Veröffentlicht: 09.09.2026. Rubrik: Unsortiert
Nächster Stopp...
In der U-Bahn flimmerte kurz das Licht, dann blieb es stehen. Cora, die kurz den Atem angehalten hatte, wurde nun wieder beweglich in ihren Gliedern. Sie war nun drei Monate dabei, drei Monate zertretene Fluppen vom Boden, vergessene Zeitschriften von Sitzen aufheben und verschüttete Getränke oder Körperinhalte von Scheiben hinabwärts reinigen, drei Monate, an denen es in jeder ihrer Pausen immer zur 1:35 Uhr nachts ein dünn bestrichenes Streichwurstbrot gab. Sie war eigentlich Vegetarierin. Das bedeutete, sie aß eigentlich keine Streichwurst. Doch sie konnte sich Brotbeläge gerade nicht leisten und so klaute sie jeden Abend um Mitternacht von ihrem Mitbewohner, bevor sie sich fertig machte zur Arbeit, je eine Messerspitze voll der immer selben Streichwurst. So wenig wie möglich, so viel wie nötig. Sie dachte, es wäre unentdeckt geblieben, doch ihr Mitbewohner hatte es längst bemerkt, sagte aber nichts.
Das Licht flackerte wieder und Caro setzte sich einen Moment auf einen der U-Bahn-Sitze und schloss ihre Augen. Sie träumte sich in ferne Weiten, Weizenfelder satt. Ein kleiner Bungalow mit Terrasse mit Schaukelstühlen, selbstgemachter Limonade für zwei und eine kleine bunte Katze, die durch die Gegend striff. Es war ein strahlender Sommertag, Vögel kreisten über dem Land und Caro stellte sich vor, wie sie im Inneren des Hauses etwas gebacken hatte, um nun auf die Veranda zu treten, ihren Besuch freudig erwartend. Ein kleiner Ruck ging durch die U-Bahn, das Zeichen, dass ihre Arbeitszeit gleich geschafft war und die U-Bahn gleich an ihren Ausgangspunkt zurück geführt werden würde. Nur widerwillig, löste sie sich von ihrem Bungalow, der Weite, dem Kätzchen. Sie hatte schmunzeln müssen, denn noch wahnwitziger, als dass sie irgendwann so leben könnte, kam es ihr vor, dass es ihr in diesem Leben noch einmal gelingen würde, etwas zu backen, bevor es anbrannte. Gleich würde sie in ihrem Zimmer liegen, Matratze am Boden, Glühbirne von der Decke baumelnd und ein großer Rucksack an der Wand. Ihre wenigen Habseligkeiten wie Kleidung und ein Buch, Stück Seife, lagen aneinander gereiht daneben. Das Leben war hart, sie kannte immer noch niemanden in der Stadt außer ihrem Mitbewohner.
Als sie auf dem Weg nach Hause an dem Minimarkt hielt, wo sie immer einkaufte, wollte sie gerade mit ihrem Brot zur Kasse, als sie auf eine sehr stark verbeulte Dose Ananasscheiben aufmerksam wurde. Ihr Herz klopfte wild. Sie spürte, wie ihr der Speichel im Mund zusammenlief. Mit zittrigen Händen legte sie die Dose in den Einkaufskorb und ging zur Kasse. Der Kassierer beäugte die Dose skeptisch, war bereit, Rabatt zu geben und scannte die Dose fünf Minuten lang vergebens. Das Etikett war zu sehr verletzt. Eine andere und letzte Dose zum Vergleich hatte Cora wohlweislich zuvor hinter Champignons Konserven geschoben, und so fand man keine Ananasdose mit der der Kassierer sie hätte vergleichen können, so schenkte er sie ihr tatsächlich. Zu Hause angekommen wirkte alles etwas farbiger für sie. Sie setzte sich zum kleinen Fenster hin, nahm sich eine Scheibe Brot, riss am Ring der Dose und ließ die volle Süße der ersten Ananasscheibe in ihrem Mund zergehen. Als sie nach unten auf die Straße blickte, dachte sie: Es ist so viel Treiben da unten. Auch fühle ich mich einsam und verloren, aber es ist doch eine Chance, einen guten Platz zu finden, Menschen zu finden, die einen wirklich mögen. Sie dachte an ihren Tagtraum in der U-Bahn von dem Bungalow mit den zwei Limonaden auf der Veranda. Sie fragte sich, wer wohl die andere Limonade trinken würde. Hoffentlich dauert es nicht mehr lange. Sie angelte nach dem nächsten Ananasring. Er schmeckte so süß wie der erste.
Autorin: Von Gott inspiriert, von mir, Silla/Herbstsonne, niedergeschrieben.
Meine Geschichten sind auf Rechtschreibung und Grammatik geprüft, mit Unterstützung von ChatGPT.
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