Veröffentlicht: 19.08.2026. Rubrik: Kürzestgeschichten
Das Original
Es war das dritte Mal an diesem Abend, dass jemand das Wort Dekonstruktion auf eine Weise benutzte, die bewies, dass er keine Ahnung hatte, was es bedeutete.
Elena nippte an ihrem kühlen Sekt und blickte über den Rand des Glases hinweg durch den Raum. Julian stand zwei Meter weiter, gefangen im Gravitationsfeld von Dr. Beringer, einem Mann, der seine Sätze stets so modulierte, als würde er eine Laudatio auf sich selbst halten. Julian hörte zu. Er nickte ab und zu, höflich, aber ohne dieses eifrige, fast flehende Lächeln, das die anderen Männer in Beringers Nähe aufsetzten.
Er wirkte neben ihnen wie eine Skizze, die man mit zu leichtem Bleistiftdruck gezeichnet hatte. Unscheinbar. Fast ein bisschen blass.
Manchmal, das musste Elena sich insgeheim eingestehen, wünschte sie sich, er würde sich ein wenig mehr Raum nehmen. Nur ein einziges Mal die Stimme heben, einen schlagfertigen Satz in die Runde werfen, zeigen, dass er auch mitspielen konnte in diesem intellektuellen Fechtturnier. Aber Julian schwieg meistens, wenn die Runden laut wurden. Er war einfach da.
Als Beringer sich umdrehte, um ein frisches Glas Champagner zu ergattern, verlor sich die Gruppe. Elena wollte gerade zu Julian herübergehen, als sie sah, dass er sich bereits abgewandt hatte. Er steuerte nicht das Buffet an. Er ging auf die schwere Brandschutztür am Ende des Ganges zu, neben der ein älterer Mann in einem grauen Kittel stand. Der Mann hielt eine Leiter fest und wartete offenbar darauf, dass die Gesellschaft sich endlich auflöste, um eine defekte Notbeleuchtung auszutauschen.
Julian blieb vor ihm stehen. Er zeigte auf den Boden. „Sagen Sie“, hörte Elena Julians ruhige Stimme, als sie ein paar Schritte näher trat, „war das hier hinten früher der Raum mit den Schmelzöfen? Die gusseisernen Bodenanker da drüben sehen fast danach aus.“Der ältere Mann blickte überrascht auf. Er musterte Julians schlichten, dunklen Anzug, dann sah er auf die Verankerungen im Boden, die die Galeriearchitekten als „Industrie-Chic“ weiß überstrichen hatten.
Ein plötzliches Leuchten trat in die Augen des Mannes. „Die Anker? Nein, die Öfen standen drüben, wo jetzt die abstrakten Skulpturen stehen“, sagte er, und seine Stimme klang plötzlich rau und lebendig. „Hier hinten standen die alten Riemenantriebe für die Stanzen. Ich habe als Lehrling noch an denen gearbeitet. Wenn die anliefen, hat der ganze Boden gezittert. Man hat sein eigenes Wort nicht verstanden.“
Julian nickte langsam. Er sah nicht auf die Uhr. Er blickte nicht suchend im Raum umher, ob ihn jemand beobachtete. „Das muss eine unvorstellbare Kraft gewesen sein. Wie haben Sie das mit der Schmierung der oberen Lager gelöst? Die müssen doch permanent heißgelaufen sein.“
„Heißgelaufen? Und wie! Wir hatten damals einen alten Meister, den Weber...“
Hinter Elena schwadronierte Beringer bereits wieder über die „Post-Industrialisierung des urbanen Raums“. Vor ihr erzählte der alte Mann, wie diese Fabrik tatsächlich einmal geklungen, gerochen und vibriert hatte. Julian hörte einfach zu.
Elena trat an die beiden heran. Julian bemerkte sie, lächelte kurz und sagte völlig selbstverständlich: „Elena, das ist Herr Weber. Er hat hier noch gearbeitet, als das wirklich eine Fabrik war.“
Der Alte korrigierte ihn sofort, ohne Scheu: „Keller. Weber war mein Meister.“
„Stimmt. Entschuldigung“, sagte Julian ohne die geringste Verlegenheit. „Herr Keller.“
Elena stellte sich schweigend daneben. Herr Keller tippte mit dem Zeigefinger gegen die Leiter und erzählte weiter von dem Tag im Jahr 1978, als der Riemen der Hauptstanze gerissen war.
„Elena!“, rief Beringers Stimme quer durch den Gang. Er hob sein Glas in ihre Richtung, die Gruppe um ihn lachte über irgendeinen Vorab-Witz. „Kommen Sie rüber! Wir diskutieren gerade darüber, was der Künstler uns mit der industriellen Vergangenheit des Gebäudes sagen will.“
Elena blickte kurz zu Julian, dessen Blick völlig entspannt auf Herrn Keller ruhte. Dann sah sie zurück zu Beringer. „Danke“, sagte sie laut genug, dass es den Gang hinunterreichte. „Ich glaube, ich höre mir gerade das Original an.“
Beringer stutzte kurz, lächelte es dann als vermeintliche Ironie weg und wandte sich wieder seinem Kreis zu. Elena wandte sich wieder Keller zu, der ungerührt weitererzählte.
Stunden später war die Luft draußen kühl und roch nach frischem Regen. Die Stadt war ruhig geworden. Sie gingen nebeneinander auf dem Gehweg, das Klacken von Elenas Absätzen war das einzige Geräusch zwischen den Häuserfronten. Julian hatte die Hände in den Manteltaschen vergraben. Er blickte auf die Pfützen vor sich, vollkommen gelassen, den Kopf vermutlich schon bei den Terminen des nächsten Tages.
Elena ging einen Schritt dichter an ihn heran. Sie schob ihren Arm unter seinen und hakte sich ungewöhnlich fest bei ihm ein. Sie spürte den festen, gleichmäßigen Rhythmus seines Gehens. Julian hielt im Schritt inne und sah sie von der Seite an.
„Was ist?“, fragte er.
Elena sah nach vorn auf den schwach beleuchteten Asphalt. Sie schmiegte sich etwas enger an ihn, und nach einem Moment gingen sie weiter.
„Nichts“, sagte sie und lächelte in die Dunkelheit.
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