war es kälter, als sie erwartet hatte.
Sie stellte den Koffer in den Kofferraum, setzte sich hinter das Steuer und sah hinauf zu den Fenstern der Wohnung.
Keine Bewegung.
Sie startete den Motor.
An der ersten Kreuzung blickte sie in den Rückspiegel. Das Haus stand noch dort.
An der zweiten war es kleiner.
An der dritten verschwunden.
Sie öffnete das Fenster.
Kalte Luft fuhr herein, zerzauste die Haare, die sie zwanzig Minuten lang so sorgfältig gerichtet hatte.
Sie lachte.
Dann fuhr sie weiter.
Sie wusste nicht, wohin.
Zum ersten Mal seit langer Zeit machte ihr das keine Angst.
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