geschrieben 2026 von Ansgar Kummerfeld (Ansgar Kummerfeld).
Veröffentlicht: 01.09.2026. Rubrik: Märchenhaftes
Hanna und das Beerenmännchen
Es war einmal … Eigentlich war es zweimal – aber heute schreibe ich nur über dieses eine Mal …
Hanna, ein fünfjähriges Mädchen, spielte allein im Garten. Ihre älteren Geschwister Patrick und Lea hatten für sie mal wieder keine Zeit. Oder vielleicht hatten sie auch keine Lust, denn Hanna war sehr fantasievoll und lebhaft. Und Patrick und Lea konnten ihr nicht immer folgen.
Der Garten war riesig. Für Hanna war er eine eigene Welt. Es gab dort viele Obstbäume: Apfelbäume, Birnbäume und Kirschbäume. Die Kirschen mochte Hanna besonders gern. Außerdem gab es ein Gemüsebeet, um das Hanna gerne einen großen Bogen machte. Im Garten wuchsen auch viele Sträucher mit den unterschiedlichsten Beeren: rote und weiße Johannisbeeren, Blaubeeren, Stachelbeeren und Brombeeren.
Ihre Eltern hatten ein Beet mit Erdbeeren angelegt. Mehrere Reihen Erdbeerpflanzen wuchsen und wucherten dort und schienen sich richtig wohl zu fühlen.
Die Sonne schien heute besonders hell. Der Rasen, den Patrick eigentlich mähen sollte, war schon ziemlich hoch und leuchtete in einem herrlichen Grün.
Gerade als Hanna mit einem Stock zwischen den Beinen umhersprang und sich dabei vorstellte, sie würde auf einem wilden und edlen Ross reiten, stolperte sie über die Wurzel eines alten Apfelbaumes.
Aber anstatt zu weinen, war sie ganz erstaunt: Da war ein kleines Männchen! Es war nicht größer als ihre Handfläche und schaute ebenso verdutzt wie sie.
„Nanu?“, fragte Hanna. „Wer bist denn du?“
Das Männchen antwortete mit einer aufgeregten Stimme: „Hehehe - wer ich bin? Na! Wer bin ich wohl? Ich bin das Beerenmännchen - hehehehe - jaja das bin ich wohl!“
„Das Beerenmännchen? Ich hab noch nie von dir gehört -“, begann Hanna.
„Kannst du auch nicht!“, protestierte das Männchen. „Nein, nein - ich bin geheim und niemand sieht mich! Hehehe!“ Das kleine Männchen kicherte.
„Aber ... ich seh dich doch“, widersprach Hanna.
„Nun“, sagte das Männchen nachdenklich. „Dann musst du wohl etwas ganz Besonderes sein.“ Das Beerenmännchen überlegte. „Was mach ich nur, was mach ich nur …“
Dabei hatte es die Arme verschränkt und wibbte mit dem Fuß.
„ICH HABS!“, rief es dann aufgeregt und sprang von einem Bein aufs andere.
„Ich erkläre dir heute, was ich mache.“ Die Stimme des Beerenmännchens wurde auf einmal ganz ernst. „ABER!“ Das Männchen hob einen Zeigefinger. „Dazu musst du so groß werden wie ich!“
„Du meinst ‚so klein werden‘“, sagte Hanna glucksend.
„Wie auch immer …“, winkte das Beerenmännchen ab und schwubbdiwubb stand Hanna auf einmal neben dem Männchen - genauso groß – oder klein - wie es selbst war.
„Also“, sagte das Beerenmännchen. „Du bist jetzt genauso groß wie ich!“
Hanna nickte stumm.
Der Garten und die Pflanzen waren jetzt deutlich größer. Der Rasen wirkte auf einmal wie ein dichter Dschungel.
„Aber nur weil du jetzt wie ein Beerenmännchen-Mädchen aussiehst, heißt das noch lange nicht, dass du die gleichen Kräfte hast wie ich!“
„Was denn für Kräfte?“, fragte Hanna neugierig und hüpfte vor Aufregung von einem Bein aufs andere – ebenso wie das Beerenmännchen zuvor. Dabei wurden ein paar Brombeeren, die in der Nähe wuchsen, gleich ein wenig größer.
„Halt!“, rief das Männchen und riss die Augen weit auf. „Es scheint, als hätte ich dir versehentlich doch etwas mehr mitgegeben, als ich eigentlich wollte.“
Hanna hörte sofort auf zu hüpfen.
„Zuerst muss ich dir zeigen, wie man richtig hüpft. Sonst geht hier ja alles drunter und drüber!“
Hanna sah aufmerksam zu dem Beerenmännchen.
„Gibt es denn eine besondere Art zu hüpfen?“
„Jaja, hehehe. Aber bevor ich dir zeige, wie man hüpfen tut: Ich bin das Beerenmännchen!"
Damit schien erst einmal alles gesagt zu sein.
Hanna guckte das Beerenmännchen erwartungsvoll an.
„Und das heißt, ich bin für die Beeren in diesem Garten zuständig. Damit alles gut wächst und schön fruchtig und saftig ist“, fuhr es ohne Vorwarnung fort.
„Oh, toll!“, rief Hanna. Dabei hütete sie sich weiter zu hüpfen. Stattdessen wollte sie in die Hände klatschen. Aber wer weiß, was dann passiert wäre? Also blieb sie vorsichtshalber ganz still.
„Hehe“, kicherte das Beerenmännchen. „So. Und nun komm mal hierher – ja genau da ist richtig.“ Hanna hatte gerade mal einen halben Schritt gemacht und blieb dann wie angewurzelt stehen. „Das Hüpfen ist eine besondere Kunst. Du musst erst von der Ferse auf die Zehenspitzen rollen. Schau mal, wie ich das mache.“ Das Beerenmännchen machte es vor und Hanna probierte es gleich mit aus.
„Nein, nein, nein – so musst du tun!“ Das Beerenmännchen wiederholte die Bewegung und Hanna sah dieses Mal ganz genau hin.
„Jaja, hehehe, genau so! Alles ganz einfach, wenn man nur lange genug übt.“
Hanna musste darüber grinsen.
„Und jetzt hüpfen! Nach oben! Hehehe, nach unten geht’s ja auch schlecht.“
Hanna ging in die Knie und wollte einen Sprung wagen. Aber das Beerenmännchen hielt sie zurück.
„Nein! Denk an die Zehen! – Ja, so, und jetzt noch mal: ‚Hüpf!‘ – Jaja, genau so, und die Knie zusammen!“
„Puh“, sagte Hanna. „Das ist aber ganz schön schwierig.“
„Das ist es wohl, hehehe. Aber nach ein paar tausend Jahren hast du den Bogen raus!“
Hanna wollte etwas sagen, aber ihr Mund klappte einfach nur auf.
„Mund zu und noch einmal! Also: erst von der Ferse auf die Zehenspitzen rollen, dann ein ‚Hüpf‘ nach hoch und die Knie zusammenlassen. Dann die Zehenspitzen nach oben ziehen und wieder runter auf dem Boden landen – locker in die Knie, aber nicht zu weit. Versteht sich!“
Hanna und das Beerenmännchen übten noch ein wenig, bis das Männchen schließlich meinte, es sei fürs Erste genug.
„Und jetzt kommt die wichtigste Aufgabe! Die Beeren müssen wachsen und reifen und schön saftig werden“, sagte das Beerenmännchen.
„Kann ich dir dabei helfen?“, fragte Hanna neugierig. Beeren und Früchte aß sie für ihr Leben gern.
„Ja ja, das kannst du - hehehe. Deshalb hab ich dich doch hierher geholt. Welche Beeren kennst du denn schon?“
Hanna überlegte kurz. „Es gibt die leckeren Blaubeeren“, begann sie.
„Jaja, die gibt es. Recht hast du, mein Kind. Und die Blaubeere nennt sich auch Heidelbeere und manchmal auch Waldbeere!“
„Echt?“, staunte Hanna. „Sie nennt sich selbst so?“
„Jaja, hehehe, das tut sie. Woher wisst ihr Menschen sonst, wie sie heißt?“
Darauf wusste Hanna keine Antwort.
„Also, welche Beeren kennst du noch?“
„Johannes-Beeren“, platzte es aus Hanna heraus.
„Hehehe, Johannes-Beeren? Nein, nein, nein! Die heißen Johannisbeeren, mit einem ‚i‘! Sie gehören keinem Jungen namens Johannes nicht, sondern haben ihren Namen vom Johannistag im Sommer. Genau am und um Ende Juni herum werden die Früchte reif und leuchten rot, schwarz oder weiß im Gebüsch! Also, weit und breit kein Johannes zu sehen. Hehehe“
Hanna staunte.
Dann wiederholte sie: „Johan-nis-beeren“
Und merkte sich den Namen.
„Die schmecken ganz toll und Mama kann leckere Marmelade daraus machen.“
„Jaja, das kann sie“, sagte das Beerenmännchen. „Und manchmal helfe ich ihr dabei, hehehe. Aber ich tue das im Verborgenen.“
„Was heißt ‚im Verborgenen‘?“, unterbrach Hanna das Männchen.
„Das heißt, ich bin geheim und kein gar niemand sieht mich, wenn ich etwas tue.“
Das Beerenmännchen kam noch ein wenig näher auf Hanna zu. „Die Johannisbeere hat übrigens ein Geheimnis“, sagte es und sah sich um. „Auch wenn sie ganz glatt ist und keine Piekser hat, gehört sie nämlich zur Familie der Stachelbeeren! Sie sind dicke Cousinen, musst du wissen. Nur dass die Johannisbeere ihre Stacheln einfach weggelassen hat, um beim Naschen nicht zu pieksen!“
Hanna kicherte.
„Und die da.“ Sie deutete auf die Brombeeren. „Die kenne ich auch. Die sehen so ähnlich aus wie Himbeeren. Aber die hier sind viel leckerer!“
„Aber diese Himbeeren heißen Brombeeren“, sagte das Beerenmännchen. Es erhob einen Zeigefinger. „Nenne sie niemals nicht beim falschen Namen.“
„Brombeeren …“, wiederholte Hanna und versuchte sich den Namen einzuprägen.
„Jetzt, wo wir alles geklärt haben“, sagte das Männchen, „lass uns an die Arbeit gehen.“
Das Beerenmännchen wandte sich um und machte Anstalten zum Erdbeerbeet zu marschieren. Hanna stand da und wusste nicht, was sie jetzt tun sollte.
„Wie kann ich dir denn jetzt helfen, wenn ich so klein bin?“
Das Beerenmännchen drehte sich abrupt um.
„Klein?“, fragte es empört. „Du meinst ‚groß‘! Wir sind riesig - auch wenn es dir jetzt nicht so vorkommt. Aber glaub mir: Über die Größe entscheidet die Nachwelt. Wichtig ist nur, was man daraus macht!“
Darüber musste Hanna erst einmal nachdenken. Aber sie verstand nicht, was das Beerenmännchen damit meinte.
„Gut ...“, sagte Hanna langsam. „Wie kann ich dir helfen, wenn ich so ‚riesig‘ bin?“
„Ganz einfach: Ich kümmere mich um die Erdbeeren - die haben sonst niemanden, der sich um sie kümmert. Das sind nämlich eigentlich gar keine Beeren …“
„Nicht?“, fragte Hanna erstaunt. „Aber sie heißen doch so.“
„Jaja, das tun sie“, antwortete das Beerenmännchen. „Aber in Wahrheit gehören sie zu den Nüssen!“
„Jetzt schwindelst du!“, tadelte Hanna.
„Hehehe – nein, nein - das tue ich nicht. Erdbeeren gehören zu den Nüssen. Genauer gesagt gehören sie zu den Sammelnussfrüchten. Aber das führt zu weit.“
Hanna wollte etwas erwidern. Doch das Beerenmännchen redete weiter, bevor sie auch nur ein Wort sagen konnte.
„Hast du dich nie gefragt, warum dein Bruder Patrick allergisch auf Erdbeeren reagiert, obwohl er doch nur keine Nüsse essen kann?“
Hanna war verwirrt. Jetzt, wo das Beerenmännchen es erwähnte, kam ihr die Sache doch komisch vor. Hatte das Beerenmännchen vielleicht doch Recht?
„Ok“, sagte Hanna. „Erdbeeren sind also keine Beeren.“
„Du sagst es, hehehe – bist ein kluges Mädchen!“
„Und was mache ich, wenn du bei ihnen bist?“
„Die Brombeeren sind reif. Hast du Lust, sie zu ernten?“
Hanna ging zu den Brombeeren und sah sich die großen schwarzen Beeren an. Wie sollte sie sie jetzt ernten?
Hanna überlegte.
Erst versuchte sie, den Strauch zu schütteln wie einen Apfelbaum. Aber dafür war sie jetzt zu klein. Der Strauch war jetzt fest wie eine Eiche.
Dann kletterte sie hoch. Das ging einfacher, als sie dachte, denn die Dornen waren wie eine Leiter. Doch als sie oben war, wusste sie nicht weiter. Die Beeren schienen unerreichbar zu sein.
„Hehehe“, lachte das Männchen. Aber nicht unfreundlich. Es fand Hannas Idee mit der Dornenleiter sogar ziemlich gut. Andererseits lachte es, weil Hanna wohl vergessen hatte, dass sie nun ‚zaubern‘ konnte.
„Komm wieder runter!“
Hanna wagte den Abstieg. Dabei musste sie aufpassen, dass sie wirklich jede „Stufe“ mit dem Fuß erwischte. Denn die Dornen wuchsen nicht immer im selben Abstand. Manche waren etwas dichter zusammen, andere viel weiter auseinander.
Als sie unten angekommen war, musste sie erst einmal verschnaufen. Hundertneunzehn Dornen-Stufen waren ganz schön viel.
„Ich hab dir doch Kräfte gegeben – hehehehe!“
„Aber was muss ich denn machen, um die Beeren zu pflücken?“
„Das weiß ich nicht!“, sagte das Männchen aufgeregt und es klang eigentlich eher wie eine Frage.
„Kannst du mit den Fingern schnipsen?“
Hanna versuchte es. Sie hatte es vorher nie ausprobiert und der erste Versuch schlug fehl.
„Nimm mal die rechte Hand – ja, ja, genau die. Und nun probier mal - Daumen und Ringfinger so halten.“
Das Beerenmännchen zeigte ihr, wie es das meinte.
„Und jetzt mit viel Schwung und Schmackes den Daumen zurück schnellen lassen!“
Es ertönte ein leises ‚Schnips‘. Drei Beeren fielen sanft herunter und landeten im weichen Gras.
Hanna riss vor Staunen die Augen auf.
„Du brauchst etwas, wo die Beeren rein können“, sagte das Beerenmännchen und klatschte in die Hände.
Auf einmal stand eine große Schüssel, die Hanna aus der Küche ihrer Mutter kannte, neben dem Brombeerstrauch und die drei Beeren hüpften hinein.
„Ich glaub, ich träume!“, entfuhr es Hanna.
Sie hatte noch nie erlebt, dass frisch vom Strauch „geschnipste“ Brombeeren freiwillig in eine Schüssel, die aus dem Nichts gekommen war, hineinhüpften.
„Hehehehe“, kicherte das Beerenmännchen.
„Also. Du weißt nun, wie es geht und ich unterhalte mich mal mit den Erdbeeren. Die treiben es dieses Jahr wirklich zu bunt!“
Hanna probierte das Schnipsen gleich noch einmal aus und die nächsten Brombeeren purzelten, ohne dabei kaputtzugehen, in die große Schüssel ihrer Mutter.
Damit sie schneller fertig wurde, hatte sie das Fingerschnipsen gleich mit beiden Händen versucht. Und nach anfänglichen Schwierigkeiten funktionierte es wirklich.
Schon bald war die Schüssel bis zum Rand voll.
„Ich glaub, ich bin jetzt fertig“, sagte Hanna.
Das Beerenmännchen kam von den Erdbeeren und sah sich Hannas Ernte genau an. Dann verzog es das Gesicht.
„Was? Was ist das denn?“, kreischte es aufgeregt.
„Du hast ja die grünen gleich mitgeschnipst! - So geht das nicht! Wir brauchen nur die reifen Beeren!“
Hanna sah ganz betreten aus. Sie hatte in ihrem Eifer nicht bemerkt, dass auch die grünen Beeren vom Strauch geflogen waren.
„Macht alles nix“, sagte das Männchen überschwänglich und machte eine kleine Handbewegung.
Im Nu hingen die unreifen grünen Beeren wieder am Strauch, als wären sie nie fort gewesen.
„Tut mir leid“, sagte Hanna traurig.
„Alles nicht so schlimm - das kann jedem mal passieren!“, sagte das Männchen versöhnlich. Dann machte es ein nachdenkliches Gesicht.
„Ich weiß noch, als ich zum ersten Mal meine Arbeit anfing. Das muss erst drei oder viertausend Jahre her sein – na, egal. Aus Fehlern lernen wir schließlich.“ Das Männchen kicherte erneut.
„Also, beim nächsten Mal bitte nur mit der rechten Hand schnipsen. Sonst denken die Unreifen, sie sollen auch schon mitkommen!“
„Verstanden“, lachte Hanna. Dass jemand schon so alt sein könnte, schien ihr völlig absurd.
Mama und Papa waren auch schon ganz schön alt. Zwar mit Sicherheit noch keine viertausend Jahre. Aber ihr Großvater kam bestimmt in die Nähe.
Hanna schnipste mit der rechten Hand noch ein wenig weiter, und die übrigen reifen Brombeeren versammelten sich in der Schüssel.
„Ich glaube, ich bin jetzt wirklich so weit!“
„Dann lass mal sehen ... Jaaaa - das sieht gut aus. Sehr gut sogar, hehehe!“
Hanna war stolz, dass sie so viele schöne Brombeeren ganz alleine vom Strauch schnipsen konnte.
Das Beerenmännchen sah sich um.
„Ich möchte dir was zeigen. Die Erdbeeren im Beet haben mich darauf aufmerksam gemacht!“
Hanna wurde neugierig.
„Was haben sie dir denn erzählt?“
„Schau mal dort! Am Zaun!“
Hanna blickte sich um. Sie musste die Hand vor die Augen halten, um so weit in die Ferne gucken zu können.
„Kannst du es sehen? Das sind Wilde!“
Hanna verstand erst nicht, was das Beerenmännchen meinte. Dann sah sie es: Die typischen Blätter von Erdbeeren. Aber sie sahen anders aus. Und es schimmerte etwas Rotes dazwischen hervor.
„Sind das auch Erdbeeren?“
„Jaja, das sind sie wohl. Aber das sind wilde Erdbeeren. Die haben sich hier einfach hingepflanzt - ohne sich anzumelden!“
Hanna musste ein kleines Kichern unterdrücken.
„Müssen Erdbeeren sich denn anmelden, wenn sie irgendwo wachsen wollen?“, fragte sie und wurde die Vorstellung nicht los, wie eine Erdbeerpflanze ein Formular ausfüllte.
„Jaja, das müssen sie schon“, antwortete das Beerenmännchen mit ernster Mine. „Zumindest müssen sie vorher Bescheid sagen. Sonst geht ja alles drunter und drüber im Garten, hehehe.“
„Aber warum haben diese Erdbeeren denn noch Früchte?“, fragte Hanna.
„Das machen die mit Absicht! Die haben ihre eigenen Regeln und können bis in den Oktober Früchte tragen.“
„Und warum machen das die anderen Erdbeeren im Beet nicht?“
„Die würden schon. Aber unterwegs verlieren sie die Lust!“
„Aha …“ Hanna konnte sich das nicht so recht vorstellen.
Zusammen liefen sie zu dem Zaun und betrachteten die Pflanzen.
„Die Früchte sind ja viel kleiner!“, sagte Hanna enttäuscht.
„Klein? Nein, nein, nein, die sind riesig. Probier mal – warte kurz.“ Das Beerenmännchen beugte sich vor und bewegte die Arme und Hände wie Blätter im Wind. Die Erdbeerpflanzen raschelten zurück.
„Die sprechen einen fiesen Dialekt“, sagte das Beerenmännchen. „Aber wenn sie bleiben dürfen, darfst du dir diese Frucht da nehmen.“ Es deutete auf eine besonders schöne rote Erdbeere.
Hanna griff mit beiden Händen zu und pflückte die Frucht.
„Danke, liebe Erdbeeren“, sagte sie und biss ein Stück davon ab.
„Hmm, die schmecken ja viel … viel …“ Sie suchte nach dem richtigen Wort. „Besser“, sagte sie schließlich. Ihr fiel einfach nichts Besseres ein.
„Die müssen unbedingt bleiben. Ach, liebes Beerenmännchen, erlaube es ihnen doch bitte!“
Ein lautes Brummen ertönte und Hanna musste sich die Ohren zuhalten. Als es wieder still wurde, sah das Beerenmännchen zur langen Einfahrt.
„Hast du’s nicht gehört? Deine Mutter kommt vom Einkaufen und geht gleich in die Küche!“
„Ist das denn so schlimm?“, fragte Hanna.
„Nur in diesem Moment und Augenblick“, sagte das Beerenmännchen hektisch.
„Schnell, zur Wurzel vom Apfelbaum!“
Hanna war verwirrt. Was war denn nun mit den wilden Erdbeeren, die so viel besser schmeckten? Und was hatte die Baumwurzel mit ihrer Mutter zu tun?
Das Männchen nahm Hanna an die Hand und stampfte einmal mit dem Fuß auf. Schon waren sie an der Wurzel vom Apfelbaum, über die Hanna vorhin noch gestolpert war.
Das Beerenmännchen war hektischer und aufgeregter als zuvor. „Du musst sie aufhalten – ganz kurz und lang genug!“
„Wozu?“, fragte Hanna. „Und was wird aus den wilden Erdbeeren?“
„Später, Kindchen. Jetzt ist erst mal deine Mutter dran!“
„Aber was soll ich denn machen?“ Hanna wusste nicht mehr weiter und ein paar kleine Tränchen kullerten aus ihren Augen.
„Das ist gut, so wird es funktionieren!“, sagte das Beerenmännchen und lächelte.
Mit einem kleinen Plopp und einem Schwubbdiwubb war sie wieder so groß wie zuvor und saß neben der Wurzel im Gras. Das Beerenmännchen war verschwunden.
„Hanna!“, rief ihre Mutter.
„Ich bin hier“, antwortete Hanna, schniefte und wischte sich die Tränen aus den Augen.
Ihre Mutter kam aus dem Haus gelaufen.
„Oh, hast du dir wehgetan?“
„Das Beerenmännchen …“, begann Hanna. „Und die … die wilden Erdbeeren …“
„Ach, Hanna.“ Ihre Mutter nahm sie tröstend in den Arm. Sie verstand natürlich kein Wort von dem, was das Kind sagte. Sie umarmte Hanna und half ihr auf die Beine.
„Komm, wir gehen zusammen in die Küche.“
Hanna war erschrocken. Sie sollte ihre Mutter doch von der Küche fernhalten.
„NEIN!“, sagte sie laut. „Nicht in die Küche.“
„Aber Hanna“, sagte ihre Mutter verwundert. „Ich hab dir doch was mitgebracht. Nun komm schon.“
Hanna sträubte sich, kam aber schließlich doch mit. Als sie die Küche betraten, staunte Hannas Mutter.
Auf dem Tisch standen zehn große Gläser mit frischer Brombeermarmelade.
„Nanu? Wo kommen die denn her?“
„Das war bestimmt das Beerenmännchen“, sagte Hanna stolz. „Und die Brombeeren hab ich ganz alleine vom Strauch geschnipst!“
Hannas Mutter versuchte gar nicht erst, Hannas Worte zu verstehen. Sie grübelte noch immer, wo die viele Marmelade herkam.
„Guck mal, Mama!“
Hanna hob ein kleines Glas Marmelade hoch.
„Das ist bestimmt von den wilden Erdbeeren!“
Hannas Mutter nahm das Glas und las das Etikett:
FÜR HANNA
DANKE, DASS WIR BLEIBEN DÜRFEN
„Also, Hanna“, begann ihre Mutter. „Nun erzähl mir doch bitte, was hier passiert ist.“
Und Hanna begann ihr Abenteuer mit dem Beerenmännchen zu erzählen.
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