Veröffentlicht: 14.09.2026. Rubrik: Persönliches
Abschied
Stumm stehe ich in der Wohnungstür. Aus dem Erdgeschoss klingt dein Lachen zu mir herauf, dann fällt die Haustür ins Schloss. Ich reiße das Küchenfenster auf und lehne mich hinaus. Unten fährt gerade das Taxi vor. Der Fahrer steigt aus und lädt dein Gepäck in den Wagen. Einen Koffer und einen Rucksack. Nur das Nötigste, mehr wolltest du nicht mitnehmen. Schließlich willst du deinem neuen Leben nicht in einem ausgeleierten Pullover gegenübertreten. Bevor Du ins Taxi steigst, winkst du noch einmal zu mir herauf und lachst. Auch ich lache und winke zurück, ganz automatisch. Du sollst deine Mama nicht weinend im Gedächtnis behalten.
Dann biegt das Taxi um die Ecke und ich bin allein. Endgültig. Dein Lachen ist verschwunden. Langsam löse ich mich vom Küchenfenster. Die Tränen werden erst später kommen, wie beim Auszug deiner Brüder. Auch sie sind gleich nach dem Abitur in die Welt hinausgezogen. Vielleicht, um der häuslichen Enge zu entkommen, vielleicht auch meiner mütterlichen Fürsorge.
Wie ferngesteuert gehe ich in dein Zimmer. Es ist aufgeräumt und sauber. Deine persönlichen Dinge sind fort. In Kartons gepackt, auf dem Dachboden. Die Legohäuser hast du auseinandergebaut und die Steine nach Bauwerken getrennt in Plastikbeutel sortiert. Ich habe das Klacken bis in mein Arbeitszimmer gehört. Jeder Klack ein Herzschmerz. Und heute Morgen hast du noch einmal staubgesaugt, als wolltest du nicht eine einzige Spur hinterlassen.
Die ersten Schritte in dein neues Leben wolltest du allein gehen, ohne meine Begleitung. Aus deinem Kinderzimmer heraus, aus der Wohnung, aus dem Haus… auch zum Flughafen durfte ich dich nicht begleiten. Als wolltest du bewusst eine Grenze überschreiten. Von der Kindheit ins Erwachsenenleben, von der Schule ins Auslandsstudium. Und von der Nordhalbkugel zur Südhalbkugel.
Für mich fühlt es sich eher so an, als wolltest du alle Brücken hinter dir abbrechen, wie man so schön sagt. Ich weiß, dass du nicht wiederkommst, was ich nicht weiß, ist, warum du diesen Abschied für mich so schmerzhaft inszeniert hast. Deine Brüder sind einfach gegangen, „tschüss, ich melde mich…“, das wars. Auch der Fotograf, euer Vater, verabschiedet sich so, wenn es ihn wieder einmal in die Welt hinaus zieht. Aber du hast mir seit Tagen das Messer im Herzen umgedreht. Mit jedem Legostein, mit jedem Kinderbuch, das du auf den Dachboden geschleppt hast und mit jedem Plüschtier, das du in deinen Kleiderschrank gestopft hast. Als wären dir diese Dinge peinlich.
War ich dir eine so schlechte Mutter?
Oder warst du enttäuscht, dass ich dich gehen ließ?
Vielleicht wolltest du deinen eigenen Schmerz betäuben...
Ich weiß noch nicht, wie ich damit umgehen soll.
An der Wand in deinem Zimmer hängt die Karte von Australien. Daneben der Stadtplan von Sydney. Zwei Kreuze, das eine, wo die ‚University of Sydney‘ liegt, das andere markiert die Adresse der Familie, bei der du leben wirst. Mit Kugelschreiber hast du deine neue Adresse an den Rand des Stadtplans geschrieben. Ein letzter Hinweis für mich, wo ich dich finden kann? Morgen früh wird dich deine Gastmutter in ihre Arme schließen. Vielleicht wirst du bald ‚Mum‘ zu ihr sagen.
2x



