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geschrieben von Federteufel.
Veröffentlicht: 17.09.2026. Rubrik: Unsortiert


Arenzo und sein Schatten

Am 5. August 2026, gegen 15 Uhr 30 – es war ein Sonntag – brach Arenzo, nachdem er vier Tassen schwarzen Kaffee getrunken und drei hart gekochte Eier verzehrt hatte, zu einer Joggingtour auf. Das Wetter war günstig; die Regenschauer der letzten Tage hatten sich verzogen, und eine strahlende Sonne regierte den tiefblauen Himmel.
Arenzo nahm zunächst die Straße, die aus der kleinen Stadt herausführt, und bog bald in einen Seitenweg ein, der hinaus in die helle Feldflur führte. Er war noch keine hundert Schritte gelaufen, da beschlich ihn das unangenehme Gefühl, verfolgt zu werden. Kann nicht sein, dachte er, ich habe mich doch eben umgedreht und zurück geschaut, da war niemand, und auch auf diesem Feldweg nicht. Unverdrossen schritt er weiter aus.
Während er den Blick nach vorne richtete, meinte er, aus den Augenwinkeln eben eine schwarze Gestalt – oder besser: Den Schemen einer schwarzen Gestalt erblickt zu haben, für den Bruchteil einer Sekunde nur, aber immerhin doch so deutlich, dass er stehen blieb und sich umwandte. Nichts. Nachdenklich setzte er seinen Weg fort. Da waren jetzt schon zwei Erscheinungen, die ihn stutzig machten: Das Gefühl, verfolgt zu werden, und der schwarze Schemen. Vielleicht eine Täuschung, beruhigte er sich. Sie Sonne schien ihm jetzt genau ins Gesicht, sodass er stark blinzeln musste und sich die Hand vor die Stirn hielt. Natürlich, die Schirmmütze! Wieder mal vergessen.
Der Weg bog jetzt scharf nach links ab, das Zeichen, dass der Großteil der zehn Kilometer, die Arenzo sich vorgenommen hatte, noch vor ihm lag. Beschleunigten Schrittes eilte er voran; und dann entdeckte er etwas, womit er insgeheim schon gerechnet, aber als Hirngespinst streng zurückgewiesen hatte: Jemand lief, im Rhythmus seiner, Arenzos, Bewegungen, neben ihm her. Mit leicht vorgebeugtem Oberkörper und schlenkernden Armen und Beinen, aber ohne Nase und Ohren: Sein Schatten, den die Sonne, die jetzt rechts von ihm stand, gestochen scharf auf den Asphalt des Wirtschaftsweges figurierte, etwas magerer zwar, und auch erheblich kleiner, aber doch deutlich erkennbar. „Warum verfolgst du mich?“, fragte Arenzo, „such dir deinen eigenen Weg!“
Es kommt vor, dass auch hartgesottene Realisten sekundenlang sich nicht mehr ganz sicher sind, ob der schnöde Alltag alles ist, was die Welt zu bieten hat. Zum Beispiel, wenn jemand in der Zeitung eine Ladesäule ohne Stromverbrauch anbietet. Oder, wie in diesem Fall, wenn ein erwachsener, offenbar nüchterner und durchaus gestandener Mann (wie es so schön heißt) mit seinem Schatten spricht. Warum auch nicht? Es hört doch niemand zu, und der Schatten, nun ja, der wird es schon nicht verraten . . .
Arenzo setzte seinen Weg fort, ohne seinen Schatten weiter zu beachten. Der trottete geduldig hinter ihm her, ergeben wie ein Hund, der von seinem heimischen Fressnapf träumt. Nur schien es, als sei der Schatten in der letzten Zeit länger geworden: Mittlerweile reichte er bis zur gegenüberliegenden Straßenkante. Leicht zu erklären. Inzwischen war es viertel nach vier, die Sonne war am immer noch strahlend blauen Himmel weitergewandert und hatte nicht nur Arenzos Schatten verlängert, sondern ihn auch überholt. Die Sonnenstrahlen kamen jetzt nicht mehr von schräg vorne, sondern von schräg hinten. „Hoho!“, rief Arenzo, „ich bin schneller als du!“, und er steigerte seine Geschwindigkeit. Doch auch sein Schatten tat dies; Arenzo sah ein, dass er seinen Schatten auf diese Weise nicht überholen konnte und verfiel wieder in sein gewohntes Tempo.
Doch jetzt bemerkte er etwas, das ihm Sorgen bereitete. Ein Auto näherte sich; in wenigen Sekunden würde es seinen Schatten erreicht haben und darüber hinweg fahren. Er blieb stehen, drehte sich zur Seite, und versuchte, die Hand seines Schattens zu ergreifen, um ihn von dem Weg weg zu sich heranzuziehen. Auch der Schatten war stehen geblieben, hatte sich ebenfalls zur Seite gedreht und den Arm hinter seinem schwarzen Körper verborgen, sodass der Liebhaber hart gekochter Eier ins Leere griff. Es schien ihm fast, als nehme ihm sein Schatten das Hilfsangebot übel (solche Situationen kommen vor und zwar nicht selten, aus welchem Grund auch immer, aber dass der eigene Schatten, sozusagen sein anderes Ich, dazu fähig war, enttäuschte ihn sehr). Er versuchte noch, im letzten Moment zurück zu springen – doch es war bereits zu spät – der Wagen rollte über den Schatten hinweg, vorsichtig zwar (was dem Fußgänger, nicht dem Schatten geschuldet war); in diesem Moment verspürte Arenzo einen stechenden Schmerz in der Lendengegend und schrie auf. Humpelnd, und immer wieder verschnaufend, erreichte er stark verspätet sein Ziel: Das vierte hart gekochte Ei. –
Arenzo behauptete später in lockerer Runde bei Kognak, Kaffee und hart gekochten Eiern – wobei auch der Erzähler anwesend war (denn woher sonst sollte der diese seltsame Geschichte kennen), nicht das Überfahren seines Schattens habe ihm die Schmerzen bereitet, obwohl er gerne zugäbe, als das Auto auf seinen Schatten zurollte, habe er so etwas wie Angst verspürt. Natürlich, natürlich sei es nicht der Schatten gewesen . . . Es war der ungeschickte Sprung zur Seite, behauptete er immer wieder, wobei sein linker Fuß in ein Loch in der Böschung geraten war und ihm das Iliosakralgelenk, eine Schwachstelle von Geburt an, verrenkt habe. Doch die wiederholten Beteuerungen wirkten nicht sehr glaubhaft
Wie dem auch sei, seltsam ist es schon. Da läuft dieser Mann seit Jahren zweimal in der Woche eine Strecke von zehn Kilometern ab, ohne dass etwas passiert – und gerade in dem Moment, in dem ein Auto über seinen Schatten fährt, verrenkt er sich den Rücken.

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Rika am 17.09.2026:

Eine interessante Geschichte. In der Realität war der 5.8.2026 übrigens ein Mittwoch. *grins*. Aber das nur am Rande und ist auch nicht wichtig. Mir hat es gefallen, wie er mit seinem Schatten geredet hat. Ich selbst rede auch immer wieder mit einem Drachen aus meiner Gedankenwelt, aber nur im Gedanken. Habe ich gerne gelesen.

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