Veröffentlicht: 20.08.2026. Rubrik: Persönliches
Held oder nicht Held, alles eine Frage der Blickrichtung
Ich war fünf, als ich zum ersten Mal einen Traktor fuhr.
Jedenfalls war ich davon überzeugt.
Meine Großeltern lebten auf einem kleinen Bauerndorf. Zehn Höfe vielleicht, ein paar Ställe, Scheunen, Misthaufen und dazwischen eine Straße, auf der selten jemand fuhr, der nicht irgendwohin gehörte.
Für mich war das kein Dorf.
Es war die Welt.
An diesem Tag hatten wir gerade zu Mittag gegessen. Kartoffelpfluten und Chriesibrägel vermutlich, damals mein Leibgericht.
„Darf ich raus?“
Ich durfte.
Neben dem Wohnhaus stand der kleine Bührer meines Onkels.
Klein ist relativ. Für einen Fünfjährigen war er riesig.
Der Traktor war damals schon alt, bestimmt fünfundzwanzig Jahre. Der Lack hatte bessere Zeiten gesehen, an einigen Stellen schimmerte Metall durch, und er roch nach Diesel, Öl und etwas, das nur alte Maschinen haben.
Ich kannte ihn.
Ich war schon oft mit meinem Onkel mitgefahren. Ich wusste, wo man hinaufstieg. Ich wusste, wo er saß. Und vor allem wusste ich, wo der Fahrer seine Hände hatte.
Also kletterte ich hinauf.
Ich setzte mich auf den Sitz und legte beide Hände ans Lenkrad.
Vor mir lagen Hebel, Pedale, Schalter und Knöpfe.
Ich bewegte das Lenkrad ein wenig nach links.
Dann nach rechts.
Der Traktor bewegte sich natürlich nicht.
Das störte mich nicht.
In meinem Kopf fuhr ich längst.
Ich weiß nicht mehr, wohin. Mit fünf braucht man kein Ziel. Es genügt, ein Lenkrad zu haben.
Dann fiel mein Blick auf einen Knopf.
Den kannte ich.
Zumindest glaubte ich das.
Ich hatte meinem Onkel oft genug zugesehen.
Das war der Startknopf.
Ich drückte drauf.
Der Anlasser drehte.
Dann erwachte der alte Dieselmotor mit ein paar kräftigen Schlägen zum Leben.
Ich saß wie erstarrt.
Nicht vor Angst.
Vor Begeisterung.
Ich hatte den Traktor gestartet.
Ich.
Der Motor tuckerte und würgte nicht ab obwohl er im ersten Gang war, deshalb fuhr er auch gleich im Schrittempo los.
Ganz langsam.
Aber eindeutig.
Vorwärts.
Ich umklammerte das Lenkrad.
Das hier war kein Spiel mehr.
Ich fuhr.
Wirklich.
Vielleicht hätte ich jemandem rufen sollen. Vielleicht hätte ich mich fragen sollen, warum ein abgestellter Traktor überhaupt losfuhr.
Aber solche Fragen beschäftigen Erwachsene.
Ich war fünf.
Und ich fuhr einen Bührer.
Weit kam ich nicht.
Ein Nachbar ging gerade am Haus vorbei. Ich kannte ihn, aber in diesem Augenblick interessierte er mich nicht besonders.
Mich interessierte mein Traktor.
Er dagegen interessierte sich plötzlich sehr für mich.
Er blieb stehen.
Dann machte er zwei gewaltige Sätze.
Einen Augenblick später war er hinter mir. Eine Hand griff an mir vorbei. Der Motor verstummte.
Mit der anderen zog er die Handbremse an.
Der Traktor blieb stehen.
Einfach so.
Stille.
Ich sah den Mann an.
Er sah mich an.
Soweit ich mich erinnere, sagte er kein Wort.
Keine Standpauke.
Kein „Was machst du denn da?“
Nicht einmal ein „Bist du verrückt?“
Er drehte sich um und ging weiter.
Ich blieb auf dem Fahrersitz sitzen.
Und war empört.
Was sollte das?
Ich hatte den Traktor selbst gestartet.
Ich war gefahren.
Es hatte wunderbar funktioniert.
Und dieser Mann kam einfach daher und stellte ihn ab.
Ohne zu fragen.
Ich bin dann vom Traktor runtergeklettert, Ob meine Großeltern davon erfuhren weiss ich nicht, ich würde nie darauf angesprochen.
An etwas anderes erinnere ich mich.
Der Traktor war bergab gerollt.
Nicht schnell. Ein alter Bührer im Standgas entwickelt keine besondere Dramatik.
Und vor mir stand ein Baum.
Vielleicht drei Meter entfernt.
Heute weiß ich, was der Nachbar gesehen hatte.
Einen alten Traktor.
Einen abschüssigen Weg.
Einen Baum.
Und einen fünfjährigen Knirps am Lenkrad.
Er hatte vermutlich weniger als eine Sekunde gebraucht.
Zwei große Sätze.
Motor aus.
Handbremse.
Weitergehen.
Für ihn war die Sache damit erledigt.
Für mich damals eigentlich auch.
Nur mit einem anderen Urteil.
Ich hielt ihn nicht für einen Helden.
Er hatte schließlich meinen Traktor ausgemacht.
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